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Kultur Tobias Beck und die „Bewohner“
Nachrichten Kultur Tobias Beck und die „Bewohner“
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14:33 27.02.2019
Der Meister: Life Coach Tobias Beck bei seinem Auftritt im Capitol.
Der Meister: Life Coach Tobias Beck bei seinem Auftritt im Capitol. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Im Capitol wird mit Nachdruck applaudiert, als Tobias Beck auf die Bühne kommt. Für die 1000 Besucher ist das Klatschen für den Motivationstrainer keine Höflichkeit, sondern eine Lebenseinstellung – adaptiert aus den Lehren des Life Coaches mit den roten Sneakern und dem breitem Lächeln.

„Wessen Freunde hatten Angst, dass ihr heute hier seid?“, fragt Beck, die Selbstoptimierungsindustrie hat schließlich den Ruf, vor allem die Finanzen ihrer Prediger zu optimieren. Beck lockt mit Herkömmlichem: einfachen Antworten auf schwierige Fragen.

Wie werde ich glücklicher? Wie verbessere ich Beziehungen? Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Der studierte Psychologe hat die Welt als Lufthansa-Mitarbeiter gesehen und war in der Disney World Orlando als Donald Duck-Neffe Trick kostümiert (und lässt wie die Duck-Drillinge seine Sätze oft vom Publikum vollenden) – in seinen zahlreichen Anekdoten fügt sich sein Lebensweg zu einer nahtlosen Geschichte zusammen, die in den Lehren der „Tobias Beck University“ kulminiert.

Man soll Personen, die einen herunterziehen (Beck nennt sie „Bewohner“) aus seinem Leben verbannen, Beziehungen vereinfachen, seine Träume angehen. Zu pathetischer Musik und Pop-Psychologie-Videos gibt Beck wenig Handfestes mit, die Optimierungsstrategien leben davon, dass man nicht zu viel über sie nachdenkt.

Die „Lebensberge“, die wir besteigen, seien alle unterschiedlich, sagt Beck – seine Methode aber sei universell, das Grundparadox des Self-Help-Universums. Wie ein Scharlatan will Beck nicht herüberkommen, er spricht kognitive Fehlschlüsse an, beruft sich auf nachvollziehbare Grundmoral.

Außer natürlich, es geht um die bereits geächteten „Bewohner“: Dann darf sich das Capitol schonmal über eine Anekdote über Verbrennungen dritten Grades, die ein solcher Depp beim Rauchen erlitt, kaputtlachen – die Empathie, auf die Beck predigt, gilt nur für Gleichgesinnte.

Mit „Wir-gegen-Die“-Mentalität werden die 1000 immer wieder eingeschworen: Beck lässt ständig durchscheinen, dass die hier Anwesenden schon die ersten Schritte gemacht hätten. Die „Bewohner“, klar, das sind alle anderen, aber nicht man selber – bekanntlich denkt ja auch jeder von sich, ein überdurchschnittlicher Autofahrer zu sein. Auch so ein arger Fehlschluss. Aber den spricht Beck nicht an.

Von Lilean Buhl