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14:37 13.01.2019
Im Schauspielhaus: Sophie Rois liest „Die Geschichte von der 1002. Nacht". Quelle: Katrin Kutter
Hannover

Wer bekommt schon Szenenapplaus allein für das Anzünden einer Zigarette? Sophie Rois wird diese Ehre zuteil, kaum dass sie die Bühne im ausverkauften Schauspielhaus betreten hat. Und diese Vorschusslorbeeren sollen sich als berechtigt erweisen – die Stardarstellerin („Wir können auch anders“, „Drei“, „Tatort“) liefert mit der Lesung von Joseph Roths „Geschichte von der 1002. Nacht“ eine Sternstunde ab.

Falls „Lesung“ überhaupt das richtige Wort für diesen Abend ist. Gewiss, Sophie Rois erhebt sich nicht von dem reizenden Sofa mit dem Tischchen davor, schenkt sich höchstens mal eine Tasse ein und lässt alsbald auch die Fluppen weg. Doch trotz mangelnder Action scheint da eine ganze Batterie an Figuren aufzumarschieren.

Zum Beispiel der persische Schah, mit dessen Sorgen Roths 1939 posthum erschienener und im Wien des ausgehenden 19. Jahrhunderts angesiedelter Roman beginnt. Der Herrscher findet nämlich seine Haremsdamen nicht mehr sonderlich reizvoll und begibt sich nach Österreich. Der hiesigen Sitten unkundig, verguckt er sich schnell in die Gräfin W. und möchte die Dame als Konkubine zugeführt bekommen. Baron Taittinger löst die peinliche Situation, weil er mit Mizzi Schinagl aufwarten kann, ihres Zeichens Tochter eines Ofensetzers und rein äußerlich Doppelgängerin der Adligen.

Besagter Baron teilt die Menschheit in drei Gruppen ein: die „Charmanten“, die „Gleichgültigen“ und die „Langweiligen“. Wobei es zur letztgenannten Gruppe noch eine Steigerung gibt – dann wird‘s nämlich „fad“, und allein die Verachtung, die Sophie Rois in dieses eine Wort hineinzulegen vermag, ist eine Klasse für sich. Und ein Traum, wie sie den Satz über die Augen auskostet, „von denen man sagen könnte, sie seien eine merkwürdige Art von Veilchen mit Vergißmeinnichtblick“.

Natürlich kann die Rois auch anders. Wenn der Text dem Oberst „ein Brüllen und ein Kreischen zugleich“ in den Mund legt, macht die Interpretin eben dies. Was aber nie zum Selbstzweck wird – es hat sicherlich nicht geschadet, dass mit Clemens Schönborn ein Regisseur die Umsetzung des klug gekürzten Textes begleitet hat.

Ebenso wenig wie die Tatsache, dass Sophie Rois aus Österreich stammt und diese spezielle Doppelbödigkeit beherrscht, die sogar mit eigentlich unkomischen Sätzen wie „Es war schwer, aufrecht zu bleiben, wenn die Schenkel auf Eisklumpen saßen“ Lacher im Publikum hervorlockt. Und dafür sorgt, dass man sich auch in die schrägeren Charaktere irgendwie einfühlen kann; beim Selbstmord des Barons werden ein paar echte Laute des Bedauerns laut.

Ein Erlebnis. Der Schlussapplaus ist gar nicht besonders lang, aber derart explosiv, dass Sophie Rois sich auf ihre Art bedankt – sie klatscht einfach ebenso enthusiastisch zurück.

Vor ihrer Lesung in Hannover sprachen wir mir Sophie Rois. Das Interview finden Sie hier.

Von Jörg Worat

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