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Kultur F. W. Bernstein stirbt mit 80
Nachrichten Kultur F. W. Bernstein stirbt mit 80
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16:01 21.12.2018
Meister der Komik: Der Satiriker Fritz Weigle, genannt F. W. Bernstein, Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule, ist mit 80 Jahren gestorben. Quelle: epd
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Frankfurt/Main

Zum Herrgott hatte er bestenfalls ein ironisches Verhältnis. Vor dem Tod hatte er keine Angst. Über vermeintliche Autoritäten witzelte er. Für Freunde hatte er ein großes Herz – und zu Weihnachten immer eine selbstgezeichnete Karte parat. Überhaupt war er ein Menschenfreund. Nun ist der Lyriker, Satiriker und Zeichner F. W. Bernstein im Alter von 80 Jahren in Berlin nach langer, schwerer Krankheit gestorben.

Ein Grandseigneur der Komik. Bernstein, der eigentlich Fritz Weigle hieß und aus dem schwäbischen Göppingen stammte, war ein Multitalent. Wie auch die anderen, die sich einst ironisch die „Neue Frankfurter Schule“ nannten, unter ihnen Robert Gernhardt, F.K. Waechter, Chlodwig Poth und auch Eckhard Henscheid. Bernstein konnte zeichnen, dichten, wunderbar Klavier spielen, schwäbeln und unterrichten. Denn Fritz Weigle war ein engagierter Lehrmeister. Nicht nur an der Pädagogischen Hochschule in Göttingen, an der er bis zu deren Auflösung Anfang der 80er Jahre als Akademischer Rat unterrichtete. Bernstein wählte erst den Lehrer- und später den Professorenberuf, den er von 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 an der Hochschule der Künste in Berlin ausübte. Er war der erste Professor für Karikatur und Bildgeschichte in Deutschland. Auch nach seiner Pensionierung gab er Zeichenkurse, aus denen die Schüler nicht selten als Freunde hervorgingen. Seine Frau Sabine hat ihren Fritz einmal als „Genie der Freundschaft“ bezeichnet.

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Bekannt wurden Bernstein & Co. Mitte der 60er Jahre durch die Zeitschrift „Pardon“, wo sie der kunstvoll verzierten Respektlosigkeit ein wunderbares Forum eröffneten. Ende der 70er Jahre gründeten sie in Frankfurt das Satiremagazin „Titanic“. Und allmählich wurde F.W. Bernsteins Spruch „Die schärfsten Kritiker der Elche/waren früher selber welche“ Volksgut. Man kann ihn auch variieren, in „wären gerne selber welche“.

Der Satirepreis „Göttinger Elch“, der in der Universitätsstadt verliehen wird, geht auf diesen Spruch zurück. Ehrensache, dass auch Fritz Weigle den „Elch“ erhielt, auch wenn Bernstein etwa im Gegensatz zum noch populäreren Freund Robert Gernhardt stets sperriger und hintersinniger blieb. Ihn als „graue Eminenz“ der Neuen Frankfurter Schule zu bezeichnen, passte in doppelter Hinsicht: Wegen des vornehm zurückhaltenden Auftretens und der umfassenden Bildung, die ihn nicht daran hinderte, immer wieder anarchischen Gedanken Raum zu lassen. Da wird die Wachtel schnell zur Weltmacht, wie eines seiner komischen Tiergedichte hieß. Großartige Lesungsauftritte legten Bernstein, Gernhardt und Waechter in den 90ern als die „Drei Frisöre“ hin.

Bekannt war Bernstein auch durch große Ausstellungen im Frankfurter Caricatura Museum ebenso wie im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (siehe Info), das er oft und gern besuchte.

„Frische Gedichte“ hieß der letzte Band, der im vergangenen Jahr von ihm im Kunstmann-Verlag erschien. Hier fragte er: Was bleibt? Und gibt selbst die Antwort, dass selbst die Herren „Wolfgang von Goe und Friedrich Schi“ irgendwann tief, tief ins Meer der Vergessenheit versinken würden.

Von F.W. Bernstein bleiben unzählige Zeichnungen und Gedichte. Denn nie ging er, stets ein aufmerksamer Beobachter, ohne Zeichenblock aus dem Haus.

Vor fünf Jahren, als der Meister Jubilar war, würdigte man ihn in Hannover: „F. W. Bernstein zum 75. Geburtstag“ hieß die Ausstellung im Museum Wilhelm Busch – gezeigt wurden unter anderem von ihm gestaltete Postkarten, die er regelmäßig an das Haus sandte, seit er dort 2012 einen Zeichenkurs gegeben hatte.

Die Beziehung war und blieb eng: Als Bernstein im März diesen Jahres in Hanau mit dem Ludwig-Emil-Grimm-Preis hielt Busch-Direktorin Gisela Vetter-Liebenow die Laudatio. „Wortkunst und Zeichenkunst – bei Bernstein ist es untrennbar miteinander verbunden, wenngleich das eine wie das andere auch alleine vorkommt“, sagte sie darin. 30 Bernstein-Werke sind im Besitz des Museums. Zu sehen sind sie immer wieder in Sammlungsausstellungen.

Von Michael Berger

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