Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Stieg Larssons „Verschwörung“: Schwarzlederne Action-Amazone
Nachrichten Kultur Stieg Larssons „Verschwörung“: Schwarzlederne Action-Amazone
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:29 21.11.2018
Es fehlt ihr an Seelentiefe: Lisbeth Salander (Claire Foy) verwandelt sich von einer schillernden Frauenfigur zur üblichen Hollywood-Heroine. Quelle: Foto: Sony
Hannover

Die „Millennium Trilogie“ des schwedischen Autors Stieg Larsson entwickelte sich vor allem dank seiner kraftvollen Heldin zu einem internationalen Bestseller. Lisbeth Salander war eine düstere, schillernde Frauenfigur, wie man sie im Thriller-Genre so noch nicht angetroffen hatte.

Noomi Rapace brachte Larssons Heldin prägnant auf die Leinwand

Von traumatischen, sexuellen Gewalterfahrungen geprägt, ist Salander als Symbolfigur weiblicher Selbstbehauptung gezeichnet, die sich gegen die korrupten, patriarchalen Strukturen stellt. Als versierte Hackerin wächst weit über gängige Racheengel-Klischees hinaus.

Ihr Wesen existiert zwischen den kategorisierenden Zuschreibungen von weiblich und männlich, Täter und Opfer, Fragilität und Stärke. Aus dieser Unklassifizierbarkeit entsteht die Faszination für die wortkarge Heldin, die Noomi Rapace in den schwedischen Larsson-Verfilmungen prägnant auf die Leinwand brachte.

Es hätte keinerlei cineastischer Hinzufügung bedurft, doch hatte Hollywood sofort ein Auge auf den lukrativen Stoff geworfen. David Fincher präsentierte 2011 mit Rooney Mara als Lisbeth ein überraschend solides Remake, das 232 Millionen Dollar einspielte. Sieben Jahre später tritt nun Claire Foy („The Crown“) die Nachfolge in der Riege der Lisbeth-Salander-Darstellerinnen an.

Die Geschichte taucht tief in die verstörende Kindheit Lisbeths ein

Als Vorlage dient der Nachfolgeroman „Verschwörung“, der 2015 von David Lagercrantz nach Larssons Tod verfasst wurde. Die Geschichte taucht tiefer in die Kindheit Lisbeths ein, die als Mädchen vor den sexuellen Zudringlichkeiten des Vaters flieht und ihre jüngere Schwester zurücklässt, die sich nicht aus der Abhängigkeit zu ihrem Peiniger lösen kann.

Mehr als 20 Jahre später ist Lisbeth zur feministischen Gerechtigkeitskämpferin gereift, die gewalttätige Ehemänner mit effizienter Überlegenheit zur Rechenschaft zieht. Aber das ist nur ihre Freizeitbeschäftigung.

Hauptberuflich ist Lisbeth immer noch eine hochbegabte Hackerin und wird von einem Wissenschaftler beauftragt, der für die NSA ein gefährliches Programm entwickelt hat: Man kann damit die Codes zu Atomraketen knacken.

Salander mutiert zur schnöden Weltretterin

Nun will der Mann seine weltgefährdende Forschungsarbeit zurück, um sie zu vernichten. Lisbeth gelingt es das Programm herunterzuladen. Doch dann sind der schwedische Geheimdienst, ein gekränkter NSA-Agent und eine Geheimorganisation hinter ihr her, die von ihrer familiären Vergangenheit weiß.

In „Verschwörung“ mutiert Lisbeth von einer Heldin, die sich von ihrem moralischen Kompass leiten lässt, zur schnöden Weltenretterin, die die Menschheit vor ihrem Untergang bewahrt. Diese klischeehaften Verflachung der Motivation passt: Regisseur Fede Alvarez („Don’t Breathe“) setzt den Film als Action-Noir-Thriller in Szene.

Auf einem schwarzen Motorrad rast Lisbeth wie einst Batman durch die dunkle Nacht. Stockholm, das hier kunstvoll aus Berliner Locations zusammengepuzzelt wird, sieht auch ein wenig aus wie Gotham City. Das ist in seiner stilistischen Stringenz durchaus schick und könnte als ambitioniertes Genrewerk durchgewunken werden.

Eine Figur wie Salander hat in einen 08/15-Thriller nichts verloren

Aber dieser Film rechnet sich nun einmal zum Stieg-Larsson-Universum und weiß mit diesen Ressourcen zu wenig anzufangen. Eine Figur wie Lisbeth Salander hat in einem 08/15-Thriller nichts verloren. Foy tut ihr Bestes, um ihre Figur vor dem Klischee der schwarzledernen Action-Amazone zu retten. Aber der umtriebige Spionageplot gibt ihr zu wenig Raum, um Lisbeth Salander die notwendige Seelentiefe zu verleihen.

Von Martin Schwickert / RND

Ein berühmter Schriftsteller in der Schreibblockade: „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ (Kinostart am 22. November) erzählt in zauberhaften Mutmaßungen, wie die berühmte Geschichte mit den Geistern der Weihnacht entstand.

21.11.2018

Eine poetische Exkursion in eine Solidargemeinschaft, wo man sie nicht unbedingt erwartet hätte, ein Dokumentarfilm über junge Leute voller Idealismus, die Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten, und eine politische Fabel über den Aufstand verbannter Hunde auf einer vermüllten Insel: die DVD-Tipps von Stefan Stosch.

20.11.2018

Jan Josef Liefers bringt als verkrachter Gitarrist die Band wieder zusammen, aber es hilft nichts: „So viel Zeit“ (Kinostart: 22 November) verliert sich im Sentimentalen.

20.11.2018