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Kultur Silbermond-Interview: „Wir haben uns immer klar positioniert“
Nachrichten Kultur Silbermond-Interview: „Wir haben uns immer klar positioniert“
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13:45 03.12.2019
Beim Gespräch mit der NP: Andreas Nowak und Stefanie Kloß von Silbermond beim Radiosender Antenne Niedersachsen Quelle: Christian Behrens
Hannover

Silbermond sind jetzt zu fünft: Seit April 2018 sind Sängerin Stefanie Kloß (35) und Gitarrist Thomas Stolle (36) Eltern eines Sohnes. Wie sich das auf das Bandleben, das neue Album „Schritte“ und die Sicht auf die Welt auswirkte, darüber sprachen wir mit Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak (36).

Als wir vor drei Jahren über Ihr letztes Album „Leichtes Gepäck“ gesprochen haben, haben Sie mit einer kleinen Pause geflirtet. Kaum machen Sie eine, sind Sie plötzlich zu fünft ...

Stefanie: Wir haben das nie wirklich ausgeschlossen. Wir haben das letzte Konzert mit „Leichtes Gepäck“ 2017 gespielt, haben dann schon die ersten Songs geschrieben, eine kurze Pause gemacht, dann war ein Bandmitglied mehr da, und wir haben wieder weitergearbeitet.

Direkt weitergearbeitet oder neu angefangen? So ein neuer Mensch verändert ja einiges.

Stefanie: Sowohl als auch. Wir haben ja keine Platte gemacht, weil wir jetzt Eltern sind – also die Hälfte von uns. Wir haben die Platte gemacht, weil wir Musiker sind und die Sachen aufschreiben, die uns dringend erscheinen. Dazu zählt das Private genauso wie die gesellschaftliche Situation. Also: Wo stehen wir gerade? Wie gehen wir Menschen miteinander um, wenn es mal schwierig wird? Ist das zielführend? Aber genauso eben auch die Tatsache, dass ich Mutter geworden bin.

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„Das macht doch erstmal zuversichtlich“

Man schaut noch einmal ganz anders auf das eigene Leben?

Stefanie: Ja, und man schaut och einmal anders auf seine Eltern und auf die Zukunft. Und zwischen diesen zwei Spannungsfeldern bewegen sich unsere Themen. Was sich auch auf der Platte niederschlägt. Wobei die Lieder über Gesellschaftliches beinahe einen versöhnlichen Ton anschlagen: Tenor von „Träum ja nur (Hippies)“ zum Beispiel ist: Ja, es gibt diese ganzen Bedrängungen, aber eben auch immer noch eine positiv motivierte Gegenbewegung. Das macht doch erstmal zuversichtlich.

Andreas: Ich finde, Hoffnung und Optimismus ist immer die richtige Grundhaltung. Wenn man immer nur auf das Negative schaut, wird man selber verbittert, und nichts wird besser. Wir sind nicht so naiv, zu glauben, von heute auf morgen wird alles gut; da ist schon Ironie dabei. Aber wir hoffen schon. Nichts mehr und nichts weniger soll der Song ausdrücken. Man kann zu komplexe Themen nicht in drei Minuten Song packen.

Eine Zeitlang waren politische Lieder in Deutschland nahezu verpönt.

Andreas: Wir sind keine politische Band. Wir wollten ein ernstes Thema unernst anpacken, denn das macht Popkultur unter anderem doch auch aus.

„Ein kritisches Liebeslied an unsere Heimat“

Trotzdem muss spätestens, als Sie vorab „Mein Osten“ über Ihre Heimat veröffentlichten, der Druck groß gewesen sein.

Stefanie: Wir haben uns ja immer schon klar positioniert, schon als wir vor 20 Jahren in Bautzen noch als Coverband aufgetreten sind. Da waren wir immer dabei, wenn es bei Veranstaltungen um eine offene Gesellschaft ging. Wir hatten damals nur noch nicht die Skills, unsere Haltung in Songs auszudrücken. Das hat gedauert. Jetzt ist die Zeit gekommen. „Mein Osten“ hat zwei Jahre gedauert, bis wir genau auf den Punkt bringen konnten, was wir meinten.

Man will bei diesem Thema auch nicht missverstanden werden.

Andreas: Aber man kann es nie ausschließen.

Stefanie: Genau. Nach „Mein Osten“ waren wir für die einen die Linksversifften und für die anderen die Heimattümelnden. Für uns ist „Mein Osten“ ein kritisches Liebeslied an unsere Heimat.

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„Deswegen lieben wir die Demokratie“

Was macht diese Heimat aus? Wessis machen es sich ja oft so einfach, zu sagen, im Osten leben nur Nazis, und man weiß, dass das falsch ist.

Stefanie: Das wäre genauso, als würde man sagen, Wessis seien alle arrogant. Solche Generalverdachte stimmen nie. Und sie sind auch unfair gegenüber den Menschen, die sich im Osten für eine offene Gesellschaft engagieren, die alles dafür tun, damit junge Leute eine Zukunft haben, dass es Orte des Dialogs gibt. Die Statistiken sind, wie sie sind, und es erschüttert uns genauso, wenn einige Parteien so einen Zuspruch bekommen, aber man darf auch nicht vergessen, dass ein Großteil diese eine Partei nicht gewählt hat.

Was tun?

Stefanie: Wir dürfen uns auch nicht auseinander dividieren lassen, sondern feinfühliger werden und uns wieder besser zuhören. Das macht eine Demokratie aus; deswegen lieben wir sie. Aber genauso müssen wir uns auch nach Rechts und Links abgrenzen.

„Wir wollten die Essenz von Silbermond finden“

Ist diese Forderung, dass man einander besser zuhören sollte, auch Grund dafür, dass Sie nach „Leichtes Gepäck“ auf „Schritte“ noch sparsamer und zurückhaltender geworden sind mit Ihrer Instrumentierung?

Andreas: Wir wollen die Essenz von Silbermond finden. Und je näher man an sich heranrückt, auch mit seinem Instrument und seiner Stimme, umso mehr findet man das heraus. Natürlich hätten wir den Sound, wie das im Moment so viele machen, mit Elektronik vollpacken können. Aber das ist nicht authentisch, und am Ende gehen wir damit jetzt auf Tour, und wenn man dann einen Sound hat, mit dem man sich nicht wohlfühlt, ist das beschissen. Wir wollten es ehrlich und roh und natürlich.

Wir wird das live ausschauen?

Stefanie: Wir haben jetzt ja immer einen Keyboarder dabei – eine wahnsinnig gute Entscheidung, weil wir dadurch sehr frei geworden sind und es total Spaß macht. Wenn man die Songs so wie jetzt im Studio einspielt, funktionieren sie auf Anhieb. Und sie lassen sich gut mit den älteren Songs kombinieren. Songs wie „Symphonie“ und „Durch die Nacht“, obwohl sie von der ersten Platte stammen, sind zeitlos.

„Ich habe mich nicht geschminkt, bis ich 14 war“

Ohne die dürfte es vermutlich kein Silbermond-Konzert geben.

Stefanie: Wohl nicht. Aber es macht auch total Bock, weil wir live auch immer noch mal einen Tick lauter sind. Da können die Fans schon erwarten, was sie kennen.

Apropos Fans: Wer ist Amy?

Stefanie: Amy – der Name wurde geändert – ist ein Mädchen, das nach einem Konzert mal zu mir kam und sich bedankt hat, weil ihr unsere Musik viel Kraft gibt und ihr hilft und dass sie mich so bewundert, weil ich so stark sei. Und ich dachte: Das glaubst du nur, weil ich mich in meinen schwachen Momenten, in denen ich auch zweifele und Sorgen habe, mich eben nicht für Instagram fotografiere und nicht auf die Bühne gehe. Diese Mädchen hat mich so an mich erinnert, als ich 14 war. Ich habe mich nicht geschminkt, bis ich 17 war. Ich hatte nicht die Kohle, Markenklamotten zu tragen. Ich hatte mittellange Haare und war ein Normalomädchen, das eben nicht mit dem coolsten Typen aus der Klasse zusammen war.

Mit 14 hat niemand großes Selbstbewusstsein ...

Stefanie: Es ist so eine krasse Phase. Und dann wird man die ganze Zeit mit all diesen Bildern bombardiert. Damals war es die „Bravo“. Heute hat man diese Bilder mit Instagram immer dabei, und man macht ein Foto, weil man gerade an einem schönen Ort ist, und bekommt Hasskommentare, weil man angeblich hässlich ist. Und darum habe ich dieses Lied „Für Amy“ geschrieben. Denn ich glaube, dass ich auf eine gewisse Art auch eine Amy bin.

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„Man sammelt Erfahrung, auch musikalisch“

Silbermond gibt es – unter diesem Namen – seit 2002, die Band schon länger. Was hat sich für Sie geändert?

Stefanie: Mit Sicherheit ist man als 20-Jähriger anders als jetzt mit 30. Man sammelt Erfahrung, auch musikalisch. Die erste Platte klingt eben so, wie sie klingt, mit der Erfahrung, die wir eben hatten und auch nicht hatten. Und jetzt, mit den Fähigkeiten, die man hat, macht es einfach Spaß im Studio, sich auszuprobieren. So ein Song wie „Ein schöner Schluss“ mit seinem Akustikgitarren-Arrangement – den hätte es auf der ersten Platte nicht geben können. Und einen Song wie „Schritte“ mit seinem schnellen Phrasing hätte ich damals nicht singen können. Was ich schön finde: So viele Bands haben sich in dieser Zeit aufgelöst oder verloren, und wir stehen nach all diesen Jahren immer noch da als Band. Wir sind immer noch kreativ. Wir sind immer noch die besten Freunde. Das ist unglaublich viel wert. Es fühlt sich immer noch so an, als würden wir gemeinsam im Bällebad herumspringen.

Die Songs „Schritte“ und „Ein schöner Schluss“ stehen am Anfang und am Ende des Albums, und sie stehen auch für eine Reise: von Ihrer eigenen Kindheit bis zu einem möglichen, idealisierten Lebensende. Weil man als Eltern noch einmal anders über die eigene Vergänglichkeit nachdenkt?

Stefanie: Vielleicht ist das auch die heimliche Überschrift des Albums: der Circle of Life. Mein Blick auf die Lebenszeit, die wir haben, hat sich noch einmal geändert. Als wir die Platte gemacht haben, sind vier Leute in unserem engsten Umkreis gestorben, und gleichzeitig kommt ein neues Leben dazu. Und man denkt sich: „Krass. Das ist dieser natürliche Kreislauf, und dazwischen passiert so wahnsinnig viel.“ Und dass wir so oft überlegen, wie das bestmögliche Leben aussehen könnte, und dabei übersehen, dass wir es vielleicht schon haben.

Silbermond live: am 24. Januar 2020 in der Tui-Arena. Karten gibt es in den NP-Ticketshops.Sie kosten 40,50 bis 60,50 Euro, für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren 24,50 bis 45,50 Euro.

Von Stefan Gohlisch

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