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Kultur Versammlung von Wahrheiten
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11:45 19.01.2012
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Thomas Dannemann konnte man schon in Fernsehkrimis sehen und jüngst als Medienberater in „Marco W.“ – jetzt inszeniert er im Ballhof. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

VON EVELYN BEYER

Krieg und Liebe, Loyalität und Verrat: In Shakespeares „Troilus und Cressida“ geht es um die großen Lebensthemen. Im siebten Jahr der zermürbenden Belagerung von Troja schwören sich Troilus, Sohn von Troja-König Piramos, und Cressida, Tochter des abtrünnigen Troja-Priesters Kalchas, ewige Liebe und Treue. Doch dann holt Kalchas seine Tochter im Austausch zurück auf die Griechenseite – und da scheint auch das Ewige der Liebe vorbei zu sein.

„Ich habe das Stück selbst als Jugendlicher, mit 14, 15 Jahren, gesehen“, sagt Thomas Dannemann, der das Drama im Ballhof Eins inszeniert, „zu DDR-Zeiten noch, im dritten Stock der Volksbühne. Das Paar hatte ich gut in Erinnerung, aber als ich den Text jetzt las, dachte ich: ganz schön kruder Stoff.“

Weshalb es ihn noch mehr interessierte. Denn Dannemann, selbst als Darsteller in Theater, Film und Fernsehen aktiv und 2004 zum Schauspieler des Jahres gewählt, schätzt Stücke, die eher Fragen stellen als Antworten geben: „Das entspricht meiner Anschauung von Welt. Dass es eher eine Versammlung von Wahrheiten gibt als die eine absolute.“

Schon so manchen Klassiker hat er selbst neu befragt, hat am Staatstheater Stuttgart Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ in den Boxring gestellt und im Kölner Schauspielhaus bei Samuel Becketts „Warten auf Godot“ eine ganz reale Geschichtsebene entdeckt, die auf die Vernichtungs- und Arbeitslager der Hitlerzeit anspielt. Er gilt als Regiegröße, in Hannover reizte ihn, „dass man hier auch gern ein Wagnis eingeht“. Was aber gewinnt er Shakespeares „kruder Geschichte“ für Jugendliche ab? „Ich denke, es geht um den Anlass von Kriegen“, formuliert Dannemann sehr sorgfältig, „um die Weitergabe von Gewalt und von demütigenden Erfahrungen. Das ist sehr schlau von Shakespeare aufgebaut, das Stück hat viele Einzelteile, man wandert praktisch von einer Szene, von einer Gruppierung zur nächsten – und in all dem taucht immer wieder etwas auf wie Wettbewerb, Konkurrenz, Neid, Niederdrücken des anderen. Und der, der es erfahren musste, gibt es dann in der nächsten Szene an den anderen weiter.“

Das reiche auch in die Liebe hinein: „Und dann gibt es einen Sinneswechsel bei Cressida, der nicht erklärlich ist.“ Sehr realistisch, sehr jetztzeitig sei auch, wie Geschichte gezeigt werde, als chaotische Folge von Zuständen: „Im Nachhinein kann man das zwar als Kausalität beschreiben – aber erlebt wird sie weder als logisch noch als zwangläufig.“

Premiere Sonnabend, 19.30 Uhr, Ballhof Eins.