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Kultur Tim Bendzko im NP-Interview: „Man weiß gar nicht, was stimmt und was nicht“
Nachrichten Kultur Tim Bendzko im NP-Interview: „Man weiß gar nicht, was stimmt und was nicht“
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14:35 10.10.2019
Stellt sein neues Album auch in der Swiss Life Hall vor: Tim Bendzko. Quelle: Wilde
Hannover

Tim Bendzko (34) blickt durch den „Filter“ – so heißt das neue Album des Deutschpoppers, das am 18. Oktober bei Jive Germany/Sony Music erscheint. Ein Gespräch über Filterblasen, Fake News und Filterkaffee.

Sie haben auf Facebook Ihre Fans aufgefordert, den Song „Hoch“ zu interpretieren. Weil er so viel Raum dazu bietet?

Es geht vor allem um das Video – und darum zu zeigen, dass es am Ende überhaupt nicht darum geht, den Song und das Video so zu verstehen, wie ich es meine. Es war spannend, weil am Ende ein paar Sachen dabei waren, auf die ich gar nicht gekommen wäre.

Weil es klüger war als gemeint?

Es waren verschiedenste Ideen dabei, bis hin zu schwerer Gesellschaftskritik. Einzelne Personen aus dem Video wurden herausgenommen und interpretiert, wofür die wohl stehen könnten. So viel hatten wir uns gar nicht dabei gedacht. Ich finde, dass der Song einfach eine unglaubliche Energie hat, die man auch als Motivation beschreiben könnte. Nur das wollten wir darstellen: dass man, wenn man weit gekommen ist, nur jemanden braucht, der einem sagt, dass man den Rest auch noch schafft. Natürlich total zugespitzt.

„Wenn jemand von außen kommt, stresst mich das eher“

Brauchen Sie so ein gutes Zureden auch, wenn ein Album fast fertig ist?

Wenn etwas schwierig wird, neige ich eher dazu, die Sache mit mir selber auszumachen. Wenn jemand von außen kommt, stresst mich das eher. Wenn jemand sagt: „Mach dir keine Sorgen!“, mache ich mir erst recht welche.

Hatten Sie welche?

Es war weitestgehend sorgenfrei. Zwischendurch gab es mal eine Phase, in der ich mich fragte: Kann man in der heutigen Musikbranche überhaupt noch Erfolg haben? Weil die Mechanismen so komisch geworden sind.

Was meinen Sie?

Nur mal zum Vergleich meine erste Veröffentlichung: Bevor „Welt retten“ veröffentlicht wurde, ist es schon drei Monate im Radio gewesen. Jetzt passiert alles gleichzeitig: Man kann den Song an dem Tag kaufen und streamen, an dem er auch im Radio läuft. Das bedeutet, dass initial kaum jemand mitbekommt, dass es einen neuen Song zu kaufen gibt. Das Feedback kommt schneller als zuvor – aber Radio, heute ja so etwas wie die einzige Form der Werbung, funktioniert noch im selben Tempo wie früher. Das führt dazu, dass man richtige Promo erst zum Album macht. Egal: Dies ist jedenfalls das Album, bei dem ich am selbstbewusstesten bin. Weil auch das Album so selbstbewusst ist.

„Mit 20 hätte ich den Song nicht singen können“

Das ist es. Sie steigen schon ein mit „Jetzt bin ich ja hier – ich klopf’ euch den Staub von den Schultern...“

Das ist natürlich auch ironisch gemeint. Aber selbst das kann man nur machen, wenn man auch schon ein bisschen Erfahrung hat. Mit 20 hätte ich den Song nicht singen können. Den hätte ich mir selber nicht abgenommen und alle anderen erst recht nicht.

Aber Ironie hin oder her – ist es nicht tatsächlich die Rolle des Musikers, stellvertretend für seine Hörer die Sorgen auf sich zu nehmen und sei es nur dadurch, sie zu formulieren?

Das intendiere ich nicht beim Schreiben. Aber wenn mich dabei Dinge beschäftigen, ob die nun privat oder politisch sind, kommen die in den Song rein. Und je größer die Dinge sind, desto mehr wird man zum Stellvertreter von jemandem, der das vielleicht nicht so formulieren kann – oder gar nicht den Drang dazu hat. Aber dass Musik diese Funktion erfüllen kann, ist ja gerade das Schöne an ihr. Deswegen mache ich das. Und diesen Song kann man einfach nur als Aufschneiderei verstehen – oder auf Leute wie Johnson oder Trump beziehen.

Wie das?

Es ist doch völlig absurd, dass wir als Menschen, die sich als intelligent verstehen, immer wieder wissentlich die gleichen Fehler machen. Wir haben als Menschheit immer geglaubt, dass, wenn wir nur genug Information haben, nicht mehr viel passieren kann. Weil ein informierter Mensch ein besserer Mensch ist. Das Gegenteil ist scheinbar der Fall: Niemand weiß mehr, ob irgendeine Information von Gehalt ist. Und so kommen solche Leute an die Macht. Man weiß gar nicht, was stimmt und was nicht. Das gilt ja sogar zum Beispiel für Ernährungsfragen.

„Niemand weiß mehr, ob irgendeine Information von Gehalt ist.“

Man freut sich als Kaffeetrinker über jede Studie, die einem sagt, dass viel Kaffee doch gesund ist, und ignoriert alle anderen ...

Und in dieser Sekunde trinke ich einen Schluck Filterkaffee ... (lacht)  Bei all diesen Informationen, Wahrheitsgehalt hin oder her, fehlt immer der Kontext. Und am Ende weiß jeder, dass, egal was ich zu mir nehme, es ungesund ist, wenn ich zuviel davon konsumiere.

Das Album heißt „Filter“. Welchen haben Sie benutzt?

In erster Linie habe ich das Wort benutzt, weil ich es spannend finde, weil es so vielschichtig ist und heute eine ganz andere Bedeutung hat als noch vor zehn Jahren. Mich interessiert der ursprüngliche Sinn, nicht der der Filterblase: also wirklich etwas herausfiltern und das Beste herausholen – wie bei einer Kamera, der man einen Filter aufschraubt. Darum habe ich bei diesem Album auch mehr als je zuvor mit anderen zusammengearbeitet.

„Mich interessiert der ursprüngliche Sinn, nicht der der Filterblase

Musikalisch wie auch textlich?

Beides, ja. Und gerade bei Texten habe ich mich dem lange verweigert, denn ich kann nur Songs singen, die meine sind. Diesmal konnte ich mich dafür öffnen. Am Ende bin ich immer noch der federführende Mensch. Aber es sind Sachen entstanden, die mir alleine nicht möglich gewesen wären.

Das neue Album

Das ist doch beruhigend: „Jetzt bin ich ja hier“ singt Tim Bendzko gleich im ersten Lied seines neuen Albums „Filter“ (Jive Germany/Sony Music). Drei Jahre sind seit dem Vorgänger „Immer noch Mensch“ vergangen. Bendzko war reisen, wollte zu sich kommen, filtern, was wichtig ist. Das Ergebnis ist ein Album, das zwar auch Rollenprosa bietet („Für immer“), aber eben auch eigene Verletzlichkeiten thematisiert – wenn er etwa in „Leise“ über unerträgliche Stille nach der Rückkehr aus der Öffentlichkeit singt. Mutmachhymnen zuhauf; das muss im Deutschpop sein, „Hoch“ zum Beispiel. Da siegt einer noch im Zaudern. Das Album ist mutiger instrumentiert als seine Vorgänger, oft auch angenehm zurückhaltend, hat mit den Kollegen Kool Savas und Milow interessante Gäste und reiht sich doch – im Guten wie im Schlechten – sehr nahtlos in Bendzkos Schaffen ein. 3*

Trotzdem sind Songs dabei, die ein wenig nach Rollenprosa klingen, „Für immer“ zum Beispiel. Ich denke, die Zeiten, in denen Sie einer jungen Dame nichts zu bieten haben außer einem Platz auf dem Fahrrad, sind vorüber.

Ich versuche immer wieder, etwas zu schreiben, was ich noch nie geschrieben habe; das ist die Herausforderung. Und natürlich habe ich schon Liebeslieder geschrieben, aber selten so positive. Den Song habe ich mit Julian von Dohnanyi zusammen geschrieben. Von ihm kommen die ersten beiden Zeilen, die ich erst einmal völlig abwegig fand. Ich hatte so ein 80er-Jahre-Szenario vor Augen, so wie „Sonnenallee“: ein Nerd, der noch nie eine Freundin hatte und jetzt über seinen Schatten springt und seine große Liebe anspricht. Das zu schreiben, hat mich total gereizt.

Wie sieht es mit dem Gegensatzpaar „Laut“ und „Leise“ aus? In dem einen Song geht es um jemanden, der richtig aufdrehen muss, damit er überhaupt etwas spürt, in dem anderen um jemanden, der aus großer Öffentlichkeit nach Hause kommt, in schreckliche Stille.

Da steckt die Antwort schon in der Frage. Denn das eine hat mit Musik zu tun, das andere mit Öffentlichkeit. Und beides ist wieder total zugespitzt. Musik mache ich, weil ich schon als Kind gemerkt habe, was sie mit mir anrichten kann: Sie kann mich innerhalb weniger Minuten in eine ganz andere Stimmung versetzen. Und „Leise“ beschreibt genau diesen Unterschied von Eigen- und Fremdwahrnehmung: Ich bin nicht der Mensch, den ihr da auf der Bühne seht, auch wenn ich dort gerne genauso wäre wie zuhause. Aber das geht einfach nicht. Und wenn es dann doch mal passiert, kann man sich zehn Jahre später noch daran erinnern. Auf der anderen Seite weiß man: Irgendwann kommt wieder so ein Tag, an dem das wieder passiert und man völlig beseelt von der Bühne geht.

Tim Bendzko

*9. April 1985 in Ost-Berlin. Tim Bendzko begann zwar schon als Teenager, Musik zu machen, wartete aber ab, eigene Lieder zu veröffentlichen, bis er meinte, genug zu sagen zu haben. Er probierte es als Fußballer (und rückte beim 1. FC Union Berlin in die B-Jugend auf), studierte ohne Abschluss Theologie und arbeitete als Auto-Auktionator. Seinen musikalischen Durchbruch hatte er 2011 mit seinem Debütalbum „Wenn Worte meine Sprache wären“ und der Single „Nur noch kurz die Welt retten“. „Filter“ ist sein viertes Studioalbum.

Tim Bendzko live: am 17. Mai 2020 in der Swiss-Life-Hall. Karten (42,90 bis 69,90 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops, natürlich auch online.

Von Stefan Gohlisch

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