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Kultur Von Menschen und Fischen
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11:18 26.08.2011
Von Karsten Schmidt
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In fast akrobatischen Übungen versucht ein Mann , sein Bein aus dem Wandspalt zu ziehen, es ist eine Sequenz aus dem zweiteiligen Film „Orient“. Quelle: Film-Still
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VON EVELYN BEYER

HANNOVER. Die Neonfische wirken unbeeindruckt. Im Schwarm schwänzeln sie unter den hängenden Wänden herum, die in Großformat derzeit auf der Biennale in Venedig Furore machen. Während ihr Aquarium selbst Teil von Kunst ist. Markus Schindewald hat es in dunkelrote Dämmerung getaucht, schwelende Filmsounds umschweben sie, eine kathedrale Installation.

„Einen der schönsten Kunstvereine Deutschlands“ habe Hannover, meint der 38-jährige Österreicher, so sagte er die Schau gern zu. Inzwischen hat er in Venedig mit seiner eigenwilligen Installation im österreichischen Pavillon Aufsehen erregt. Architektur, Skulptur, Film und Malerei verbindet er da in unverwechselbarer Weise, spürt den Zurichtungen des Menschen durch Konventionen und Rituale nach.

Hannover hat nun das Glück, ein Stück Biennale zu erhaschen, den Film „Orient“, der der Schau den Titel gibt, Orient eher für Orientierung als für Morgenland. Außerdem die verrätselnd übermalten Porträts, in Venedig in Öl, hier sind es Stiche aus dem 19. Jahrhundert, deren der Künstler Schals oder Jacken übers Gesicht zeichnet. Kleidung wird Verhüllung, die ihrerseits Menschen formt: Das war stets Schinwalds Thema, im Kunstverein ist seine erste Arbeit zu sehen, von 1996, ein Hemd mit verkehrt eingenähten Ärmeln: „Man muss darin die Hände hochnehmen – Geste des Jubels und der Kapitulation.“

Keinesfalls wollte Schinwald in Hannover „eine Karaoke meiner selbst“ abliefern. Alles ist neu und inszeniert „wie ein Song mit Strophen und Refrain“. Anfang und Ende in strengem Weiß, zwischen großen Blöcken sind Chippendale-Beine eingespannt. Obwohl es Holz ist, tut der Anblick weh. Feierlich tiefrot dagegen der Mittelraum, hier schwimmen die Fische durch Modelle früherer Ausstellungen, „analoge Antwort auf das Computer-Hollywood“, so der Künstler: „Ein Film, in dem nichts passiert, wird nach drei Minuten langweilig. Ein Aquarium nicht.“

Sein zweiteiliger Film ist nicht langweilig, intensive Bilder. Gesten, ein Jucken, ein Hose-Hochziehen werden durch Wiederholung zur Choreografie, ein Mann kämpft um sein Bein, das in einer Wandspalte steckt, vergebliches Tun. Nebenan wippt die brustlose Marionette „Eli“ zwanghaft mit einem Fuß: Was strukturiert Körper und Psyche, wie wird Gewohnheit zur Macke, wie Präsentation zur Verformung? Eine spannende künstlerische Untersuchung.HHHHH

Eröffnung heute, 26. 8., 20 Uhr, bis 6. November. Künstlergespräch mit Markus Schinwald Samstag, 27. August, 18 Uhr.

Katalog 15 Euro.

Bewertung: 5/5