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Kultur Marco Goeckes Starkstrom-Tanz „Nijinsky“
Nachrichten Kultur Marco Goeckes Starkstrom-Tanz „Nijinsky“
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00:19 02.04.2018
Komm, lass uns tanzen: Diaghilew (David Rodriguez, li.) ist Freund, Förderer und bisweilen auch Feind von Tanzgott Vaslav Nijinsky.
Komm, lass uns tanzen: Diaghilew (David Rodriguez, li.) ist Freund, Förderer und bisweilen auch Feind von Tanzgott Vaslav Nijinsky. Quelle: Gautier Dance
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Hannover

 Gebucht war dieser Abend schon lange – als noch keiner wissen konnte, dass der Macher ab 2019 die Zukunft von Hannovers Ballett bestimmen wird. Marco Goeckes Sensationsstück „Nijinsky“ zeigte im seit Wochen ausverkauften Schauspielhaus, wohin die Reise gehen könnte – denn das für Gautier Dance choreografierte Stück ist absolut typisch für Goecke.

Erzählt wird die Geschichte des Tanzgottes Vaslav Nijinksy – und das in einer Tanzsprache, die zum Aufregendsten gehört, was man derzeit weltweit sehen kann. Vom Band laufen mächtig die beiden Klavierkonzerte von Chopin. Die Tänzer sind dazu wie von Starkstrom durchpulst, vibrieren, flattern, zittern, führen unglaubliche geometrisch exakt abgezirkelte Bewegungsfolgen aus – Tanz wird hier an ein kaum noch überschreitbares Limit getrieben.

Ebenso die Aufnahmefähigkeit des Zuschauers. Aber das ist ja der Sinn der Kunst, die Grenzüberschreitung. Und dabei gelingen in diesem eineinhalbstündigen Ballett die ganz starken Bilder, denn in Leben und Stück geht es um Wahnsinn und Genie: Die Tänzer hauchen, hecheln, lachen und zischen, rezitieren aus dem Leben von Nijinsky, der auch seinem Impresario Dhiagilew (immer erkennbar an Mantel und Pelzkragen) ganz besonders innig zugetan ist – was Goecke in bemerkenswert offenherzige Duos umsetzt. Die Biografie kommt in ähnlich expliziten Szenen oder nur vagen Andeutungen vor: die Entstehung des Ballett Russe, die schwierige Kindheit und die großen Klassiker, denen Nijinsky Ewigkeitswert gegeben hat. Wie Debussys „Prélude“, das Goecke verblüffend direkt und auf seine Weise zitiert.

Nijinsky, der Träumer: Seine starken Moment hat der Abend gerade auch dann, wenn sich der Bewegungsfluss passagenweise beruhigt, wenn im Halbdunkel ein schwarzer Sessel auf der Bühne steht und ein sich langsam windender Tänzer jede Faser seines Körper sichtbar macht.

Am Schluss gehts in die Irrenanstalt, der Tänzer liegt am Boden und malt nur noch Kreise über Kreise auf den sich verdunkelnden Bühnenboden. Irgendwann knallte es zwischendurch und rote Rosenblätter regneten auf die Bühne. Das Publikum ist jedenfalls restlos begeistert, feiert vor allem die Tänzer mit Rosario Guerra als Nijinsky und David Rodriguez als Diaghilew an der Spitze. Solche Tänzer braucht man: Marco Goecke will sich eine eigene Truppe für Hannover zusammenstellen. Wird nicht einfach werden.

Von Henning Queren