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Kultur Vielen Städten droht der Kahlschlag der Kultur
Nachrichten Kultur Vielen Städten droht der Kahlschlag der Kultur
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22:35 23.02.2010
Von Jutta Rinas
Sprengel Museum Hannover Quelle: Ralf Decker
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Was ist uns die Kultur wert? Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Joachim Lux, hat dazu jetzt eine ungewöhnliche Bürgerbefragung veranstaltet. Die Zuschauer durften bei der Premiere von „Nathan der Weise“ selbst bestimmen, welche Eintrittspreise sie bezahlen. Lux reagierte damit auf die heftig geführte Spardebatte in der Hansestadt. Infolge der Finanzkrise muss Hamburg bis 2013 1,15 Milliarden Euro einsparen: 7,7 Millionen davon sollen aus dem Kulturetat kommen. Das Ergebnis der Publikumsbefragung: Die Zuschauer bezahlten freiwillig mehr als in einer normalen Vorstellung. An einem regulären Theaterabend entspreche der Durchschnittspreis 13,70 Euro, an diesem Abend 14,27 Euro. Die Preisspanne reichte von 50 Cent bis 180 Euro.

Die Frage, was Kultur uns wert ist, hat 2010 eine dramatische Note bekommen. Infolge der Finanzkrise haben Steuerverluste in den kommunalen Kassen zum Teil gigantische Löcher gerissen. Der Deutsche Städtetag prognostiziert für 2010 ein Rekorddefizit von zwölf Milliarden Euro. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat befürchtet einen „Spar-Tsunami“ und fordert einen Nothilfefonds. Ein Grundkonflikt bestimmt die Kürzungen in der Krise.

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„Leuchtturmprojekten“, die Millionen verschlingen, wie die Hamburger „Elbphilharmonie “, stehen radikale Kürzungen in der Infrastruktur, bei Theatern, Bibliotheken, Museen oder Musikschulen gegenüber. Ein drastisches Beispiel für so eine Kulturpolitik der Extreme ist Köln. Die Stadt schiebt ein Haushaltsdefizit von 540 Millionen Euro vor sich her. Bis 2012 erwartet der Kämmerer wegen weiterer Einbrüche bei den Steuereinnahmen noch einmal 39 Millionen Euro Schulden, ganz zu schweigen von den Kosten für den Einsturz des Stadtarchivs, die bislang bei 61,5 Millionen liegen. Eklatante Kürzungen im Kulturbereich sind die Folge: 18 Prozent der Leistungen sind 2010 gestrichen worden, 3,5 Millionen weniger haben allein die städtischen Bühnen und das Gürzenich-Orchester für sich.

Dass die Stadtoberen trotzdem entschieden, ein neues Schauspielhaus für 290 Millionen Euro zu bauen, hat fast den Charakter von absurdem Theater. Der Widerspruch zwischen architektonischem „Leuchtturm“ und dem Kahlschlag der kulturellen Infrastruktur ist so krass, dass er heftigen Widerstand bei den Kölnern provoziert. „Mut zu Kultur – Inhalt vor Fassade“ nennt sich eine Initiative, die prominente Unterstützer wie die Künstlerin Rosemarie Trockel, den TV-Komiker Dirk Bach oder den Verleger Alfred Neven-Dumont hat. Bis Mitte März 2010 will man 30.000 Unterschriften gesammelt haben, um den Ratsbeschluss zu kippen. Sogar Schauspielintendantin Karin Beier ist gegen den Neubau. Sie fürchtet, dass kein Geld mehr für Inszenierungen da sein wird, wenn das neue Haus fertig ist.

Wie schnell es so weit kommen kann, könnten die Kölner von Wuppertal lernen. Im Januar 2009 feierte die Stadt die glanzvolle Einweihung des neuen Opernhauses: 25 Millionen Euro hatte der Rat in die aufwendigste Sanierung seit Kriegsende gesteckt. Mittlerweile hat die Wirtschaftskrise die Verschuldung Wuppertals in die astronomische Höhe von 1,8 Milliarden Euro getrieben. Konsequenz: Dem neuen „Leuchtturm“ steht als Sparmaßnahme die mögliche Schließung des Schauspielhauses gegenüber. Bibliotheken, Schwimmbäder sind vom Aus bedroht. Auch in Wuppertal gibt es Proteste: Mehr als 2000 Menschen machten Ende Januar bei einem 24-stündigen Theatermarathon gegen den Ausverkauf der Kultur mit. Am 27. März wird die nächste große Protestaktion laufen.

Der wohl stärkste Kontrast zwischen einem Großprojekt und einer verdorrenden Infrastruktur ist im Ruhrgebiet zu beobachten. Ein Jahr feiert sich die Region als Kulturhauptstadt „Ruhr 2010“ mit einem Veranstaltungsmarathon der Superlative, finanziert aus einem 63-Millionen-Etat mit 300 Projekten und 2500 Veranstaltungen. Grotesk: Damit sich alle 53 Kommunen der Region an dem Spektakel beteiligen konnten, musste das Land ein Zehn-Millionen-Sonderprogramm auflegen. Viele Städte im Ruhrgebiet operieren mit einem Nothaushalt und durften keine Sonderausgaben für ihre Beiträge zu „Ruhr 2010“ einplanen.

„Listen der Tränen“ werden die Sparprogramme in Bochum, Essen oder Dortmund genannt. 400 Posten stehen in Duisburg zur Disposition. Schulen, Bibliotheken, Schwimmbäder – das Haushaltssicherungskonzept Bochums macht vor kaum etwas halt. In der von der Opel-Krise und der Nokia-Schließung gebeutelten Stadt droht das neue Konzerthaus für die Bochumer Symphoniker zu scheitern, obwohl die Bochumer Bürger 12,3 Millionen Euro gespendet haben, damit ihre Stadt ein neues Haus der Musik bekommt.

Was ist uns die Kultur 2010 wert? Mehr als im Jahr 2009! Das ist die bemerkenswerte Antwort, die das Land Niedersachsen gibt. Tiefrote Zahlen schreibt man hier, allein 2010 werden 2,3 Milliarden Euro an neuen Schulden aufgenommen. Dennoch: Die Kulturausgaben sind „maßvoll weiter angestiegen“, sagt Kulturministeriumssprecher Kurt Neubert. Rund 257 Millionen Euro aus dem Jahr 2009 stehen 2010 etwas mehr als 260 Millionen Euro gegenüber. Auch Hannover nimmt eine Sonderstellung ein: Die Landeshauptstadt leidet seit der Finanzkrise mit einem Defizit von 160 Millionen Euro unter der höchsten Verschuldung der Nachkriegszeit. Dennoch ist auch hier der Kulturetat von 62 auf 63 Millionen Euro angehoben worden.

Hannover investiert gleich in mehrere „Leuchttürme“. An der 25 Millionen Euro teuren Erweiterung des Sprengel Museums, das 2009 mit der Ausstellung „Marc, Macke, Delaunay“ die Rekordzahl von 270.000 Besuchern verbuchen konnte, beteiligt sich die Stadt mit fünf Millionen Euro – am Wochenende soll der Siegerentwurf des Architektenwettbewerbs vorgestellt werden. Mit dem Wiederaufbau des Schlosses Herrenhausen und den rundum erneuerten Kunstfestspielen will Hannover sich als Leibniz-Stadt profilieren. Das neue Schloss finanziert die Volkswagenstiftung mit 20 Millionen Euro, für die Ausstattung des Schlossmuseums will Hannover eine Million Euro geben, für die rund 1,2 Millionen Euro teuren Kunstfestspiele noch einmal 628.000 Euro.

Hannover verfolge die Strategie des Kängurus und mache „mit leerem Beutel große Sprünge“, hat Oberbürgermeister Stephan Weil gesagt – auch weil Hannover für seine „Leuchttürme“ Stiftungen und wichtige Sponsoren gewinnen konnte. Von der Strahlkraft dieser „Leuchttürme“ wird es abhängen, ob die Begeisterung für die Kultur bleibt. Im hoch verschuldeten Essen hat der Initiativkreis Ruhr, ein Zusammenschluss von 59 Unternehmen, jetzt dem international renommierten Klavierfestival Ruhr Kürzungen angedroht. In Zeiten wie diesen müsse mehr Geld für Bildung des Nachwuchses und Forschungsförderung investiert werden, hieß es.

Sparen an der Kultur ist das Thema des „Herrenhäuser Gesprächs“ am Donnerstag um 19 Uhr in der Schlossküche Herrenhausen. Der Eintritt ist frei, Anmeldung an: Herrenhaeusergespraeche@ndr.de