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19:52 18.01.2010
Von Kristian Teetz
Geschenk des alten an den neuen Westen: Freiheitsstatue in New York.
Geschenk des alten an den neuen Westen: Freiheitsstatue in New York. Quelle: AP (Archiv)
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Als jetzt am ersten Weihnachtstag in China der Ehrenvorsitzende des chinesischen Schriftstellerverbandes, Liu Xiaobo, zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, hieß es: „Der Westen reagiert empört auf das harte Urteil.“ Und der heutige Bundes­finanzminister Wolfgang Schäuble fragte 2003 in einem Buch mit dem Titel „Scheitert der Westen?“ Doch wer und was ist dieser Westen, wo liegt er?

Der Berliner Historiker Heinrich ­August Winkler will in seiner opulenten „Geschichte des Westens“, deren erster Teil von der Antike bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs reicht, den Westen geografisch, politisch und ideengeschichtlich verorten. Er ist für Winkler nicht identisch mit Europa. Wer von der Europäischen Union als Wertegemeinschaft spreche, meine eine Staatengemeinschaft, die sich zu den westlichen Werten bekennt. Mit den Worten des Historikers Gerald Stourzh definiert Winkler: „Europa ist nicht (allein) der Westen. Der Westen geht über Europa hinaus. Aber Europa geht auch über den Westen hinaus.“ Zur Wertegemeinschaft gehören demnach auch die USA und Kanada, Australien und Neuseeland sowie Israel. Als die Menschenrechte 1789 zum ersten Mal Teil einer europäischen Verfassung wurden, standen die „Virginia Declaration of Rights“ und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (von 1776) Pate, die wiederum Ideen aus der europäischen Aufklärung aufgenommen hatten. Andererseits haben große Teile Europas wie Russland und die Türkei kaum Anteil an der Herausbildung des westlichen Wertekanons. Als eine historische Wegscheide sieht Winkler die Teilung der christlichen Kirche in West (Rom) und Ost (Byzanz). Das allerdings führt zu der fragwürdigen Erkenntnis, dass Griechenland nicht zu den Wegbereitern des Westens gehört. Das antike Griechenland lässt Winkler nahezu unerwähnt. Auch wenn die attische Demokratie nur bedingt mit heutigen Spielarten der Demokratie vergleichbar ist, bleibt sie doch, anders als Winkler impliziert, ein wichtiger Bestandteil des Fundaments, auf dem der Westen steht.

Ausführlich dagegen weist Winkler auf die jüdisch-christlichen Grundlagen der westlichen Zivilisation hin. Er lässt sein Buch mit dem programmatischen Satz beginnen: „Am Anfang war ein Glaube: der Glaube an einen Gott.“ Im ägyptischen Monotheismus des 14. Jahrhunderts v. Chr. und in dessen Tradierung durch das Judentum sieht Winkler die Geburtsstunde des Westens. So weise die Gleichheit des einzelnen Menschen vor Gott bereits auf das spätere „Vor dem Gesetz ist jeder gleich“ hin. Die Keimzelle des Pluralismus und der Säkularisierung sieht Winkler in Jesus’ Satz „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gott gehört“. Und zu den Menschenrechten zitiert Winkler den Staatsrechtler Georg Jellinek: „Was man bisher für ein Werk der (Französischen) Revolution gehalten hat, ist in Wahrheit eine Frucht der Reformation und ihrer Kämpfe.“ Winkler sieht sich hier offenkundig als Nachhilfelehrer, bezeichnet er es doch als typisch europäisch, dass die christlichen Wurzeln des Westens oft vergessen werden. Teile der amerikanischen Gesellschaft dagegen, führt der Historiker weiter aus, tendieren noch heute dazu, „die politische Freiheit umstandslos aus der Religion abzuleiten“ und den Anteil der Aufklärung zu unterschätzen.

Auch deshalb tut Winkler gut daran, die jüdisch-christlichen Fundamente des Westens zwar zu betonen, zugleich aber deren weltliche Weiterentwicklung nicht zu verschweigen. So arbeitet er in hervorragenden kleinen Essays heraus, welche entscheidende Rolle Aufklärer wie John Locke und Charles de Montesquieu für die Gewaltenteilung spielen.

Mit der Aufklärung und der politischen Geschichte des Westens im 19. und 20. Jahrhundert beginnen die starken Seiten des auch für Nichthistoriker gut lesbaren Buches. Winkler erweist sich einmal mehr als exzellenter Kenner der Geschichte Frankreichs, Großbritanniens, der USA, Deutschlands und Italiens. Viele Thesen Deutschland betreffend sind bereits aus seinem zweibändigen Standardwerk „Der lange Weg nach Westen“ bekannt. Die Ausweitung auf die genannten Länder macht Winklers Buch zu einem Grundlagenwerk für die Selbstdefinition der westlichen Welt.

Allerdings gilt das nur für die politische Geschichte des Westens. Der Historiker und Jurist lässt nicht nur große Teile der Wirtschafts- und Sozialgeschichte aus, sondern vernachlässigt auch die Kultur. Shakespeare wird gerade einmal in einem Satz erwähnt. Goethes und Schillers Rolle beim langsamen Herantasten an eine deutsche Nation bleibt lediglich eine Randbemerkung.

Einer exakten Definition des Westens geht Winkler aus dem Weg. Die einzelnen Bestandteile muss sich der Leser zusammensuchen – Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, die Menschenrechte, Toleranz und Trennung von Staat und Religion gehören dazu. Aber er weist auch auf ein weiteres entscheidendes Merkmal des Westens hin: die Fähigkeit zur Selbstkritik. Markant für den Westen seien nicht nur seine hehren Ziele, sondern auch der Verstoß gegen dieselben. Sklavenhandel, Kolonialismus, Völkermord – die Liste der Verbrechen, die in und von westlichen Ländern begangen wurden, ist lang. Doch geblieben ist für den ehemaligen Professor der Berliner Humboldt-Universität am Ende doch das Positive. Er attestiert dem Westen „die Fähigkeit zur Selbstkritik, zur Korrektur seiner Praxis und zur Weiterentwicklung seines Projekts“.

Hier offenbart sich der politische Intellektuelle Heinrich August Winkler. Er grenzt den Westen mal implizit, mal explizit ab, vor allem gegen den Islam. Die Unfähigkeit zur Selbstkritik etwa ist für Winkler ein entscheidendes Kriterium gegen den Beitritt der Türkei zur EU. Nicht die Türkei soll in den Westen integriert werden, sondern die westlichen Ideen, vor allem die unveräußerlichen Menschenrechte, sollen in aller Welt gelten. Dafür aber muss, schreibt Winkler, die westliche Wertegemeinschaft Vorbild sein: „Der Westen kann für die Verbreitung seiner Werte nichts Besseres tun, als sich selbst an sie zu halten und selbstkritisch mit seiner Geschichte umzugehen, die auf weiten Strecken eine Geschichte von Verstößen gegen die eigenen Ideale war.“




Heinrich August Winkler:
„Geschichte des Westens. Bd.1“.
C. H. Beck.
1343 Seiten,
 38 Euro.