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Kultur Udo Jürgens feiert mit 8500 Fans in Hannover
Nachrichten Kultur Udo Jürgens feiert mit 8500 Fans in Hannover
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06:17 25.03.2012
Von Matthias Halbig
DANKE FÜR DEN TRAUM: Udo Jürgens gestern in der TUI-Arena – der Mann mit dem besten Beruf der Welt. Quelle: Steiner
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Hannover

Tags davor war hier der Udo mit Brille und Hut, heute kommt der andere, der nicht minder berühmte Udo mit dem Smoking und dem roten Einstecktuch. Der, der die letzten Lieder seiner Show immer im Bademantel zu spielen pflegt (überm Smoking). Udo Jürgens wollte schon im Februarauftreten, war vergrippt, schnippt jetzt wieder mit den Fingern, federt in den Knien und freut sich am breiten, satten Jazz seines Pepe-Lienhard-Orchesters, das ihn nun schon seit 36 Jahren begleitet: „Schenk mir einen Traum und erzähl mir vom Glück ohne Leid und von Liebe für alle Zeit ...“, damit gehts los. Ein Stück für gelegentliche Weltflucht und natürlich für den Sänger selbst, der bei der Gelegenheit seinem Publikum dankt: „Ihr habt mir meinen Traum ermöglicht.“

Udo Jürgens, Entertainerder Sinatra-Klasse, ist 77, das merkt man ihm zu keiner Minute des Konzerts an.Lässig ist sein Auftreten, seine Stimme kraftvoll, markant, nie zittrig, die eines Chansongotts in besten Jahren, der die Vokale weidlich schwingt, das „r“ rechtschaffen rollt. Wenn er an seinem Flügel von möglichen Wundern singt („Dafür brauch ich dich“) und natürlich von der Liebe („Liebe lebt“), aber auch von verpasstem Leben („Die Frau, die ich nie traf“), ist das zeitlos, pathetisch, aber niemals klagend. Applausbrandung. Blumengaben.

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Moralinsauer ist Jürgens zuweilen schon. Im neuen „Alles ist so easy“ ficht er für die deutsche Sprache, führt Sängers Klinge Wort wider die Anglizismen und ist – wenn er etwa „halten“ für besser hält als „stoppen“ – leider päpstlicher als der Papst. In „Der ganz normale Wahnsinn“ (mit rockiger Gitarre und souligem Saxofon) wird so ziemlich der komplette gesellschaftliche und ökologische Schlamassel aufgelistet, auf der Leinwand erscheinen sogar Bilder der Zwickauer Terrorzelle – bis auf ein eher dünnes „ohne mich“ und einen frustlindernden Besuch im Weinkeller kommt der Sänger aber nicht über die Miserenauflistung hinaus.

Das Schöne an einem Abend mit Udo Jürgens ist: Er ehrt sein jeweils neues Album ausgiebig. Das Unschöne:Er klebt in der zweiten Hälfte die Schnipsel vieler seiner größten Hits, der Partybefeuerer aus den 60er und 70er Jahren (zu denen das TUI-Volk jetzt nach vorne strömt), zusammen zu der schlimmsten Erscheinung, die die Populärmusik kennt – dem Medley. All die leckeren „Sahne“-Stücke vom „ehrenwerten Haus“, der „aufgehenden Sonne“ und den „66 Jahren“ werden zu Song-Bruch. Hallo, Udo, weniger ist mehr, wir hätten statt Liederkette gern volle Länge, „Griechischer Wein“ braucht dreieinhalb Minuten, um sein volles Bouquet zu entfalten!

Nein, Udo Jürgens ist kein König des Schlagers, er will seine Hörer nicht rosarot zusäuseln, sondern sie ermutigen, selbstbestimmt zu leben. „Wenn den andern nicht passt / wie du lebst / wie du liebst“, singt Udo in der TUI in „Gegen den Wind“, „dann verzichte auf ihren Applaus.“ Eine Gitarre gibt sich funky, Ralf Hesse lässt ein Flügelhornsolo aus harmonischem Jazz aufsteigen. Anderer Sound, aber ähnliche Botschaft wie tags davor am selben Ort das hingeknarzte „Ich mach mein Ding, egal, was die anderen labern“. Vom Udo mit Brille und Hut ist der mit Smoking und Einstecktuch gar nicht so weit entfernt.

4/5