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Kultur Sophie Rois über Lesungen und Lustlosigkeit
Nachrichten Kultur Sophie Rois über Lesungen und Lustlosigkeit
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15:41 07.01.2019
Kehrt zurück: Sophie Rois im Jahr 2016 bei einer Lesung im Schauspielhaus. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Zurück ins Wien zum Beginn des 20. Jahrhunderts: Ausnahme-Schauspielerin Sophie Rois (57) liest am Sonnabend in Hannover aus Joseph Roths Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“. Ein Gespräch über Erwartungshaltung und Buh-Rufe.

Sie kommen zum dritten Mal zu einer Lesung nach Hannover, zuletzt waren Sie mit „Theater“ da. Was macht Sie zur Wiederholungstäterin?

Das entscheide ich von Mal zu Mal. Aber ich habe diesen Abend zum Beispiel sehr gut als gelungen in Erinnerung. Man macht das ja nicht als Schauspielerin alleine, sondern das Publikum muss mitmachen.

Wann ist ein Abend denn gelungen? Ihr langjähriger Intendant Frank Castorf sagt, wenn es Buh-Rufe gibt. Die gab es in Hannover nicht.

Ich glaube, er sagt solche Sachen auch mal, weil er meint, er müsse sie sagen vor der Presse. Ich brauche keine Buh-Rufe. Ich mag es auch nicht, wenn man sich als Schauspieler mit dem Publikum verbrüdert. Aber wenn es einem gelingt, es in etwas hineinzuziehen, womit es vielleicht gar nicht gerechnet hat, es zu überraschen und zu unterhalten, dann ist das ein gelungener Abend.

Eine Überraschung bei Ihnen ist, dass es sich eben nicht um eine reine Lesung handelt, sondern schon um eine kleine Inszenierung ...

Danke! Mein Regisseur Clemens Schönborn und ich haben da zum Glück eine ähnliche Herangehensweise. Ich gehe nicht danach, was ich glaube, dass die Leute es sehen wollen, sondern was ich sehen möchte. Die Leute mögen ja alles mögliche, vom „Musikantenstadl“ bis zum „Sommernachtstraum“. Es ist müßig, auf die Erwartungen des Publikums zu spekulieren. Aber ich weiß, was mich selber unterhält.

Wie schon bei „Theater“ haben Sie einen Stoff ausgewählt, der nicht modern ist, sondern mit einer gewissen Melancholie und Ironie auf Vergangenes blickt ...

Ich bin ein wenig entmutigt, was absolut zeitgenössische Stoffe betrifft. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu wenig kenne. Ich schätze jedenfalls den sentimental-nostalgischen Blick dieses Joseph-Roth-Stoffs. Der Text erschien nach seinem Tod, entstand zu einem Zeitpunkt, als es Österreich gar nicht mehr gab, es annektiert war. Der Roman spielt am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Diese verlorenen Figuren darin haben einen seltsamen Reiz, weil sie – ähnlich wie Jospeh Roth selbst wahrscheinlich – nicht elastisch und beweglich genug sind, um die Umwälzungen ihrer Zeit geistig und körperlich zu überleben. Das berührt einen seltsam.

Und so hüpfen wir von Krisenzeit zu Krisenzeit zu Krisenzeit, und plötzlich ist der Stoff doch wieder modern, oder?

Ja. ich schätze es, sich gerade in der Lückenhaftigkeit der Bezüge einer anderen Zeit zu erkennen. Und ich mag den Humor Roths, wenn er etwa den österreichischen Kaiser abwägen lässt, als er den Besuch des Schahs angekündigt kriegt. Und er denkt darüber nach: Ach, die Mohammedaner waren ja schon einmal da ... Aber jetzt gibt es noch eine viele schlimmere Bedrohung, nämlich die Preußen, die noch viel ungläubiger sind ... Das reizt mich als alten Katholiken unter lauter Protestanten hier in Berlin natürlich zum Lachen.

Es sind sehr saftige Figuren, denen Sie da Ihre Stimme leihen. Haben Sie einen Favoriten?

Nein, das kann ich nicht sagen. Mich reizt das gesamte Ensemble.

Und was reizt Sie am Lesungsformat? Die Freiheit, den Abend ganz alleine gestalten zu können?

Absolut. In meiner Arbeit als Schauspielerin ... wenn man das überhaupt „Arbeit“ nennen kann; man könnte auch einfach nur „Spiel“ sagen, weil es ja keine Arbeit ist ... Jedenfalls macht es mir wahnsinnig Freude, weil ich es letztlich ganz alleine verwalte, weil ich Rhythmus und Dynamik bestimme.

Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Sie würden „trotzfrigide“, wenn beim Film die Aufforderung „Sophie, bitte jetzt!“ komme. Die Gefahr besteht an einem solchen Abend nicht, oder?

Nein, genau (lacht). Da geht es nur um mich und das Publikum. Da kommt nicht diese eine Szene, die ich nie verstanden habe und die ich sowieso nicht mag. Gottseidank ist es mir gelungen, solche Situationen zu 80 Prozent auszuschalten. Jeder Pluralismus im Theater ist mir fremd; ich arbeite sowieso immer nur mit den selben paar Leuten. Manchmal kommt natürlich jemand Neues hinzu. Aber ich stehe nicht für jede Aufgabe zur Verfügung. Das war ja immer das Entspannende an Frank Castorf, dass er selber so wahnsinnig faul ist – eine seiner liebenswürdigsten Charakterzüge: Er hat einen immer einfach machen lassen. Er agiert immer aus einer gewissen Lustlosigkeit heraus, und dieser Verweigerungsgestus ist eine Gabe, die uns Österreicher mit dieser Riege an Ostdeutschen an der Volksbühne verbindet. Und das befreit mich und macht mir Lust.

War die Umstellung am Deutschen Theater denn sehr schwer, mit dem sehr westdeutschen Intendanten Ulrich Khuon?

Gar nicht. Auch da werde ich nicht mit neoliberalem Frohsinn belästigt. Khuon ist ein absoluter Protestant, aber mit ihm komme ich sehr gut klar. Bis jetzt ist es für mich äußerst erfreulich, dort zu spielen.

Die Lesung von Sophie Rois beginnt am Sonnabend, den 12. Januar, um 19.30 Uhr im Schauspielhaus. Es gibt noch Karten für 25 Euro.

Von Stefan Gohlisch

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