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Kultur Schriftsteller Josef Haslinger zur Ibiza-Affäre: „Ein hilfreicher Dienst an der Demokratie“
Nachrichten Kultur Schriftsteller Josef Haslinger zur Ibiza-Affäre: „Ein hilfreicher Dienst an der Demokratie“
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15:03 21.05.2019
Der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger, er war bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland, spricht über die Ibiza-Affäre. Quelle: Fredrik von Erichsen / dpa
Leipzig

Heinz-Christian Strache hat auf Ibiza das geheime Drehbuch für die Umwandlung der österreichischen Demokratie in einen autoritären Staat verraten, sagt der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger. Die Enthüllungen seien für ihn wie ein Befreiungsschlag. Haslinger (63) ist Professor am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und war bis 2017 Präsident des PEN-Zentrums Deutschland. Er lebt in Wien und Leipzig. Im Interview spricht er über das politische Klima in seinem Heimatland.

Wenn Sie aus der Perspektive der Literatur auf die inzwischen als „Ibiza-Affäre“ katalogisierte Angelegenheit blicken – welchem Genre würden sie diese zuordnen?

Als Plot für einen ernst zu nehmenden Roman wäre die Handlung ungeeignet gewesen. Aber als Satire, auf der Kabarett-Bühne, hätte es vielleicht funktioniert.

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Wie war Ihre unmittelbare Reaktion auf die Enthüllungen?

Ich schaute mir im Fernsehen den Rücktritt Straches an, dann ging ich zur Nachbarin hinüber und wir sangen gemeinsam „So ein Tag, so wunderschön wie heute“. Es war für mich wie ein Befreiungsschlag. Plötzlich war es denkbar, dass der politische Wahnsinn, der Österreich in Klammern hält, auch wieder ein Ende findet.

Die Hintergründe dieses Videos sind noch unklar: Ist es aus ihrer Sicht moralisch einwandfrei, das Material medial und politisch in der vorliegenden Form zu verwenden? Heiligt hier der Zweck die Mittel, wie auch bei den „Steuer-CDs“?

Eine verdeckte journalistische Recherche ist vergleichbar mit Whistleblowing. Eine Veröffentlichung lässt sich tatsächlich nur rechtfertigen, wenn ein berechtigtes öffentliches Interesse konstatiert werden kann. Und das ist bei einem, der ernsthaft plant, mit dem Geld russischer Oligarchen die auflagenstärkste österreichische Tageszeitung zum eigenen Jubelorgan zu machen und der gleichzeitig Staatsaufträge für Parteispenden verspricht, wohl evident.

Glauben Sie, dass die Affäre in Österreich wie auch anderen Ländern Auswirkungen auf das Abstimmungsverhalten bei der Europawahl hat?

Die Stammwähler der FPÖ werden jetzt schon auf eine Jetzt-erst-recht-Mentalität eingeschworen. Die Strache zugefallenen Protestwähler werden wohl eher ins große Lager der Nichtwähler wechseln. Kurz will diese Wähler ja unbedingt einsammeln, aber ich zweifle, ob er sie kriegt. Auswirkungen auf andere Staaten kann ich nicht abschätzen.

Kann es nicht sein, dass viele FPÖ-Wähler mit dem, was Strache in dem Video an Plänen andeutet, gar kein Problem haben?

Sie trauern ihm nach. Er ist für sie ein Opfer, ja fast ein Märtyrer, weil er für das große Ziel seiner Partei, die Nummer eins im Land zu werden, viel zu riskieren bereit war. Dass er ganz und gar Opfer von umfassenden Verschwörungen und kriminellen Machenschaften ist, hat Strache bei seiner Rücktrittsrede gleich einmal klargestellt.

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Sebastian Kurz hat die FPÖ in die Regierung geholt. Wie bewusst war er sich Ihrer Meinung nach des Charakters dieser Partei?

Kurz ist Strache intellektuell weit überlegen. Ich denke, dass er sich des Risikos bewusst war. Da er aber selbst ein so unendlich machtverliebter Mensch ist, hat nicht die moralische Abwägung, sondern die machtpolitische Kalkulation den Ausschlag gegeben.

Teilen Sie die Beobachtung, dass die Grenzen zwischen Faktizität und Fiktionalität immer mehr ausfransen? Es ist ja auch im politischen Diskurs längst üblich, von „Narrativen“, von „Erzählungen“ zu sprechen.

Politik wird vor allem im Fiktionalen ausgetragen. Sie folgt bestimmten „Drehbüchern“, die das Publikum bei der Stange halten sollen. In Österreich war es jetzt eineinhalb Jahre lang die Fiktion der Bedrohung durch Ausländer und Flüchtlinge. Innenminister Kickl hat als eine seiner letzten Großtaten im Erstaufnahmezentrum für Asylwerber in Traisenkirchen die Aufschrift „Ausreisezentrum“ anbringen lassen.

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Nun konnten wir mal hinter den Vorhang blicken ...

Strache hat auf Ibiza das geheime Drehbuch für die Umwandlung der österreichischen Demokratie in einen autoritären Staat verraten. Zum Glück war er dumm genug, dabei selbst zum unfreiwilligen Darsteller einer öffentlichen Gegeninszenierung zu werden. Wer immer dafür verantwortlich ist, es war ein hilfreicher Dienst an der Demokratie, weil uns vor Augen geführt wurde, mit welch krimineller Energie an der Realisierung der populistischen Fiktionen gearbeitet wird.

Von Jürgen Kleindienst / RND

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