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 was ein erfolgreiches
 Buch ausmacht
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20:22 07.02.2010
Quelle: Jana Striewe (Symbolbild)

Herr Beilein, was kennzeichnet denn literarischen Erfolg? Das Prädikat „literarisch wertvoll“ oder eher Bestsellerzahlen?

Das entscheidet der Literaturbetrieb – und zwar immer wieder anders. Vor 30, 40 Jahren war der Verkaufserfolg dem Ansehen von Schriftstellern gar nicht förderlich. Man geriet eher in den Verdacht, Trivialliteratur zu schreiben. Simmel war so ein Fall. Er hatte enorm hohe Auflagen und einen schlechten Ruf, was seine literarische Qualität anging. Heute dagegen würde wohl niemand behaupten, dass Daniel Kehlmann triviale Romane schreibt, bloß weil er die Bestsellerlisten beherrscht.

Der Schriftsteller Ulrich Peltzer sagt über die Bedeutung von Auflagenzahlen: „Literarischer Erfolg ist, wenn man von einem Buch 100.000 Stück verkauft.“

Dass im Literaturbetrieb die Aufmerksamkeit derart von der Ökonomie regiert wird, ist natürlich nicht richtig. Gerade Autoren wie Peltzer werden vom Feuilleton massiv gefördert. Reinhard Jirgl etwa wird von der Literaturkritik hymnisch besprochen, obwohl er so sperrige Texte schreibt, dass er sich am Markt vermutlich nie durchsetzen wird. Trotzdem findet er sein Publikum: Er ist literarisch erfolgreich.

Wie wichtig sind Buchpreise für literarischen Erfolg?

Die Gleichung, dass der Gewinn eines Buchpreises mit einer Erfolgsstory verbunden ist, stimmt jedenfalls nicht...

Vielleicht doch. Mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Bücher, die sich vorher 4000- bis 5000-mal verkauft haben, gehen plötzlich mehr als 100.000-mal über den Ladentisch.

Beim Deutschen Buchpreis kommt die enorme Medienaufmerksamkeit dazu, die der Preis von Anfang an hatte. Die Vorauswahl der Autoren, die Long- und die Shortlisten, wird öffentlich inszeniert: in den Feuilletons, in den Fachzeitschriften. Die Preisverleihung hat ein publikumswirksames Forum: die Frankfurter Buchmesse. Außerdem ist der Deutsche Buchpreis ein Preis für den besten Roman. Das ist derzeit das populärste Genre überhaupt. Ein Lyrikpreis könnte nie solche Wirkungen erzielen.

Und der Nobelpreis?

Für Herta Müller hat er einen ähnlichen Effekt gehabt wie für andere der Deutsche Buchpreis. Nach der Bekanntgabe wurden mehrere Auflagen nachgedruckt. Aber für Harold Pinter zum Beispiel gilt das nicht. Auch nicht für Elfriede Jelinek.

Warum?

Bei Elfriede Jelinek hängt es möglicherweise damit zusammen, dass sie nicht in erster Linie Romanautorin, sondern Theaterautorin ist. Außerdem schreibt sie wesentlich radikaler als Herta Müller. Aber der Zusammenhang zwischen Literaturpreisverleihung und Erfolg ist ein Forschungsdesiderat. Wir hatten sogar ein Stipendium dafür ausgeschrieben. Aber es hat sich niemand beworben, dessen Konzept überzeugte.

Welche Überlebenschance hat heute ein literarisch wertvolles Buch, das weder einen Preis gewinnt noch mit Auflage punkten kann?

Es kommt darauf an, ob jemand den Nachlass pflegt. Möglicherweise wird es zum Gegenstand der Forschung, oder ein prominenter Autor macht es bekannt, indem er sich öffentlich immer wieder darauf bezieht. Georg Büchner ist zu Lebzeiten literarisch kaum bekannt gewesen. Seinen „Woyzeck“ gab es nur in Fragmenten, die Karl Emil Franzos mehr als 40 Jahre nach Büchners Tod herausgab. Dann entdeckten ihn die Expressionisten, Alban Berg schrieb über den „Woyzeck“ eine Oper: „Wozzeck“. Heute gehört er in den literarischen Kanon.

Der meistdiskutierte Roman in den vergangenen Jahren war Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“. Wird er in 20 Jahren in einem literarischen Kanon enthalten sein?

Ich glaube nicht, dass Werke eines Autors vor seinem Tod überhaupt kanonisch werden können. Ein lebender Autor ist populär, bekannt, aber seine Werke sind nicht Bestandteil eines Kanons, eines Corpus von Texten, die die Gesellschaft für bewahrenswert hält. Der Erfolg von Littels Roman verdankte sich außerdem seinem Skandalpotenzial, das ist eine schlechte Empfehlung.

Warum?

Weil das ein Zeichen für eine imposante, kurzfristige Wirkungsgeschichte ist. In einem Kanon geht es dagegen um Langfristigkeit.

Warum würden Sie nur Werke toter Autoren in einen Kanon aufnehmen?

Wenn Werke abgeschlossen vorliegen, kommen ganz andere Rezeptionsprozesse in Gang. Zum Beispiel bei Thomas Bernhard, auch so ein Skandalautor. Zu Lebzeiten galt er in Österreich als Enfant terrible, auf das sich kein konservativer Politiker je bezogen hätte. Jetzt zitieren sie ihn sogar. Es ist wirklich bemerkenswert, dass ein Rechtspopulist wie Stefan Petzner, Intimus des verunglückten Jörg Haider, sich als dessen „Lebensmensch“ bezeichnet und damit ein Wort verwendet, das Thomas Bernhard geprägt hat.

Verlage bringen mittlerweile so oft im Jahr Bücher auf den Markt, dass viele aus den Regalen fliegen, kaum dass sie sie erreicht haben. Ist der Glaube an die langfristige Wirkung von Büchern noch zeitgemäß?

Der Buchmarkt ist nur ein Teil der Kanonisierung: Die Literaturkritik, die Germanistik, die Schulen, die Autoren, vieles spielt da mit. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es irgendwann eine Gegenbewegung, eine Art Entschleunigung geben wird. Dann merken die Leute auf einmal, wie gut Klassiker wie Lenz, Hebel oder Goethes „Wilhelm Meister“ sind – und lesen sie wieder.

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