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Kultur Samuel Finzi in Hannover
Nachrichten Kultur Samuel Finzi in Hannover
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16:07 17.04.2019
Ja sind denn hier die Schlümpfe unterwegs: Schauspielstar Samuel Finzi (rechts) und Mavie Hörbiger suchen das Tier in sich: „Kommt ein Pferd in die Bar“ vom Wiener Burgtheater. Quelle: Uhlig
Hannover

An manchen Theaterabenden gibt es diese gefährlichen Sätze. Diesmal fällt er ganz am Schluss: „Jetzt bin ich a bissele müde“, sagt Samuel Finzi – und nicht wenigen Besucher im ausverkauften Schauspielhaus dürfte es ähnlich ergehen. Denn „Kommt ein Pferd in die Bar“ nach dem Roman von David Grossman, ein Gastspiel des Burgtheaters Wien, ist eine extrem anstrengende Angelegenheit gewesen.

Auch bei Finzi kann man die Ansage gewiss wörtlich nehmen. Immerhin hat sich der Darsteller rund 135 Minuten lang pausenlos und im Wesentlichen monologisch durch Textfluten und Gefühlsstürme gekämpft. Er gibt Dov „Dovele“ Grinstein, einen abgewrackten Stand-up-Comedian, der seinen Hass in sämtliche Richtungen schleudert, alle und alles fertigmacht: das Publikum, das Leben in Israel und am meisten sich selbst.

Politische Korrektheit? Fehlanzeige. Grinsteins Blick schweift durch die Besucherreihen, erkennt hier „Botox de luxe“ und vermutet dort als Grund für Heiterkeitsausbrüche das unlängst erfolgte Ableben des Ehemanns. Animation gibt‘s trotzdem: Gruppen von Damen und Herren bekommen ihre Einsätze zur Begleitung von „Bye Bye Love“ und befolgen sie verbreitet.

Sind zynische Wortspiele über den Holocaust gestattet? Ist Grinstein egal, er haut sie einfach raus: „Die sind aus ganz Europa zu ihm gereist“, heißt es etwa zu Josef Mengele. „Und er hat sich für jeden einzelnen Zeit genommen. Nur eine zweite Meinung einholen durfte man nicht.“

Nach und nach kristallisiert sich eine traumatische Kindheitserfahrung des entgleisten Komikers heraus: Aus dem Jugendlager wurde er einst zu einer Beerdigung abgeholt. Ein Elternteil war gestorben, allerdings vergaß man dem Jungen zu sagen, welches – seine Reflexionen auf der Fahrt, derweil der Mann am Steuer schlechte Witze erzählte, verfolgen ihn immer noch.

Viele Requisiten hat Finzi nicht zur Verfügung, er muss fast alles aus sich selbst herausholen. Zerreißt seine Klamotten, schlägt sich das Gesicht kunstblutig, was die Videokamera als Standbild zeigt. Hadert, lamentiert, ätzt und hat dann plötzlich einen Gegenpart: Im Publikum sitzt Mavie Hörbiger als Jugendbekanntschaft Pitz, ein entrückter Charakter. „Du warst ein guter Junge“, sagt sie, bringt den Wüterich damit völlig aus der Fassung. Auch im weiteren Verlauf greift Pitz hier und da behutsam ins Geschehen ein.

Was letztlich aber nicht viel nützt. Regisseur Dušan David Pařízek und Dramaturgin Eva-Maria Voigtländer haben den fraglos famosen Berserker Finzi an der langen Leine gelassen und für viel zu wenig Struktur gesorgt: Irgendwann gerät der Sermon in eine Endlosschleife, ist zudem akustisch nicht immer gut verständlich – und dann fiebert man halt nicht mehr mit, sondern wird a bissele müde. Einige Besucher gehen sogar vorzeitig, und der kräftige Schlussbeifall zeugt womöglich mehr von Respekt als von Begeisterung.

Von Jörg Worat

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