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Kultur Sebastian Schug inszeniert Lorcas „Yerma“
Nachrichten Kultur Sebastian Schug inszeniert Lorcas „Yerma“
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19:51 14.03.2010
Von Stefan Arndt
Sandra Bayrhammer spielt ihre erste Titelrolle in „Yerma“.
Sandra Bayrhammer spielt ihre erste Titelrolle in „Yerma“. Quelle: Florian Wallenwein
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Die Jahre vergehen, und das Kind ist noch immer nicht da. Mit jedem Tag wächst die Verzweiflung der Frau, die nicht mehr lange jung sein wird. Sie wäre gerne Mutter und besorgt doch immer wieder nur Windeln für die Babys der besten Freundin. Jedes Mittel ist inzwischen recht, eine Wunderheilerin, ein Heiliger, doch es nützt alles nichts. Am Ende bringt sie den Mann um, der sie nicht recht liebt und der wohl schuld daran ist, dass sie nicht schwanger wird. Sein Tod bedeutet ein Ende der Hoffnung, die stärker quält als jeder Schmerz: Mit dem Mann stirbt endlich auch das Kind, das die Frau nie hatte.

Federico García Lorcas Stück „Yerma“ von 1934 erzählt eine tragische, einfache Geschichte, die zeitlos ist, wenn man sie nur von der Weide treibt, auf der der Mann schafehütend seine Nächte in einsamen Hütten verbringt. Sie passt nicht schlecht auch in eine Gegenwart, in der kinderlose Frauen den Demografen eine nie gekannte Aufmerksamkeit bescheren und die Praxen der Reproduktionsmediziner florieren.

In seiner Inszenierung am Schauspiel Hannover verzichtet der 1979 geborene Regisseur Sebastian Schug allerdings auf alle Bezüge zur Tagespolitik. Bei ihm bekommt die Geschichte vielmehr etwas Beispielhaftes – und neue Facetten, die alle Schlichtheit vergessen lassen. Bühnenbildner Christian Kiehl hat dafür eine Art Bretterbude gebaut. Links und rechts neben dem einfachen Holzpodest sitzen die Darsteller inmitten ihrer Requisiten und Kostüme und warten, bis ihr Auftritt kommt; von der Seite liefern zwei Musiker lakonische Klänge dazu: ein Straßentheater im Staatsschauspiel.

Fast immer ist Sandra Bayrhammer, die die kinderlose Titelfigur spielt, auf diesem Podest präsent. Meist hält sie schützend eine Hand vor den Bauch, als wüchse dort bereits, was sich Yerma so sehnsüchtig wünscht. Sie wartet still – um sie herum aber dreht sich die Welt: Eben noch war Sebastian Schindegger der kalte Gatte Juan im trostlos grauen Hemd, schon trägt er als eines der Mädchen, mit denen Yerma von Zeit zu Zeit ins Gespräch kommt, eine tuntige Perücke und billige Stöckelschuhe (Kostüme: Nicole Zielke). Auch Victor (Thomas Mehlhorn), in den Yerma als junges Mädchen verliebt war und zu dem sie sich noch immer hingezogen fühlt, darf bei Schug seine feminine Seite entdecken und ist zugleich Waschfrau und Teufelsweib.

Die Verwirrung der Geschlechter (zu der auch Sachiko Hara als skurrile Geisterbeschwörerin beiträgt) führt dazu, das glutvoll dunkle Stück zu entsexualisieren. Die körperliche Nähe, die Lorca in seiner „tragischen Dichtung“ fast drohend umkreist, wird in dieser Inszenierung zurückhaltend eingesetzt: Nur vage weist Juan seine Frau anfangs zurück, und wenn er sie am Ende doch einmal begehrt und sie so dazu bringt, ihn zu ermorden, sieht auch das nur aus wie eine schüchterne Annäherung.

Dazu passt, dass Schug die metaphorische Sprache Lorcas in kühle und rationale Bilder übersetzt. Den Mond oder das Gebirge sucht man bei ihm vergebens. Die Liebe ist nicht poetisch, sondern ein Gesellschaftsproblem. Sogar Wasser, das Lorca immer wieder als Methapher des Lebendigen bemüht, gibt es hier nur einmal: Es strömt von der Decke wie aus einer Löschanlage und leitet eine kurze, karnevaleske Orgie ein, an deren Ende eine riesenhafte Fötusskulptur über die Bretterwand der Bühne hängt.

Das alles lässt das Stück bedrohlicher und rätselhafter erscheinen, als es eigentlich ist. Dass der knapp anderthalbstündige Abend trotzdem nie langweilt, liegt an dem sehr präsenten Ensemble, zu dem noch Christina Rubruck und Veronika Avraham gehören. Viel Applaus für alle Beteiligten.

Wieder am 17., 20. und 25. März sowie am 3., 11., 13., 18. und 23. April. Kartentelefon: 0511-99991111.