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Kultur Trojas Krieg in der Turnhalle
Nachrichten Kultur Trojas Krieg in der Turnhalle
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13:20 23.01.2012
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JA, SIND WIR DENN HIER BEIM SUMO: Andreas Schlager (links) und Sebastian Schindegger clinchen im Krieg. Quelle: Ribbe
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Hannover

VON SIEGFRIED BARTH

Der Trojanische Krieg findet in der Turnhalle statt. Eine Horde von Rugby-Rüpeln tobt herein, Griechen und Trojaner spielen Krieg. Der fast leere Saal mit Bänken an den Seiten ist aber auch ein Theater-Spielraum, wie der große Jürgen Gosch ihn liebte. Jetzt hat Anna Sörensen eine solche Kulisse für Regisseur Thomas Dannemann gebaut, der unter Gosch in Düsseldorf ein sehr erfolgreicher Schauspieler war. Der lange Abend im Ballhof ähnelt dem Gosch-Theater. Spiel mit offener Garderobe, ständig zieht man sich um für neue Taten. Stinkendes Männermilieu, Imponiergehabe in verschwitzter Unterwäsche. Shakespeares scharf komisches Drama zieht dem Krieg die Stiefel aus, Helden werden Witzfiguren. Der große Achill (Christian Fries) erstickt an seiner Eitelkeit, Gegner Hektor (Sebastian Schindegger) ist nicht minder selbstverliebt, Ajax (Andreas Schlager) eine Dumpfbacke. Odysseus (Wolf Bachofner) spinnt Intrigen, Oberboss Agamemnon (Christoph Müller) stolpert in gesalbten Sonntagsreden über eine Sprachmacke, die seine Autorität untergräbt.

Die Hure Helena

Nichts ist in Ordnung in Troja. Im siebten Kriegsjahr zweifeln die Griechen, ob die Hure Helena, die sie nach ihrer Entführung aus Troja zurückholen sollen, den Einsatz überhaupt wert sei. Warum ist die schöne Helena eine Hure? In Katja Gaudards Darstellung ist sie tatsächlich jede Sünde wert. Und warum wird die schöne Cressida jetzt auch noch zur Nutte? Es ist der Krieg, so lässt sich ahnen, der Männer zu Mördern und Frauen zu Huren macht. Und der Krieg ist reiner Männerschweiß, Ausdünstung ihrer Hirne.

Wie Troilus und Cressida sich ihre Liebe zu gestehen versuchen, das ist einer der schönsten Dialoge der Weltliteratur. Doch hier kommt er so verkunstet daher, so verhaspelt (Cressida) und verstammelt (Troilus), dass man die Worte kaum versteht. Schade drum, wo doch Camill Jammal und Elisabeth Hoppe ihre Rollen sonst großartig meistern. Wollten oder sollten sie es zu gut machen? Die Inszenierung krankt an mancher Übertreibung.

Shakespeare verfeuert die Liebesgeschichte, obwohl sie den Titel hergab, sehr schnell. Gleich nach der Hochzeitsnacht wird Cressida den Feinden ausgeliefert (im Austausch für einen prominenten Gefangenen) und ist im griechischen Soldatenlager sogleich das öffentliche Objekt der Begierde. Sie ist durchaus verführbar, auch Frauen sind keine Helden. Sie kriegen sich nicht und sie sterben nicht, also sind Troilus und Cressida kein klassisches Liebespaar, sondern auch nur namenlose Kriegsbetrogene.

Das konsequente Antiheldentum lässt diesen Shakespeare sehr modern wirken. Dazu passt der zynische Erzähler Thersites, ein Schandmaul, das vom Gast Martin Horn gespielt wird. Ein auffallend guter Sprecher, der im Ballhof vor gut 20 Jahren schon zum Ensemble des Intendanten Eberhard Witt gehörte.

Der (mit Pause) fast vier Stunden lange Abend ist von guter Schauspielerei geprägt, man ist aber auch den besonderen Eigenarten dieses selten gespielten Stücks ausgeliefert. Es ist so wort-mächtig, dass man nichts versäumen mag, und doch so weitschweifig, dass man öfter mal die nächste starke Szene herbeisehnt, um sich aus der Erschlaffung reißen zu lassen. Trotzdem ist der Premierenbeifall noch recht munter.

Bewertung: 4/5