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Kultur Udo Jürgens liefert Gänsehautmomente
Nachrichten Kultur Udo Jürgens liefert Gänsehautmomente
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08:40 23.03.2012
Ganz normal wahnsinnig gut: Udo Jürgens liefert in Hannover Gänsehautmomente. Quelle: Steiner
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Hannover

Schon komisch. Da läuft am Donnerstagabend in Berlin die ganz große „Echo“-Preisverleihung für die ganz, ganz großen Musiker unserer Zeit. In Berlin stampfen die Bässe zum elektronisch verzerrten Gesang eines Briten namens Taio Cruz und junge Talente wie Tim Bendzko winken in die Kameras als gelte es, das popkulturelle Haltbarkeitsdatum noch ein bisschen zu verschieben. Taio wer? In Hannover sitzt derweil Udo Jürgens in der geradezu beschaulichen TUI Arena vor 8500 Menschen und spielt so entspannt Klavier, als sei  er schon viel zu oft bei solchen Schampus-Partys gewesen.

Man kann sich Jürgens ganz gut beim „Echo“ vorstellen. Er ist ja sogar nominiert. Die Kategorie heißt „Deutschsprachiger Schlager“, seine Herausforderer heißen Helene Fischer und Andrea Berg. Und doch ist es egal. Udo Jürgens spielt schon lange in einer anderen Liga – und holt an diesem Abend lieber das Konzert in Hannover nach, das er wegen einer Grippe hatte absagen müssen. Die Fans danken es ihm und applaudieren zum Konzertbeginn herzlich – als hätte der 77-Jährige  gerade den „Echo“ gewonnen.

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Nach dem Lied „Noch drei Minuten“ aus dem Bühnenoff tänzelt Jürgens mit der Zeile „Schenk’ mir einen Traum und erzähl’ mir vom Glück ohne Leid und von Liebe für alle Zeit“ im schwarzen Anzug zu Lackschuhen und zum roten Einstecktuch auf die Bühne. Der Chansoncharmeur und Wahlschweizer mit Wurzeln in Kärnten gibt den deutschsprachigen Frank Sinatra und macht später entsprechend aus „Come fly with me“ sein „Flieg mit mir“. Das Orchester Pepe Lienhard mit großartigen Solisten an Flügelhorn und Geige groovt, kracht und funkt dazu seit schon 36 Jahren und klingt dabei wie eine zwanzigköpfige Big Band. Selten lagen Jazz und Schlager so eng beieinander. Man möchte tanzen – und viele tun es, noch im Sitzen.

Die erste Hälfte des Galaabends gehört den neuen Liedern vom Album „Der ganz normale Wahnsinn“ – und der Lust am musikalischen Laborieren. Jürgens wechselt bei „Gegen den Wind“ ins Funkfach und leiht sich zu „Du bist durchschaut“ Reggaerhythmen. Dazu kritisiert er den Kommunikationswahnsinn der Jugend („Du gibst alles von dir preis, den größten Mist, den kleinsten Scheiß“) und den modernen Technikglauben („Viele finden ihr Auto nur noch per Satellit.“). Es wird gelacht. Dann liefert das Orchester Live-Filmmusik und Jürgens lässt dazu Ausschnitte aus dem autobiografischen TV-Film „Der Mann mit dem Fagott“ einspielen. Ein Gänsehautmoment.

Jürgens wirkt als gereifter Entertainer wunderbar souverän. Hat man ihn früher mitunter altklug genannt, weil es bei ihm stets um in Songs verwandelte Lebensweisheiten ging, muss man heute wohl von Altersweisheit sprechen. Jürgens singt in Liedern wie „Ich war noch niemals in New York“ von der Lust am Leben, von der Schönheit des Aufbruchs und Ausbruchs aus der bürgerlichen Gemütlichkeit, vom Kampf zwischen Sehnsucht und Gewissen – und klingt dabei ein wenig wie ein Hedonist des Alltags, ein Philosoph der Zwischenmenschlichkeit, ein mahnendes Musikgenie, das dazu auffordert, aus Niederlagen Neuanfänge zu machen.

Dafür bekommt er von dem in der zweiten Hälfte dicht an der Bühne gedrängten Publikum immer wieder Rosen und dankende Hände, die er drückt wie die von alten Bekannten – und oft sind sie es ja auch, wie seine Songs, die längst Volkslieder geworden sind: „Griechischer Wein“, „Merci Chérie“ und „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir die Musik so etwas ermöglicht“, sagt er. Dabei wollte er doch nur ein wenig musizieren, „wie damals im Kuppelsaal, als wir uns noch etwas näher sein konnten, oder im GOP-Varieté mit 19 Jahren“. Manch einer seufzt da laut.

Am Ende wirkt Jürgens glücklich erschöpft, in seinem obligatorischen Bademantel. Doch während sich andere Menschen in seinem Alter schon lange nicht mehr mit dem Widerstand in einem ehrenwerten Haus, sondern eher mit den Möglichkeiten betreuten Wohnens beschäftigen, kündigt Jürgens neue Konzerte an. Laut Manager Freddy Burger denkt der 77-Jährige über eine Tour zu seinem 80. Geburtstag nach. „Wir werden im Herbst schauen, wie Udos gesundheitliches Befinden ist“, sagt Burger. Mit 77 Jahren ist scheinbar lang noch nicht Schluss. Man sollte Jürgens nicht unterschätzen.

Den „Echo“ für sein Lebenswerk erhielt er übrigens schon vor fast 20 Jahren.

Jan Sedelies

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