Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Arturo Ui als kleiner Diktator
Nachrichten Kultur Arturo Ui als kleiner Diktator
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:12 20.01.2019
Rothemden: Arturo Ui (Katja Gaudard) lässt sich vom brutalen Giuseppe Givola (Sebastian Weiss) helfen.
Rothemden: Arturo Ui (Katja Gaudard) lässt sich vom brutalen Giuseppe Givola (Sebastian Weiss) helfen. Quelle: Isabel Machado Rios
Anzeige
Hannover

„Verdammte Zeiten!“ Das wird man ja wohl noch sagen dürfen. Sie tun es alle, die versammelten Bonzen, wie sie da sitzen. Am lautesten klagen nunmal jene, die andere ins Prekäre stürzen. Und sie tun es in allen Tonarten, wütend, verzweifelt, resigniert, auch schüchtern-streberhaft. Da gackern schon die ersten im Schauspielhaus. Lachen mit Brecht – das muss man schaffen. Claudia Bauer gelingt es mit ihrer Inszenierung „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“.

Aber Bauer hat ja auch Katja Gaudard in der Titelrolle. Die zarte Person legt den Ui an als kleinen Kerl mit Großmannssucht. Die Besetzung geht sofort auf, sobald sie den Kreis der mächtigen weißen Männer betritt, liebesdienerisch im Auftritt und gedanklich schon zehn Intrigen weiter.

Zumal als ihr größter Gegenspieler, der Magnat Dogsborough ebenfalls eine Frau besetzt ist, die ellenlange Komödiantin Emma Rönnebeck. „Sieht so ein Mann aus, der krumme Dinge plant?!“, heuchelt Gaudard/Ui einmal, als Rönnebeck/Dogsborough schon am Boden liegt, in fliederfarbenem Blumenkleid und eingedrehter grauer Tolle.

Brecht verlegte sein Lehrstück über den Aufstieg Hitlers in Chicagos Gangsterwelt, eine seiner schlechteren Ideen. Der Führer als Karrierist im amerikanischen Blumenkohl-, pardon: Karfiol-Handel – das ist zu oft unfreiwillig komisch. Bauer setzt dem deutsches Biedermeier entgegen; die Bühne (Andreas Auerbach) ist ein vollvertäfelter Wirtshaus-Alptraum. Mord und Totschlag erfolgen mit Ketchup-Tube und Sprühsahne.

Philippe Goos, Sebastian Weiss, Günther Harder und Dennis Pörtner drehen als Uis Gefolgsleute mächtig auf, überdrehen auch, bis zum Klamauk, aber sie machen es gut. So lächerlich sind Wutbürger und andere Mitläufer nun mal. Es ist ja alles nur Theater – aber durch die Doppelbödigkeit der Komik kein plakatives Lehrstück mehr.

Bauer und die überwältigend gute Gaudard nehmen den leicht angestaubten Brecht mit Humor und geben den kleinen Diktator der Lächerlichkeit preis. Ein gefährliches Würstchen, ein Gollum zwischen Biedermann und Brandstifter, unterwürfig und machtgeil zugleich, ausgestattet nur mit jener Portion Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit, der die Bürger nichts entgegenzusetzen haben.

Die Anknüpfungspunkte an die Gegenwart sind überdeutlich. Man muss sie gar nicht groß aussprechen. Wenn in der berühmten Gerichtsszene (leider im für Bauer so typischen und leicht verbrauchten Maskenspiel) der Mordbrenner unentwegt von „Lüge!“ krakeelt, ist man schon in der schönsten Fake-Debatte. Den berühmten Epilog („Der Schoß ist fruchtbar noch ...“) spart sich die Inszenierung ganz. Und Brechts Lehrsätze? Werden zerschnetzelt, in kunstvollen Endlosschleifen des Vokalensembles. Lautgedicht trifft Volkslied.

Bauers Stakkato-Theater, kann auch schrecklich nerven (wie zuletzt ihre hannoversche „Amerika“-Inszenierung). Hier aber geht es vor allem im ersten Teil über weite Strecken famos auf und mit Abstrichen in der zweiten Hälfte. Die Figuren, nun ausgestattet mit Klumpfuß und Klöten und allerlei anderen Körperteilen aus Schaumstoff, werden zunehmend zu Karikaturen. Das hohe Tempo zieht noch an; doch die Pause wirkt wie ein Druckablass. Was vorher pure Energie war, kippt nun schon mal ins Strapaziöse.

Beim hannoverschen Publikum, heißt es, könne man nicht einfach so drei Stunden durchspielen. Verdammte Zeiten.

Vor der Premiere führten wir ein Interview mit Hauptdarstellerin Katja Gaudard. Weitere Informationen über das Stück finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch