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Kultur „Trutz“ – dem Vergessen trotzen
Nachrichten Kultur „Trutz“ – dem Vergessen trotzen
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15:07 09.09.2018
Im Strudel der Erinnerung: Szene aus „Trutz“ mit (von links) Henning Hartmann, Markus John, Ernst Stötzner und Sarah Franke. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Mit einem Zitat aus der „Fledermaus“ endet das burleske Trauerspiel im Schauspielhaus. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist.“ Aber wie nur, wenn man sie nicht vergessen kann, die Bilder von Tod und Verschleppung, von Ungerechtigkeit und Trauer? So ergeht es Trutz, Vorname Maykl, was ein bisschen Russisch ist, ein bisschen Deutsch, ein bisschen Englisch und ganz 20. Jahrhunderts.

„Trutz“, der Roman von Christoph Hein, ist seine Geschichte. Und die seiner Eltern Rainer und Gudrun. Ihres Freundes Waldemar Gejm und seines Sohnes Rem. Und in dieser doppelten Familiengeschichte die ganze Tragik des 20. Jahrhunderts. Es geht vom Nazi-Deutschland über die stalinistische Sowjetunion bis in die DDR. Und mittendrin der arme Tropf Trutz, der von Kindesbeinen geschult wurde, nichts zu vergessen.

Der große Kondensator Dušan David Pařízek („Maria Stuart“, „Macht und Widerstand“) hat den schweren Stoff für diese Koproduktion mit den Ruhfestspielen Recklinghausen famos eingedampft. Er vertraut seinen vier Spielern: Henning Hartmann und Sarah Franke aus dem Ensemble sowie den Gästen Markus John und Ernst Stötzner.

Pařízek, der auch die Bühne entwarf, vertraut auch der kollektiven Erinnerung: Es braucht angesichts des 20. Jahrhunderts eben auch nicht mehr als zweier Overhead-Projektoren, um die sich überlagernden Bilder in den Zuschauerköpfen abzurufen. Davor ein steter Wechsel der Rollen und Kostüme (Kamila Polívková), der Bilder und Zeiten, Geschlechter und Lebensalter.

Vier geniale Komödianten spielen an gegen den Verlust der Erinnerung, als gebe es kein Morgen und kein Gestern, lustvoll, oft zum Brüllen komisch und doch mit der Sensibilität. Gewagte Behauptungen, die immer aufgehen. Und wenn der wuchtige John in eine knallrote Strumpfhose schlüpft und auf Zehenspitzen geht, dann ist er halt eine Sowjet-Schönheit. Und ein Stötzner, immerhin 66 Jahre alt, in Unterhose zum schutzlosen Säugling. Geniale Bilder für schizophrene Zeiten.

Ganz viele Tonarten und kein Missklang. Pařízek und seine vier großartigen Spieler halten das Tempo hoch in diesem mit zwei Stunden und 20 Minuten überraschend kurzen und vor allem kurzweiligen Sprint durch die deutsche Geschichte. Nur die Zeit in der DDR im letzten Viertel wird ein wenig grau und bleiern. Aber das passt ja auch ganz gut.

Diktaturen sind ironiefreie Zonen, wie Gudrun einmal feststellt. Aber ertragen kann man das Elend wenn nicht durch seliges Vergessen, dann nur mit Humor. An diese Inszenierung wird man sich lange erinnern. Und an die lustigste schwere Geburt aller Zeiten sowieso.

Nach der Vorstellung am 6. Oktober wird für das Publikum ein Nachgespräch mit Autor Hein und Regisseur Pařízek angeboten. Weitere Terminen finden Sie hier.

Vor der Premiere sprachen wir mit Schauspielerin Sarah Franke. Das Interview finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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