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Kultur Von Wegen Lisbeth über die Schattenseiten des Erfolgs
Nachrichten Kultur Von Wegen Lisbeth über die Schattenseiten des Erfolgs
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13:09 26.06.2019
Popo-Aufsteiger: Die Band Von Wegen Lisbeth Quelle: Nils Lucas
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Hannover

Vor drei Jahren spielten Von Wegen Lisbeth noch im kleinen Lux; im November geht es mit dem aktuellen Album „sweetlilly93@hotmail.com“ in die Swiss-Life-Hall, und die Zeichen stehen auf Ausverkauf. Wir sprachen mit Sänger Matthias Rohde über den Aufstieg der Band.

Wer ist Lilly?

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Wir haben ja früher alle selber Hotmail-Adressen gehabt. „lina23@hotmail.com“ war der Arbeitstitel von unserem Lied „Sushi“ vom letzten Album. Jetzt wurde „sweetlilly93@hotmail.com“ daraus.

Es gibt also kein reales Vorbild? Und „Sweet Lilly“ ist nur der Prototyp eines Nuller-Jahre-Mädchens, das sich in sozialen Netzwerken ausdrückt?

Absolut nicht (lacht); es könnte ja auch ein dicker alter Mann sein.

Und in Wirklichkeit landet man jetzt, wenn man an die Adresse schreibt, bei der Band.

Ja.

Was schreiben die Leute denn?

Sehr nette Sachen, sehr viel liebe Sachen. Und natürlich sehr viel Spam.

Haben Sie nostalgische Gefühle gegenüber der Zeit, als Hotmail und Myspace groß waren?

Nö. Nostalgisch nicht. Es ist halt unsere Kindheit und Jugend. Wobei ... Myspace – das bin ich schon ein wenig nostalgisch. Wir waren damals zwölf bis 14, als wir unsere erste Band hatten. Und damals haben wir Übernachtungspartys mit drei Laptops gemacht und immer die Seite neu geladen, damit wir dort mehr Clicks hatten. Da kam man schonmal auf 100 Plays – die hatten wir uns alle selbst ergaunert.

Und was hat die Band in den vergangenen drei Jahren gemacht, dass es so abgegangen ist?

Wir haben sehr viel gespielt. Und uns dann auf das neue Album konzentriert.

2016 haben Von Wegen Lisbeth im kleinen Lux gespielt; jetzt geht es in die Swiss-Life-Hall ...

Ja, es ist schon ganz schön groß geworden.

Fühlt sich der Wachstum gesund an?

Voll. Wir kriegen keine negativen Sachen ab. Für uns ist es sowieso alles wie früher. Wir werden ja nun nicht auf der Straße angesprochen. Das Einzige, was wir merken, ist, dass mehr Leute zu den Konzerten kommen und mehr Leute die Texte kennen.

2017 spielten Von Wegen Lisbeth im Capitol. Hier geht es zur Konzertkritik.

Ändert das die Herangehensweise an ein neues Album?

Wir haben halt probiert, uns von irgendwelchen Erwartungshaltungen freizumachen. Wir machen nur das, worauf wir selber Bock haben.

Gab es einen persönlichen Arbeitsauftrag?

Dass wir eine Platte machen, die uns gefällt.

Manchmal ist es so einfach ...

Ja, wir hätten die Platte gerne ein Jahr früher gemacht, aber da waren wir noch nicht so weit.

Das Album ist sehr vielschichtig, so dass kaum Einflüsse auszumachen sind. Reichen die vielleicht wirklich, wie es einmal auf dem Album heißt, von 2Pac bis Brecht?

Wir sind halt fünf sehr unterschiedliche Leute mit sehr unterschiedlichen Einflüssen. Das zieht alles mit rein. Und wir hören alle Berliner Rundfunk 91.4, einen Sender, bei dem 60er, 70er, 80er laufen.

Gerade letztere hört man stark heraus. Aber die 80er waren doch weit vor Ihrer Jugend, oder?

Ja, aber trotzdem gab es da die schönere Musik.

Wie entstehen die Songs?

Ich habe immer ein paar Akkorde und einen Satz vom Text, und dann machen wir den Song fertig und ich dann den Text.

Was war denn die erste Textzeile vom neuen Album?

Das älteste Lied auf dem Album ist „Wieso“, und die erste Zeile daraus war „Schreib’ mir nicht, du weißt, wieso. Mein Handy liegt im gelben Sack“, also letztlich die erste Zeile auf dem Album. Ein Zufall.

„Ich hab da, wo ich am meisten fühl’, am wenigsten zu sagen“, heißt es auf dem Album. Was blieb denn ungesagt?

Am Ende singen wir am meisten über Liebe und Alltagsbeobachtungen. Wie gesagt: Ich gehe meist von einer Zeile aus, nicht von einem bestimmten Thema.

Sind Sie eigentlich Romantiker? Denn jemand, der „Pisse“ auf „Vermisse“ reimt, ist entweder pessimistischer Romantiker ...

Ja, das würde ich so annehmen; als Kompliment ...

... oder Optimist mit Galgenhumor.

Doch, so kann man mich schon bezeichnen.

Gibt es jemanden, der sich mit dem Song angesprochen fühlen könnte?

Ja, vielleicht. Es ist immer eine Mischung. Der Grundgedanke ist immer autobiografisch; den Rest dichte ich drumherum.

Wie wirkt sich die neue Größe der Band auf die Konzerte aus?

Es sind halt viel mehr Leute. Auch die Crew wird immer größer.

Und die Konzerte werden weniger intim.

Das haben wir uns tatsächlich auf der Tour überlegt: Wollen wir einmal in einer großen Basketballhalle spielen oder dreimal in einem kleineren Laden? Was wirklich schöner wäre.

Was tun?

Wir machen einfach ein richtig schlechtes drittes Album, und dann kommen wieder kleinere Touren (lacht): das ist der Plan.

Von Wegen Lisbeth live: am 2. November in der Swiss-Life-Hall. Noch gibt es Karten für 33,95 Euro) in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch