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Kultur Schwierigstes Klavierstück der Musikgeschichte: Sternstunde mit Igor Levit
Nachrichten Kultur Schwierigstes Klavierstück der Musikgeschichte: Sternstunde mit Igor Levit
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20:45 02.11.2019
Volle Konzentration: Igor Levit spielt Ronald Stevenson. Quelle: Shvachko
Hannover

Eigentlich ist ja von vorn herein klar, wenn Igor Levit spielt, ist schonmal gar nichts konventionell – ob Beethoven, Mozart oder Moderne. Nun ist er „Herr Professor“ der Musikhochschule und hat sich für sein Antrittskonzert Entsprechendes ausgesucht. Der Mann heißt Ronald Stevenson und es gibt seine „Passacaglia on DSCH“. Bitte wer? Und was?

Da bedarf es natürlich einiger Erläuterungen. Igor Levit nimmt das Mikro in die Hand und erklärt in kurzen, prägnanten Worten die Relevanz dieses Stücks. Das in seiner Art einmalig ist und tief in den sozialen Bewegungen des 20. Jahrhunderts verwurzelt sei.

Das DSCH im Titel steht für Dmitri Schostakowitsch. „Die Sowjetunion kommt vor, das lebendige Afrika in einem besonderen Part.“ Die Begeisterung von Levit ist spürbar, und er weiß sie zu vermitteln, so einen Professor wünscht man sich. Er erklärt wie Stevenson (1928-2015) an die Kinder mahnt (mit einem Lament in schottischer Volksweise) und wie auch des Holocausts gedacht wird (mit einem Dies irae „In memoriam six million“). Kurz: „Dieses Stück umfasst ein ganzes Menschenleben.“ Und er hoffe, fügt Levit mit feiner Ironie hinzu, alle Zuhörer danach wiederzusehen.

Und dann hebt dieser Einhalb-Stunden-Kraftakt an, der in der gesamten Kompositionsgeschichte bis heute einmalig dasteht. Ein pianistisches Hochgebirge, das nicht fordert, erklettert zu werden – sondern, dass da eher ein Seil zwischen zwei Gipfeln gespannt ist, auf das man sich wagen muss. Und wenn man einmal angefangen hat, gibt es halt keine Pause mehr, dann muss man durchhalten bis zum Largo, dem erlösenden Ende.

Eben auch keine Pause für die Zuhörer, die durch eine Kaskade von Tönen, unvorstellbares Akkordgedonner („Emergent Africa“), über irre Läufe („Glimpse of War Vision“) und Diskantgeglitzer („Central Episode“) bis hin zu zartesten Tönen bis an die Grenzen gefordert werden – wenn der Pianist in der „Reverie-Fantasy“ mal in den Flügel zu greifen und die Saiten mit seinen eigenen Händen ganz zart zu streicheln hat. Die harte Akustik des Konzertsaals bringt dem ganzen Stück zusätzliche Klarheit und Wahrheit.

Zweieinhalb Jahre hat Stevenson an diesem Werk geschrieben, es selbst 1964 in Südafrika uraufgeführt – und in seiner eigenen Einspielung deutlich gemacht, was hier auf jeden Pianisten wartet.

Die Bewältigung dieser mit pianistischen Höchstanforderungen gespickten Partitur gelingt hier einfach fabelhaft – auch deshalb, weil man nie das Gefühl hat, dass der Spieler an seine Grenzen kommt. Erstaunlicherweise wirkt dieses in der Realzeit gut eineinhalb Stunden dauernde Musikstück durch seine dichte und teils abenteuerliche Abfolge von Dramatik und Entspannung auf kleinestem Raum sehr kurzweilig und gar nicht mal lang – was auch an der Interpretation von Levit liegt. Es ist wie mit „Barry Lyndon“, mit dem Levit die „Passacaglia“ gerne vergleicht, der ja auch ein Film der vielen unterschiedlichsten Stationen ist.

Wer draußen vor dem Konzertsaal stand und sein Ohr an die Tür legte, hätte wohl den Eindruck von einer auf Hochtouren wie irre drehenden Turbine haben können. Es ist unbeschreiblich, was hier an Virtuosität verlangt wird. Rachmaninow? Vergiss es. Und auch, wer der für ihn unbekannten Komposition eher oberflächlich folgt, wird einfach durch die pure Kraftentfaltung mitgerissen. Wie das Publikum an diesem besonderen Abend, stehende Ovationen für den neuen Professor Levit. Und bei manchen kam wohl der Gedanke auf, das hier, genau das hätte man gerne auf CD zum Immer-Wieder-Hören.

Der Abend begann mit einem deutlich kürzeren aber ebenfalls ziemlich reizvollen Stück von Stevenson, der das Adagio aus Mahler Zehnter für Klavier gesetzt hat – der spätromantische Koloss wurde auf sein Skelett reduziert, was durch die extrem klare und konturierte Darstellung Levits noch unterstrichen wurde.

Ein Abend, der nichts weniger als eine musikalische Sternstunde war. Was viele vorher wohl schon geahnt hatten, der Abend war unrettbar überbucht, für die Tickets standen manche mehr als drei Stunden an.

Und was machte der Klavierheld danach? Feierte im Kreise seiner Freunde, ließ sich beschenken mit Eulen, Kimonos und Nussmischungen – und leerte das eine oder andere Glas Champagner. Komponist Ronald Stevenson war zwar überzeugter Marxist, aber das hätte er verstanden.

Von Henning Queren