Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Unorthodox“-Autorin Deborah Feldman brach selbst aus einer ultraorthodoxen Gemeinde aus
Nachrichten Kultur

„Unorthodox“-Autorin Deborah Feldman brach selbst aus einer ultraorthodoxen Gemeinde aus

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:01 21.09.2020
Lebt unorthodox: Autorin Deborah Feldman. Quelle: Mathias Bothor
Anzeige
Hannover

Deborah Feldman (32) wuchs unter ultraorthodoxen Juden in New York auf. Sie musste Jiddisch statt Englisch sprechen und wurde mit 17 Jahren zwangsverheiratet. 2012 brach sie aus der Gemeinschaft aus. Ihre Erinnerungen, der Roman „Unorthodox“ wurde 2019 in Hannover als Bühnenstück uraufgeführt. 2020 hat die Serie zum Buch einen Emmy gewonnen. Die NP hat mit der Autorin gesprochen.

Mit welcher Erwartung gehen Sie an die Uraufführung Ihres Romans an das Bühnenstück heran?

Anzeige

Ich werde leider keine Gelegenheit haben, das Stück zu sehen; wir haben keinen Termin gefunden. Doch ich bin mir sicher, die Theaterleute haben etwas Großartiges daraus gemacht. Zudem möchte ich nicht zwischen dem Stoff und dem Publikum stehen. Wenn jemand davon profitieren kann, finde ich das super. Und wenn niemand profitiert, ist es auch nicht so schlimm. Dann tut es vielleicht der nächste Versuch. Ich wünsche jedenfalls alles Gute. Was ich höre, klingt alles äußerst interessant.

Sie sind also nicht in die Inszenierung involviert?

Nein, gar nicht, das war auch nicht beabsichtigt.

Was hat Sie damals bewogen, diese Geschichte, Ihre sehr persönliche Geschichte aufzuschreiben?

Ich war 22, als ich das Buch schrieb. Ich war gerade dabei auszusteigen – man liest also meine Gegenwartsstimme. Ich habe es aus ganz praktischen Gründen verfasst: weil mir meine Anwältin gesagt hat, es sei noch keiner Frau gelungen, das Sorgerecht für ihr Kind zu behalten, nachdem sie aus der Gemeinde ausgestiegen ist. Ich musste Öffentlichkeit schaffen. Das Buch war eine Notlösung, doch es hat mir geholfen, mein Kind zu behalten. Und von diesen sehr praktischen Gründen abgesehen hoffte ich, dass die Menschen nach der Lektüre verstehen, aus welcher Welt ich komme. Damit diese nicht mehr so exotisch erscheint und ich auch nicht mehr wie ein Exot.

Was hat in Ihnen den Wunsch geweckt, aus dieser anachronistischen, auf Europäer immer noch sehr exotisch wirkenden Welt auszusteigen?

Konkret war es mein Sohn: Ich wollte nicht, dass er so aufwächst wie ich. Unzufriedenheit und Zweifel gab es schon vorher, aber er war der Katalysator. Und an ihm merke ich, dass die Entscheidung richtig war. Und was die Exotik angeht: Mein Buch war mit Sicherheit ein Schritt, das zu ändern. das Theaterstück ist vielleicht ein weiterer. Es baut, so scheint es, eine Brücke des Wissens, und das freut mich.

Sie haben Ihre Welt komplett verlassen und leben inzwischen in Berlin. Was hat sie dorthin gezogen?

Was alle nach Berlin zieht: die große Anonymität und Gleichgültigkeit der Stadt, in der jeder einen Platz findet, egal, woher man kommt, wie wurzellos man ist. Hier können sich alle Arten Menschen wohlfühlen. Hier muss sich niemand fremdfühlen, denn alle sind irgendwie fremd – niemand muss ein Außenseiter sein.

Von Ihnen gibt es den Satz „Wenn du keine Wurzeln hast, hast du auch kein Erbe.“ Haben Sie neue Wurzeln geschlagen?

Auf jeden Fall. Berlin hat eine großartige Geschichte, viele Geschichten, und die für mich wichtige ist die Geschichte der Aufklärung, von Juden, die im 18. Jahrhundert aus den Schtetln nach Berlin geflohen sind, um dort frei zu denken, zu schreiben und zu sprechen. Das ist mein Erbe, und daran habe ich in Berlin angeknüpft.

Haben Sie deutsche Vorfahren?

Mein jetziger Nachname stammt aus der Ehe. Meine Vorfahren hießen Spielmann und kamen aus Bayern. Deshalb habe ich auch 2017 die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten dürfen.

Nun ist Berlin nicht nur die Stadt jüdischer Hochkultur, sondern auch die ehemalige Hauptstadt von Nazi-Deutschland ...

Ich habe ein paar antisemitische Dinge in Berlin erlebt, kann aber nicht sagen, dass es mehr ist als anderswo. Und Berlin war immerhin meines Wissens die letzte Stadt, in der die Nürnberger Gesetze umgesetzt wurden. Es gab dort ganz viel Widerstand. In Berlin gab es immer den Kampf zwischen humanistischen Werten und niederen Instinkten. Aber dass es überhaupt den Kampf gab, spricht für Berlin, denn es gibt viele Orte, in denen nicht gekämpft wurde. Deswegen liebe ich diese Stadt: Sie ist immer noch kämpferisch; sie ist eine Stadt, die sich für sich selbst einsetzen will.

Auch Ihre Geschichte ist die eines Kampfes: einer weiblichen Selbstermächtigung. Ist Ihre Geschichte womöglich beispielhaft für andere Frauen?

Keine Ahnung, da müssen Sie andere Frauen fragen. Es kann sein, in dem Sinne, dass ich es als erste Frau geschafft habe, mit Kind aus der Gemeinde auszusteigen. Das setzte, glaube ich, ein Zeichen der Hoffnung.

Sind Sie auch die letzte?

So weit ich weiß, ja. Ich weiß von anderen Frauen, die es versucht haben und es nicht geschafft haben. Eine hat ihre Kinder verloren und hat sich danach umgebracht.

Wie alt ist Ihr Sohn jetzt?

Er wird 13.

Versteht er, was Sie durchgemacht haben?

Ja. Er hatte wie alle Kinder eine Phase, in der er viele Fragen gestellt hat. Als er acht war, bin ich mit ihm durch die Gemeinde gefahren, und was er sah, war ihm völlig fremd. Er konnte überhaupt nicht verstehen, warum die Leute so aussahen und sich so benahmen. Ich habe ihm gesagt: „Ich bin gegangen, weil ich nicht wollte, dass du so aufwächst. Oder hättest du das gewollt?“ Und er hat geantwortet: „Nein, auf gar keinen Fall. Ich freue mich, dass ich normal bin.“ Das heißt, für ihn ist diese Welt ganz fern und seltsam, und für mich war sie das Gegenteil. Und das bedeutet, ich habe es geschafft, dass er hier in der Außenwelt verwurzelt ist. Genau das wollte ich erreichen: dass er die Freiheit hat, seine Zukunft offen zu gestalten.

Das Stück

„Wir lernen in der Schule, Gott habe Hitler gesandt, um die Juden dafür zu bestrafen, sich selbst erleuchtet zu haben“ – mit solchen Glaubenssätzen wuchs Deborah Feldman auf: unter ultraorthodoxen chassidischen Juden in Brooklyn/New York. Mit 17 Jahren wurde sie zwangsverheiratet. Als junge Mutter wagte sie den Ausbruch, studierte heimlich Englische Literatur und schrieb den Roman „Unorthodox“. So gelang ihr die Selbstbefreiung. Heute lebt sie mit ihrem Sohn in Berlin. „Unorthodox“ wird in Cumberland uraufgeführt (Regie: Swantje Möller).

Das Buch wurde als Serie verfilmt – und die Regie von Maria Schrader 2020 mit einem Emmy ausgezeichnet.

Von Stefan Gohlisch

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel wurde am 22. Januar 2019 zuerst veröffentlicht und anlässlich der Emmy-Verleihung 2020 erneut aus dem Archiv hervorgeholt.