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Kultur Tim Golla über den Punk in „Iggy – Lust for Life“
Nachrichten Kultur Tim Golla über den Punk in „Iggy – Lust for Life“
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15:54 05.12.2018
Definition des Punk: Tim Golla ist der musikalische Leiter von „Iggy – Lust for Life“. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Ein Abend über den „Godfather of Punk“. Regisseur Sascha Hawemann spürt in „Iggy _lust for Life“ der Berliner Zeit Iggy Pops an der Seite David Bowies nach. Wir sprachen mit dem musikalischen Leiter Tim Golla (29).

Wie viel Punk steckt in „Iggy – Lust for Life“?

Das kommt auf die Perspektive an. Nach meinem Verständnis ist Punk kein Genre, sondern eine Lebenseinstellung, bei der es um Verweigerung, um Brechungen und das Nichterfüllen von Erwartungen geht. Und wenn man es so sieht, wird der Abend auf verschiedenen Ebenen punkig.

Das heißt, der Abend wird meine Erwartungen nicht erfüllen?

Möglicherweise. Das kann ich nicht versprechen. Es kommen jedenfalls unvorhergesehene Momente – wäre schlimm, wenn nicht.

Wie war Ihr Iggy-Pop-Erstkontakt?

Tatsächlich über Sascha (Hawemann, d.Red.). Iggy ist ja eine ganz andere Generation als ich. Ich bin Ende der 80er geboren, in den 90ern groß geworden und habe mich in den Nuller-Jahren mit Punk befasst. Mit den Ärzten zum Beispiel, bei denen viele andere Punks sagten: „Das ist doch kein Punk mehr!“

Ein Vorwurf, der so alt ist wie Punk ...

Mir geht es eher um ein Mindsetting. Nach meiner Auffassung kann auch ein klassischer Dirigent Punk sein, wenn er in irgendeiner Form Antihaltung spüren lässt, den Wunsch, irgendetwas grundlegend anders zu machen. Deswegen verstehe ich die Musik von damals so gut, weil sie sich aufgelehnt hat gegenüber Charts. Jedenfalls hat Sascha bei unseren Treffen viel erzählt, von Iggy Pop, aus der Zeit, vom Berlin Ende der 70er Jahre, also der Zeit, an dem der Abend spielt.

Welchen Bezug haben Sie seither zu ihm?

Ich habe mich ganz oft wiedererkannt, in dieser nicht intellektuellen – und eigentlich auch theaterfernen – Haltung, sich stumpf irgendetwas zu verweigern. Einfach impulsiv zu sagen: „Nö!“ Diesen Impuls habe ich auch in meiner Jugend entwickelt. Eine Rotzigkeit und Ungeschliffenheit, wie man textet und musikalisch arrangiert – meist nämlich gar nicht (lacht).

Wie bringt man nur solche Impulsivität ins Theater, wo doch Iggy Pop fast schon historisch geworden ist?

Ich kann ja nur mich sprechen: durch die Spielweise. Wir bringen auch nicht den Sound von damals auf die Bühne; dafür sind meine Hörgewohnheiten zu anders. Wenn ich das Gefühl habe, das gibt jetzt hier auf die Fresse, dann klingt das anders, als wenn das jemand vor 30 Jahren gedacht hat. Die Songs werden schon bedeutend fetter.

Sie werden Schlagzeug spielen?

Ja, aber auch ganz oft Gitarre. Es gibt ein richtiges kleines Instrumentenkarussell. Zum Teil spielen auch die Schauspieler verschiedene Instrumente.

Wie haben Sie mit Ihnen geprobt?

Naja, grundsätzlich muss man bei Iggy-Songs keinen großen Fokus auf Gesangsproben legen, dazu sind die Schauspieler musikalisch genug.

Aber sind nicht manche der Stimmen fast ein wenig zu wohlklingend dafür?

Aber da gibt es einfach eine Ansage: „Sing es mal rotziger!“ Wir haben auch durch die Bandsachen, die wir über die Jahre vorher miteinander gemacht haben, eine gute Kommunikation.

Haben die Schauspieler Spaß daran, ihren inneren Punk zu entdecken?

Oh ja, im, Spiel sowieso, und das nehmen sie auch mit in die Songs.

Haben Sie Konzessionen machen müssen an das klassische Publikum eines Staatstheaters?

Deswegen habe ich ja eine Schallschutzwand (lacht). Das Schlagzeug hätte sonst in den ersten Reihen schon kritisch werden können. Es wird ein sehr bunter Abend; es wird zwischendurch auch mal sehr ruhig oder sinnlich: Da ist für jeden etwas dabei.

Und Carolin Haupt macht den Bowie?

Ja, das passt super. Gerade weil er in der Zeit auch viele androgyne Züge hatte.

Was war für Sie die größte Herausforderung?

Als Musiker mag man gerne klare Ansagen. „Spiel mal eine ruhige Fläche drunter“ zum Beispiel. Am Theater ist die Kommunikation eine andere. Es geht viel mehr um Gefühle, um Situationen; da wird ein ganz anderes Wording benutzt. Das muss man als Musiker erstmal übersetzen. Aber es macht Spaß. Die Songs haben ja auch immer inhaltliche oder emotionale Anbindungen an die Szenen davor und danach.

Was erzählt der Abend?

Es wird ein Trip durch das Berlin der 70er. Es gibt jetzt keine groß festgelegten Figuren, keine große Reise von A nach B. Filmkamera an, und jetzt laufen wir durch Berlin. Es gibt auch zeitliche Sprünge und Abzweigungen.

Und welche Relevanz hat Iggy Pop heute noch?

Haltung – das ist das erste, was mir einfällt. Man kann ihn nicht losgelöst von der Zeit sehen und – so, wie wir es erzählen – von Bowie. Beides grundverschiedene Menschen: Wir sehen hier einen sehr konzeptionellen Menschen und dort einen sehr impulsiven. Wir sehen auch, wie sie sich aneinander reiben und trotzdem im Diskurs bleiben. Davon kann man ruhig etwas lernen.

Ab 6. Dezember im Schauspielhaus. Mehr Informationen finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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