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Kultur Turrell hat seinen größten musealen Lichtraum geschaffen
Nachrichten Kultur Turrell hat seinen größten musealen Lichtraum geschaffen
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08:42 23.10.2009
Von Johanna Di Blasi
James Turrell hat im Kunstmuseum Wolfsburg mit „The Wolfsburg Project“ seinen bislang größten musealen Lichterfahrungs- und Körperentgrenzungsraum geschaffen.
James Turrell hat im Kunstmuseum Wolfsburg mit „The Wolfsburg Project“ seinen bislang größten musealen Lichterfahrungs- und Körperentgrenzungsraum geschaffen. Quelle: Kunstmuseum Wolfsburg
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Wenn der große alte Mann der minimalistischen Lichtkunst, der Amerikaner James Turrell, mit neuester Technik spielt, ist aber alles noch einmal anders.

Es ist kein Witz, wenn nun in Wolfsburg, wo Turrell mit „The Wolfsburg Project“ seinen bislang größten musealen Lichterfahrungs- und Körperentgrenzungsraum geschaffen hat, eine Warnung an die Besucher vorausgeschickt wird. Wohl wissend, dass das die Neugier erst recht schürt: Turrells „Bridget’s Bardo“ – ein elf Meter hoher, 40 Meter tiefer, 700 Quadratmeter großer, nur mit Licht gefüllter Raum – könne beim Betrachter „Veränderungen der Körpergefühle“ verursachen. Mit Störungen der „Körper-koordination, des Gleichgewichtssinns und der Zeitwahrnehmung“ könne zu rechnen sein.

So eine Wirkung hat wohl auch die junge Brigitte Bardot gehabt, an die man beim Werktitel denken muss. Um sensuelle Störungen oder gar Ausfälle zu erfahren, muss man freilich etwa 20 Minuten in der magisch zwischen Pink- und Blautönen changierenden Lichtoase verweilen. Aber schon kurz nach dem Betreten der riesigen Rampe, die schräg in die Leuchtbox in der großen Halle des Museums hinunterführt, stellt sich eine merkwürdige Wahrnehmung ein: Der Raum scheint sich mit lichtem Nebel zu füllen. Tritt man nach vorne und betrachtet einige Zeit, was wie eine solide Wand aussieht, merkt man, dass man in Wahrheit vor einer weiteren, nebligen Tiefe steht.

Im New Yorker Whitney Museum sei eine Frau in einen seiner Lichträume gestürzt, erzählte Turrell gestern im Kunstmuseum Wolfsburg, wohl als Warnung an allzu Lichtsüchtige. Mit seinem weißen Rauschebart und den gütigen Augen erinnert er ein wenig an Santa Claus. Wie schon die Romantiker ist auch Turrell am inneren mindestens so sehr wie am äußeren physikalischen Licht interessiert. Mit geschlossenen Augen oder im Traum sehe man „reichere Farben und mit größerer Klarheit“, sagte er. Diesen Effekt will er mit seiner Kunst erzielen.

Noch an zwei weiteren Lichtarbeiten kann man sich in der sehenswerten Ausstellung berauschen: „Spinther“ sieht wie ein flach an die Wand projiziertes Lichtbild aus. In Wirklichkeit ist auch dieses Werk ein Lichtraum. Rund 15 000 LEDs beleuchten eine mattierte Weißglasscheibe von hinten in mehr als 65 000 Helligkeitsstufen. Hier hat Turrell versucht, die Sättigungswerte der Farbfeldmalerei Mark Rothkos in langsam wechselnde Lichtbilder zu übersetzen.

„Milk Run III“ ist zurückhaltender. Man betritt einen mattroten Lichtraum mit hell ausgeleuchteten Kanten. Doch der Eindruck von Dreidimensionalität wird fragwürdiger, je länger man sich an dem Ort aufhält. Turrell schätzt dieses mit seinen „Dunklen Räumen“ („Dark Spaces“) verwandte Werk, „weil es die Wahrnehmung subtil beeinflusst und dazu führt, dass sich die Pupillen ganz weiten. Dadurch kann man dann das Licht fühlen“.

Ein „Dark Space“ befindet sich in der Dauerausstellung des Sprengel Museums in Hannover, das früher als die meisten europäischen Museen auf den US-Künstler setzte und Werke aus verschiedenen Jahrzehnten in seiner Sammlung hat. Als er als junger Mann nach Europa gekommen sei, habe ihn besonders der Merz-Bau von Kurt Schwitters in Hannover fasziniert, erzählte Turrell.

Sein Lebenswerk ist ein Vulkankraterausbau in der Wüste Arizonas von der Fläche Manhattans. Es ist finanzkrisenbedingt etwas ins Stocken geraten. „Der ‚Roden Crater‘ wird 2012 leider noch nicht fertig sein.“ Mit pyramidalem Ehrgeiz baut Turrell, der auch zu den Land-Art-Künstlern gerechnet wird, seit Jahrzehnten Schächte und Räume in den Krater, einer ist eigens dazu konstruiert, das Licht der Venus einzufangen.

Als junger Mann verdiente sich der 1943 in Los Angeles geborene Sohn streng religiöser Quäker sein Geld als Pilot von Postflugzeugen. Von den in den Lüften gemachten Farbwahrnehmungen schöpft er bis heute. Einmal habe er bei so dichtem Bodennebel landen müssen, dass er vom Rollfeld nichts gesehen habe, erzählte er. „Die Sonne ließ den Nebel intensiv orange strahlen. So etwas wollte ich auch in der Kunst versuchen.“

Zum Schluss verfällt Turrell in einen Predigerton. Er warnt eindringlich vor den gesetzlich verordneten Ökolampen. „Ihr Licht lässt einen schlecht aussehen. Und sie sind nicht umweltverträglich, weil sie Quecksilber enthalten, das im Müll landen wird.“ Aber, so bremst er sich selbst, „ich bin nicht euer Guru“.

Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1, 24. Oktober bis 5. April 2010, Katalog 34 Euro.

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