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Kultur Design, Corona und das Glück des Klavierspielens
Nachrichten Kultur

Carsten Schelling (RSW) im Interview

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16:21 10.09.2021
Designer: Carsten Schelling unterrichtet an der Hochschule Hannover.
Designer: Carsten Schelling unterrichtet an der Hochschule Hannover. Quelle: Schelling
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Hannover

Design, Corona, die Zukunft, die internationale Zusammenarbeit und die Ausbildung des Nachwuchses an der Hochschule Hannover. Das Klavierspiel hat er durch Igor Levit wiederentdeckt.

Wie hat Corona Ihre internationale Zusammenarbeit berührt, Sie haben ja auch Projekte in China ...

Da gerade in der Zusammenarbeit mit großen chinesischen Unternehmen Präsenz oft sehr wichtig ist, um Barrieren kultureller und sprachlicher Natur besser überwinden zu können hatte Corona eine stark bremsende Wirkung. Generell - nicht nur in China - sind Produktentwicklungen sehr langsam geworden. Viele Projekte wurden pausiert oder sogar gecancelt.

Und was hat geklappt?

Es ist uns gelungen mit Pupupula, einem chinesischen Start-Up, noch Anfang des Jahres eine Stuhlfamilie herauszubringen, bestehend aus einem höhenverstellbaren Kinderstuhl, der sich optisch nur wenig vom dazu passenden Esstischstuhl unterscheidet. Ein Konzept, dass es so bisher nicht auf dem Markt gibt. Auch wenn die Kinder erwachsen sind, kann so der Stuhl am Esstisch verbleiben. Mit Pupupula hat die Zusammenarbeit während Corona gut funktioniert, weil die Kommunikation schon vor Corona ausschließlich online lief.Zudem arbeiten wir seit einiger Zeit mit dem hannoverschen Label Yunic (einer Marke von Connox) zusammen, für die wir unter anderem die Hängeleuchte Mood auf den Markt bringen konnten. Die Leuchte war aus technischer Sicht nicht ganz ohne, weil bei ihr mittels eines Knopfes Lichttemperatur und Intensität je nach Bedürfnis eingestellt werden kann. Trotz Corona, lief hier die Produktentwicklung richtig gut und die Serienreife war schnell erreicht.

Wie hat Corona den kreativen Designprozess beeinflusst?

Wir arbeiten viel mehr online. Zwangsläufig mussten wir diesen großen Schritt der Digitalisierung gehen da wir im Home-Office saßen. Aber durch richtig gute Kollaborationsplattformen ist es tatsächlich weniger wichtig geworden, dass wir als Designgruppe zusammensitzen. Ein großer Teil des Designprozess ist auch online immer noch gut zu handhaben. So gesehen, hat dieser Zwang unsere Arbeitsweise verändert und positiv beeinflusst.

Sie unterrichten auch an der Hochschule. Was wurde anders?

Sämtliche Seminare und Vorlesungen haben sich ins Netz verlagert. Die Kombination aus Zoom und Miro hat auch hier für meine Kurse tatsächlich gut funktioniert. Trotzdem fehlen der direkte Kontakt und Austausch mit und zwischen den Studierenden. Vor allem für die Studierenden tut es mir sehr leid, dass sie in dieser wichtigen Zeit der Ausbildung so eingeschränkt werden. Bildung findet ja nicht nur im Seminarraum statt. Jetzt heißt es die Vorteile von Präsenz- und Distanzlehre nach Corona zusammenzuführen. Ich glaube, das hat Potential für eine bessere Lehre.

Hat Corona das Design auch inhaltlich beeinflusst?

Ich denke, dass man die Pandemie eher als etwas zeitlich Begrenztes ansehen kann. Produkte hingegen sind auf einen langen Zeitraum angelegt. Daher ist es für uns als Designer viel drängender, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Wie schafft man Produkte, die nachhaltig, zirkulär sind und klimaneutral oder sogar CO2 -negativ hergestellt werden können.

Die Perspektive ist eine andere?

Ja, sicher. Uns geht es darum, wie es in zehn Jahren aussieht, wie muss man Produkte gestalten, die dann noch eine Gültigkeit haben. Produkte, die nicht linear sind. Schlicht wie ein Baum, der auch seinen eigenen Kreislauf schafft. Der Abfall ist eine Erfindung des Menschen, nicht der Natur. Damit müssen wir umgehen und Lösungen finden.

Was erarbeitet man da in der Uni?

Anders als zu meiner Studienzeit ist Nachhaltigkeit heute unter den Studierenden ein immer wichtiger werdendes Thema. Es freut mich zu sehen, dass dies auf viele Projekte dort einen Einfluss hat. In meinem letzten Kurs ging es darum auf experimenteller Art neue Ideen für ein Leben in und mit der Natur zu finden. Dabei sind spannende Projekte entstanden, bei denen das Nachhaltigkeitsthema im Vordergrund stand. Die Bandbreite der Ideen war großartig. Von einer innovativen Zeltlampe, über eine Picknickdecke die gleichzeitig Rucksack ist, bis hin zu Versuchen aus Pilzmyzel, dem Wurzelgeflecht der Pilze, einen Werkstoff zu züchten und Anwendungen dafür zu finden.

Für die Sparkasse Hannover das neue Laden- und Bürokonzept entworfen?

Wegen Corona ist das Projekt in der öffentlichen Wahrnehmung vielleicht ein wenig untergegangen, da es leider keine große Eröffnungsfeier gab, aber das war ein großes und spannendes Projekt, das auch noch direkt in unserer Nachbarschaft realisiert wurde. Die Sparkasse hatte uns zu einem Wettbewerb eingeladen das Thema Bankfiliale neu zu denken. Unser ganzheitlich gedachtes Konzept, welches die Nachbarschaft über den Service einer Bankfiliale hinaus bereichert, konnte sich am Ende durchsetzen. Zwei Tage vor dem ersten Lockdown waren wir mit den Plänen fertig. Inzwischen kann man sich die Pilotfiliale am Lindener Markt anschauen, in der alle Elemente aus unserem Konzept umgesetzt wurden, welches jetzt nach einem von uns entwickelten Baukastenprinzip je nach Bedarf auf die folgenden Filialen angewendet werden kann.

Und jetzt?

Viele Jahre haben wir überwiegend nur für internationale Kunden gearbeitet und hatten keine Kunden in Hannover. Interessanter Weise hat sich das in den letzten Jahren verändert. Wir haben verstärkt lokale Kunden wie Connox, Fidlock, Wilkhahn oder die Sparkasse gewinnen können und genießen den direkten und ortsnahen Austausch. Gerade für einige dieser Kunden sind wir auch aktuell aktiv und entwickeln neue Projekte. Unter anderem Projekte die über das klassische Produktdesign weit hinausgehen und in Richtung Marken- und Innovationsberatung gehen. Mehr kann ich aber dazu momentan leider nicht sagen.

Haben Sie sich als Designergruppe eine Art Selbstverpflichtung in Sachen korrektes Design gegeben oder passiert das eher informell?

Es ist eher eine unausgesprochene Etikette. Wir leben gutes Design aber achten auch sehr darauf wie wir unser Büro betreiben. Wir beziehen seit vielen Jahren 100%igen Ökostrom, haben dementsprechend auch den Host für unsere Website gewählt, sind zu einer nachhaltigen Bank gewechselt und Bewegen uns weitestgehend mit dem Rad oder dem Zug von A nach B. Die größere Herausforderung ist es allerdings, unsere Kunden zu überzeugen, mit uns diesen Weg zu gehen. Wenn wir z.B. mit chinesischen Klienten über nachhaltige Materialien sprechen, wird meist noch abgewunken. Oft mit dem Vorwand, dass dies für den Markt nicht relevant, oder zu teuer ist. Die Chance das man aber ein Vorreiter sein könnte wird oft nicht erkannt. Da stößt man eben an Grenzen. Wir wollen insofern zukünftig mehr Kunden finden, die bereit sind mit uns in diese Richtung zu denken und zu gehen.

Und wie haben Sie Corona privat erfahren?

Es war vieles entzerrt und verlangsamt, man wahrte den Abstand. Die Kinder, meine Frau und ich waren zuhause und hatten wenige bis gar keine Kontakte zu anderen Freunden. Auf einmal waren alle Familienmitglieder rund um die Uhr auf einem Fleck zusammen. Da liegen irgendwann auch mal die Nerven blank. Ich denke aber wir haben die Situation im Großen und Ganzen gut gemeistert, auch wenn es oft sehr anstrengend und ermüdend war – und jetzt, wo ein normales Leben endlich wieder los geht, ist man trotzdem immer noch in einer Hab-Acht-Stellung, ob es nun wirklich vorbei ist. Ich traue dem Frieden noch nicht so ganz, vor allem mit Hinblick auf die steigenden Zahlen.

Warum sind Sie eigentlich nicht in Berlin?

Ganz einfach, weil ich mich hier wohl fühle. Das Studium hat mich hierhergebracht. Danach habe ich eine Zeit lang in Amsterdam gearbeitet. Sie können mir glauben in Hannover wieder „anzukommen“ hat eine Weile gedauert. Ich verrate jetzt mal, dass ich eigentlich nie nach Hannover wollte. Bereuen tue ich es heute aber in keinster Weise hier gelandet zu sein. Es ist spannend zu erleben wie sich Hannover stetig wandelt und sich weiter entwickelt. Momentan fällt z.B. auf, wie der Ausbau zur Fahrradstadt voranschreitet und Projekte wie die Leinewelle oder der kulturelle Event Stadtlabor auf der Raschplatzhochstraße den Platz in der Stadt zurückerobern und die Stadt lebenswerter machen. Da ich ein Outdoor-Mensch bin, mag ich zudem die Nähe zur Natur. Ich bin in weniger als 15 Minuten mit dem Mountainbike im nächsten Wald. In einer Stunde bin ich im Ith und habe fantastische Kletterfelsen. Berlin kann mir das nicht bieten.

Und für die Arbeit?

Auch in der Hinsicht passiert ziemlich viel. Das kreative Potenzial blüht auf – Es gibt eine spannende Start-up Szene wie z.B. im Hafven. Auch wenn wir momentan verstärkt mit lokalen Unternehmen zusammenarbeiten, ist der Standort für überregionale Projekte ideal. Mit dem Zug erreicht man andere große Städte wie z.B. Frankfurt oder eben Berlin in kurzer Zeit.

Sie spielen Klavier. Wie wichtig ist Kunst, Musik für die Arbeit als Designer?

Ja, seit kurzem wieder. Der Wunsch wieder mit dem Klavierspielen anzufangen wurde durch Igor Levits Hauskonzerte im ersten Lockdown wieder entfacht. Auch unsere Kinder waren davon begeistert. Igor war via iPad schnell fester Bestandteil unseres Abendessens und durfte nicht fehlen. Auch wenn meine Bemühungen am Klavier noch frisch sind, ist es für mich faszinierend, was zehn Finger gleichzeitig so anstellen können und habe schnell die unglaubliche Direktheit und Unmittelbarkeit des Musizierens schätzen gelernt. Das hätte ich manchmal gerne bei Designprozessen, die in dieser Hinsicht sehr langwierig sind und sich über mehrere Jahre hinziehen können. Übrigens hat Design ähnlich wie in der Musik sehr viel mit Rhythmus und Spannungsbögen zu tun. Z.B. bei Strukturierung von Flächen oder Kurvenverläufen. Bekanntestes Beispiel dafür ist vielleicht der goldene Schnitt, der überall in der Natur zu finden ist und sich in allen Formen der Kunst, Architektur und eben auch im Design wieder findet.

Carsten Schelling

*1977. Mitgründer der Designgruppe Rudolph Schelling Webermann (RSW). Das Büro liegt in Hannover-Limmer. Die Entwürfe (bisher wurden mehr als 100 Produkte herausgebracht) sind mit zahlreichen Design-Preisen ausgezeichnet worden und stehen international in vielen Designsammlungen. 2005 Start der Karriere mit der Designgruppe Ding 3000. Carsten Schelling ist Vertretungsprofessor für industrielles Design an der Hochschule Hannover.

Von Henning Queren

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