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Kultur Eine himmlische Stimme in Gender-Zeiten
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Philippe Jaroussky im Interview in Hannover

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17:29 11.11.2021
Am Maschsee: Sängerstar Philippe Jaroussky ist für ein Konzert nach Hannover gekommen.
Am Maschsee: Sängerstar Philippe Jaroussky ist für ein Konzert nach Hannover gekommen. Quelle: Henning Queren
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Hannover

Ein Leben für die himmlische Stimme: Philippe Jaroussky ist einer der bedeutendsten Countertenöre und singt in Hannover auf einer „Farewell-Tour“ die schönsten Arien seines Repertoires. Und spricht übers Bügeln, die Magie der hohen Lage – und warum er nächstes Jahr mit Gitarrist auf Tour geht.

Monsieur Jaroussky, es gibt das Gerücht, dass Sie vor jedem Konzert gerne bügeln?

Aber unbedingt. Das ist für mich schon eine Tradition, dieses „bügeling“. Ich kann dann immer sicher sein, dass mit meinem Bühne-Outfit alles in Ordnung ist. Das ist eine wunderbare Art, sich auf etwas zu konzentrieren. Es hat auch etwas Meditatives in der Vorbereitung – es ist ein bisschen auch, als wenn ich mein Gehirn bügele.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie immer Schwarz tragen ...

Mittlerweile ist auch ein wenig Weiß dazu gekommen. Aber das Schwarze erlaubt es einem, sich so einfach wie möglich darzustellen. Ich liebe Liederabende, Recitals, Konzerte wie hier in Hannover mehr als Opernauftritte – und wenn ich mich als Transmitter zwischen der Musik und dem Publikum verstehe, würde auffällige Kleidung nur stören. Ich stehe am liebsten auf der Bühne und singe – ohne Action.

Wie schaffen Sie es jeden Abend jedem Publikum das Gefühl zu geben, als singen sie eine Arie, die Sie schon hunderte Male gesungen haben, nur hier ganz speziell für diese Zuhörer?

Weil wirklich jeder Abend anders und neu auch für mich ist, da gibt es kein besonderes Geheimnis. Es hängt eben an so vielen Faktoren, jede Akustik ist anders, jedes Publikum in Madrid, Paris oder Hannover. Die Orchester sind anders drauf. Für jedes Konzert stimmt man sich in den Proben anders ein. Es geht darum auf bestmögliche Weise Emotionen zu transportieren. Und da ist weniger besser als mehr. Das Publikum darf niemals denken, das ist aber jetzt „too much“.

Was umfasst Ihre aktuelle Tour?

In gewisser Weise ist es eine kleine „Farewell-Tour“. Das Programm habe ich zuletzt in Australien präsentiert. Ich werde hier Arien singen, die ich liebe, die ich dann nie wieder singen werde – wie das berühmte „Scherza infida“. Das soll aber niemanden traurig machen.

Das hört sich auch ein wenig wie der Abschied des Sängers Jaroussky an?

Nun ja, ich werde auch älter, die Stimme verändert sich, entwickelt sich, dann muss man anderes machen.

Und wenn die Stimme gar nicht mehr mag?

Ich liebe es vor allem, dass ich Musiker bin, Musik machen kann, mit der Musik leben, das ist das Wichtigste. Ich hatte auch immer schon im Kopf, Dirigent zu sein. Also ist im kommenden Jahr meine Premiere in Paris als Dirigent mit Händels „Cesare“. Die Proben sind schon sehr anstrengend – man bekommt richtig Muckis. Und dabei vermisse ich es nicht, Sänger zu sein.

Der Boom der Countertenöre hält seit 20 Jahren an?

Aber unbedingt. Und er wird immer größer und größer. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Einmal wird der Barock immer stärker auch als eigene Gattung nachgefragt, weil er so gut in die Zeit passt – und dafür man eben auch die Sänger braucht. Zum anderem: Ich würde nicht sagen, dass der Countertenor eine weiblich Stimme ist, aber es ist eine besondere Art sich auszudrücken als Mann. Und das passt ja, wenn seit einiger Zeit soviel über Gender gesprochen wird. Die hohe Stimme erlaubt es jung, kindhaft als Mann zu sein und Frauen umgekehrt mit tiefer Stimme als machtvolle Gestalten aufzutreten – wie eure Angela. Im Barock mixt sich das alles, und es ist auch ein Kampf gegen den romantischen Heldentenor. Es ist ein angemessene Art, die Empfindsamkeit des Mannes zu zeigen.

Ihr neues Album „A sa Guitare“ ist nur für Countertenor und Gitarre. Wie kommt man darauf?

Das war eine Idee von mir, als ich mal zwei Stücke mit dem Gitarristen Thibaut Garcia zwei Stücke aufgenommen habe. Ich mag es, neue Dinge anzufassen. Nicht immer nur Barockarien, Barockarien, Barockarien ... Das war dann schon ein Risiko, dieses Programm, das Stücke aus drei Jahrhunderten umfasst. Die brasilianischen Songs haben mir großen Spaß gemacht, die fand ich auf Youtube, und es hat sofort geflasht. Das Ganze verdanken wir auch der Corona-Pandemie, man hatte Zeit zu proben und zu experimentieren.

Auch mit der deutschen Sprache. Wie schwierig war da Schuberts „Erlkönig“?

Es war schon furchterregend wie die ganz Geschichte. Die Stimme wie eines Jungen passt wunderbar zu diesem Gedicht. Ich hatte dadurch alle Freiheit, weil es speziell für Gitarre und Stimme eingerichtet worden ist.

Werden Sie mit Ihrer aktuellen CD auch wieder nach Deutschland kommen?

Sicher, aber im Moment ist nur München geplant.

Wie sind Sie bisher durch die Pandemie gekommen?

Bevor ich überhaupt Sänger wurde, war ich Instrumentalist, ich habe Klavier und Violine gespielt. Und insofern hatte ich Zeit, mich mal wieder intensiv mit dem Klavier zu beschäftigen. Und ganz viel Schubert gespielt. Irgendwie kam ich wieder zurück zu meinen Wurzeln.

Welche Erfahrungen geben Sie in Ihrer Akademie weiter?

Wir unterrichten Kinder, die in ihrem Leben, in ihrem Elternhaus keinen Kontakt zur Musik bekommen haben. Und zwar ohne Gebühren oder irgendwelche Kosten. Wir sagen ja immer, dass die Musik für eine Elite ist. Das ist wahr – und man muss etwas dagegen tun. Hundert Kinder unterrichten wir drei Jahre lang und versuchen sie dann in Musikschulen unterzubringen. Wir feiern bald unser Fünfjähriges und eröffnen eine zweite Schule in einem anderen Stadtteil von Paris. Nicht jeder wird natürlich professioneller Musiker – aber sie haben eine Erfahrung gemacht, die ihr Leben verändert.

Wären Sie auch gerne auf so eine Schule gegangen?

Ich hatte Glück – mit elf Jahren hat ein Lehrer mich entdeckt, weil ich so gut sang. Und der sagte meinen Eltern, dass Philippe doch mit der Musik beginnen sollte. Mit 18 habe ich das erste Mal einen Countertenor gehört, Wahnsinn, ich dachte ganz instinktiv, das will ich auch.

Wenn das Konzert zuende ist, wie kommen Sie runter?

Es kostet nur Zeit. Ich schlafe sehr viel, Schlaf ist das Beste für die Stimme. Elf Stunden retten die Stimme. Ich stehe am Konzerttag sehr spät auch, spreche zwei Stunden vor dem Konzert kein Wort. Und danach wird es dann, wenn die Energie vom Konzert abklingt, drei, vier Uhr.

Von Henning Queren