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Kultur Siri Hustvedt erinnert sich an „Damals“
Nachrichten Kultur Siri Hustvedt erinnert sich an „Damals“
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17:11 27.03.2019
Die Autorin: Die 64-jährige Siri Hustvedt erinnert sich an „Damals“.
Die Autorin: Die 64-jährige Siri Hustvedt erinnert sich an „Damals“. Quelle: Foto: Marion Ettlinger
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Hannover

Es ist das Jahr 1979. Eine junge Frau zieht nach New York. „Minnesota“ nennt man sie, wegen ihrer provinziellen Herkunft und weil man sie unterschätzt. So war das halt damals. So ist es auch heute, wie die wunderbare Siri Hustvedt in ihrem neuen Roman erzählt: „Damals“.

Ein erstaunliches Konstrukt ist dieser Roman: Die anerkannte Brooklyner Schriftstellerin blickt auf ihr Ich von vor 40 Jahren zurück, schreibt mit amüsierter Distanz von jener jungen „S. H.“, die einen Mann sucht, nicht für ihre Seite, sondern als Hauptfigur für ihren geplanten ersten Roman. Und sie reichert es an mit Dokumenten aus der Zeit, mit Tagebuch-Notizen, Prosa-Fragmenten, Zeichnungen. „Damals“ ist unter anderem auch ein Buch über das Erzählen und das Erinnern. „Ist dieses Buch, das Sie gerade lesen, meine Suche nach einem Ziel, das Damals heißt? Sagen Sie mir, wo die Erinnerung endet und die Erfindung beginnt?“

Es gibt Erfindungen in diesem Buch; man wird nicht alle entschlüsseln können. Aber es gibt deutliche Beispiele: So heißt der Gatte von „S. H.“ weder Paul Auster, noch ist er Schriftsteller wie Hustvedts Mann, in dessen Schatten sie als „Frau von ...“ lange stand. Was ein Schlüssel zu einer zentralen Ebene von „Damals“ ist: Es geht – ganz heutig – um Sexismus, um toxische Männlichkeit, um Framing, ohne dass die Autorin diese so hässlichen wie notwendigen Wörter benutzen würde.

Aber sie erzählt etwa von ihrem jungen Selbst, das dem Vater eröffnet, sie wolle in Richtung Medizin gehen. Worauf der antwortet, sie werde sicher eine gute Krankenschwester abgeben, gar nicht in Erwägung ziehend, dass sie Ärztin werden will.

Es ist ein Roman aus dem Amerika Donald Trumps: „Ein gedrungener, wütender Möchtegern-Despot rauscht über das Croquetfeld und brüllt: ,Die Köpfe ab!’“, schreibt sie einmal: „Wir leben jetzt in Alices Wunderland. Es ist egal, dass seine Sätze krude und hässlich sind oder dass er lügt.“ Hustvedts Erzählung dringt zum Kern einer chauvinistischen Gesellschaft vor, beschriebt maskuline Strukturen, in denen Frauen wie sie, obwohl ihren männlichen Gegenparts in Sachen Bildung und Intellekt weit überlegen, doch vor allem als hübsche Blondinen wahrgenommen werden.

Ganz konkret geht es darum in zwei Episoden, die sie erinnert, Geschichten von Missbrauch und Selbstermächtigung: von einer eigenen traumatisierenden Begegnung mit einem Mann und von ihrer damaligen Nachbarin, deren mysteriöses Wimmern, Singen und Schreien sie durch die dünnen Wände ihrer prekären Wohnung hört und die schließlich ein weiteres Drama enthüllen.

Gegenwart verändert die Wahrnehmung der Vergangenheit, die Erinnerung das Erinnerte. „Dieses Buch ist ein Porträt der Künstlerin als junge Frau“, heißt es an einer späten Stelle. „Damals“ ist so viel mehr: das Drama der klugen Frau in allen Zeiten, so persönlich wie allgemeingültig.

Siri Hustvedt: „Damals“. Rowohlt, 448 S., 24 Euro.

Von Stefan Gohlisch