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Kultur Unter Cowboys und Centauren
Nachrichten Kultur Unter Cowboys und Centauren
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11:50 23.08.2011
Von Matthias Halbig
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Das Mädchen trifft den Centaur, die Pilobolus-Tänzer verknäueln sich für ihre Schattenbilder.
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Schattentheater? Kinderspiel! Man braucht dazu doch bloß eine Lampe, eine weiße Wand und die Hände. Und beim Raten dann manchmal noch etwas Fantasie. Ist die Fingerkunst jetzt ein Delfin, ein Karnickel oder gar Geheimrat Goethen im Profil?

Im Prinzip kann das jeder, oder? Aber nicht jeder kriegt damit ein voll besetztes Theater von den Socken, macht, dass die Zuschauer einhellig stehenden Fußes applaudieren. Das 1971 gegründete Pilobolus Dance Theater aus Washington Depot (Connecticut) indes schafft das. Denn was nach Provinznest-Tanzerei klingt, ist spätestens seit dem Auftritt bei der Oscar-Gala 2007 eine Weltmarke. Pilobolus heißt ein mikroskopisch kleiner Pilz, der seine Sporen unglaublich weit auswerfen kann. Passt perfekt.

Pilobolus’ Kunst ist Ganzkörperschattenspiel, moderner Tanz, Popmusik, dazu kommt eine Geschichte, eine, die (nicht unwichtig) einen Abend trägt. Die von dem Mädchen Molly (Molly Gawler) erzählt, das gerade flügge wird. Mollys Träume sind voller beunruhigender, wundersamer Wesen, und durch einen Kniff wird sie selbst zur Silhouette im „Shadowland“, wird ein Hund, ein Mensch mit Hundekopf, schnürt das Säckel und sieht dabei aus wie ein Scherenschnitt von Hänschen Klein in Mädel, springt in den Kochtopf von Kannibalen, der sogleich mit ihr davonläuft. Sie trifft Cowboys und Centauren und findet: sich. Es ist die schöne alte, schwierige Geschichte des Erwachsenwerdens, gekleidet in ein fantastisches Abenteuer. Ray Bradburys gruselige Manegengeschichte „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ lässt da grüßen, aber immer geht alles gut aus, im Shadowland regiert offenbar ein Höchstes Wesen von edlem Gemüt.

Hollywood begegnet hier Lewis Carrolls Alice. Die Tänzer werden gemeinsam zu erblühenden Blumen, zu Trucks und Elefanten. Und damit der Zuschauer auch sehen und glauben kann, was die fünf Männer und vier Frauen für die „Illustration“ ihres Coming-of-Age-Märchens ihren Körpern so alles an Verbiegungen und Verschränkungen abringen müssen, findet die Hälfte der Show vor der Leinwand statt.

Das bricht die Illusion, gewiss, verstärkt aber zugleich den circensischen Zauber der Gruppentableaus. Und man ist immer wieder ganz schnell eingetaucht: Wenn es Molly in der Not auf den Meeresgrund verschlägt und Krakenarme sie vorm Ertrinken retten, ist man dicht dran, erleichtert zu seufzen. Das sind die Sporen vom Pilobolus, die haben einen voll erwischt mit ihrem uralten Baffmach-Gift.

„Shadowland“, 19. bis 22. April 2012 im Theater im Aegi, sechs Aufführungen (am 21. und 22. April jeweils 15 und 20 Uhr). Tickets zwischen 33,43 und 68,50 Euro unter 0511 / 44 40 66 und an den Vorverkaufsstellen.

Das Mädchen trifft den Centaur, die Pilobolus-Tänzer verknäueln sich für ihre Schattenbilder.