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Kultur Tannhäuser: Bayreuth wird Gayreuth
Nachrichten Kultur Tannhäuser: Bayreuth wird Gayreuth
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10:21 26.07.2019
Roadmovie: Le Gateau Chocolat muss laufen, Tannhäuser und Venus geben Gas. Quelle: Festspiele Bayreuth
Bayreuth

Wagner als Roadmovie? So richtig als Roadmovie? Das geht. Und wie das richtig geht, ist in der in jeder Hinsicht rasanten Fassung des „Tannhäuser“ bei den Bayreuther Festspielen auszumachen. Mit Drag Queen: Bayreuth wird für einige Momente zum Gayreuth. Das Publikum begeisterte sich wie seit langem nicht mehr. Auch, was die Musik betrifft.

Und das schafft vor allem Jungregisseur Tobias Kratzer durch soviel Film wie möglich und sowenig Konvention wie nötig. Soviel Kino war jedenfalls noch nie im Festspielhaus, nicht bei Schlingensief, nicht bei Herheim. Das geht schon gleich mit der Ouvertüre los, die zu einem schönen Stück Filmmusik, nein, nicht degradiert, sondern evolviert wird. Tannhäuser ist hier ein bisschen der Freak, ein dicker Clown im gelb-rot getreiften Bademantel, der mit der wunderschönen Venus, der herzigen Drag Queen Le Gateau Chocolat (eine Art Conchita Wurst nur in Schwarz) und einem kleinen Oscar-Matzerath-Trommler (Manni Laudenbach) in einem alten Kasten-Citröen unterwegs zum Venusberg ist.

Eine Mischung aus Puff und Badehaus

Der Venusberg, der sonst immer eine Mischung aus Puff und Badehaus ist, wird hier zu einem knuffigen Knusperhäuschen mit Gartenzwergen im Vorgarten. Auch hier kann Lust zuhause sein. Und das reicht, weshalb Tobias Kratzer hier die zügige Dresdener Fassung genommen hat und auf das schwüle Pariser Bacchanale verzichtet.

Das mit dem Kino hört sich erstmal ziemlich schräg und neben der Spur an –geht aber unglaublich gut, ebenso passgenau wie witzig und anspielungsreich auf. Da ist dann beim Sängerkrieg die gesamte Bühnenhöhe in der Mitte geteilt, oben Kino, unten Oper. Die Leinwand liefert den Luxus eines erweiterten Geschehens. Das hat dann schon reichlich Witz, wenn unten gesungen wird und oben die Venus in Schwarzweiß mit ihren Gehilfen die Wartburg/das Festspielhaus stürmt, durch die Katakomben läuft und dann live-haftig incognito als Partycrasher beim Sängerkrieg auftaucht. Und dann Katharina Wagner in riesig, die „110“ wählt, Polizeiwagen den Grünen Hügel raufpreschen (im Film) und Polizisten dann in persona auf der Bühne auftauchen und den unbotmäßigen Tannhäuser abführen.

Der Mix, das feine Austarieren der verschiedenen Erlebnisebenen macht hier den Erfolg aus, man ist in einen Zeitkontinuum aus aktueller Gegenwart und Mittelalter. Der Sängerkrieg wird koloriert durch einen filmischen Drohnenflug über die heutige Wartburg und steigt doch in mittelalterlich empfundenen Kostümen. Und dass der Konflikt von asketischem Tugendideal und hedonistischer Schwelgerei, die Wagners Oper beschwört, längst hinfällig ist, zeigt Le Gateau Chocolat in der Pause nach dem ersten Akt ganz real im Park des Grünen Hügels – mit Paaaarty zum Mittanzen auch für Smokingträger.

Pseudo-Glitzer-Blitzer-Brillanten-Box

Der dritte Akt fällt da ein wenig ab, Schrottplatz mit dem schon bekannten Citröen, hier liefert Tannhäuser seine „Rom-Erzählung“ und Wolfram den „holden Abendstern“ ab – nicht bevor letzterer mit der keuschen Elisabeth das Schrottmobil in leichte Bumsbewegungen versetzt hat. Die Pilgerchöre stammen nachdrücklich aus prekären Verhältnissen, und aber allem thront als Abendstern die Werbung einer Pseudo-Glitzer-Blitzer-Brillanten-Rolex.

Alles steht unter Wagners Motto, das dann imaginär am Festspielhaus hängt: „frei im Wollen / frei im Thun / frei im Genießen“. Das gilt hier zumindest für den Regisseur und, was den Genuss betrifft, auch fürs Publikum, das diese Inszenierung mit Riesenbeifall abfeiert, der von einigen Wutschreien durchsetzt ist. Und die Musik? Da hat Valery Gergiev dann doch gewonnen –obwohl er einige Buhs einstecken musste. Im Vorfeld gab es allerlei Despektierlichkeiten über den Klassik-Junkie, der seine „Tannhäuser“-Verpflichtungen durch andere Gastspiele in Salzburg, Wladiwostok und gar Japan, um es nett zu sagen, ergänzt. Im nächsten Jahr ist er nicht mehr dabei. Termine, Termine.

Was aber hier nicht stört, denn man bekommt Gergiev, wie man in kennt.. Den Emotionsdirigenten, der sorgfältige Proben nicht überschätzt und aus dem Stand heraus zu Hochform auflaufen kann. Der „Tannhäuser“ bekommt von Anfang an einen beeindruckenden Sog, die Ouvertüre wird gestaut und dann wieder enorm beschleunigt. Die Begleitung der Chöre hat trotzdem die nötige Präzision, und mit der herausfordernden Akustik kommt Gergiev einigermaßen gut zurecht, alles bleibt hörbar und weitgehend in Form. Das Rauschhafte überträgt sich auch auf die Sänger, die gerade auf der Wartburg stimmlich Bestes bieten.

Stephen Gould liefert einen männlich-kraftvollen, aber auch rollengerecht etwas gebrochenen Tannhäuser mit ausreichend Reserven für den dritten Akt – weitab vom Schöngesang, für den Klaus Florian Vogt in Bayreuth steht. Die Venus (Elena Zhidkova) ist nicht nur darstellerisch, sondern auch von der Stimme her erotisch und verführerisch. Was aber auch für die Elisabeth von Lise Davidsen gilt mit ihrer fülligen unforcierten Stimme. Und Markus Eiches Wolfram ist weniger samtig denn profund.

Alles in allem: großartig, Bayreuth ist mit seinem nachdrücklichen Bekenntnis zu jungen, interessanten Regisseuren wieder zu einer ersten Adresse in Sachen Wagner geworden.

Von Henning Queren