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Kultur Robert Redford erzählt in „Die Lincoln-Verschwörung“ von der Verletzlichkeit der Demokratie
Nachrichten Kultur Robert Redford erzählt in „Die Lincoln-Verschwörung“ von der Verletzlichkeit der Demokratie
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12:10 29.09.2011
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Mary Surratt (Robin Wright) soll sterben, Frederick Aiken (James McAvoy) suchts zu verhindern.
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VON MATTHIAS HALBIG

Wenn ein Präsident ermordet wird, auch noch innerhalb eines gespaltenen, unverheilten Landes, müssen die Köpfe der Schuldigen fallen, und zwar flugs. Ein Militärgericht soll die Pensionswirtin Mary Surratt (Robin Wright) zum Tode verurteilen, damit der aufgebrachte Norden nach dem Attentat auf Abraham Lincoln 1865 nicht erneut zu Felde zieht, damit der geschlagene Süden vor der harten Hand Washingtons kuscht. Der Bürgerkrieg soll vorbei bleiben, der Südstaaten-Anwalt Reverdy Johnson (Tom Wilkinson) kann die Surratt nicht verteidigen, er überredet den Yankee Frederick Aiken (James McAvoy). Problem: Auch Aiken hält die Frau zunächst für beteiligt an jener „Lincoln-Verschwörung“, die offenbar in ihrem Hause geplant wurde.

Dabei geht es in Robert Redfords betont actionarm verlaufendem Polit- und Justizdrama weniger um Schuld oder Unschuld der „Heldin“, als vielmehr um die zweite „Lincoln-Verschwörung“, die Verschwörung der Krisenbewältiger gegen die Demokratie, welche im Ausnahmezustand so schnell der „größeren Sache“, der Staatsräson, geopfert wird. Sie zerbricht, so der streitbare Redford, wenn auch nur einer Bürgerin die ihr zustehenden Rechte verwehrt bleiben. Der Film hat Relevanz, im Washington von 1865 finden sich dieselben Mechanismen der Unvernunft wieder, die zuletzt das George-W.-Bush-Amerika so unerträglich undemokratisch erscheinen ließen. Und betrachtet man Michele Bachmann, die aktuelle Präsidentschaftsbewerberin der Republikaner, wird einem bang: Hoch die Tassen! Die Tea Party findet ihren dünnsten Aufguss am leckersten. Kameramann Newton Thomas Sigel arbeitet mit natürlichem Licht, die Atmosphäre des Films ist behaglich und erinnert zuweilen an Stanley Kubricks „Barry Lyndon“. Dass indes noch jeder Uniformknopf leuchtet, als wohne ihm eine kleine Sonne inne, dass alles gleißt und strahlt und wirkt wie eine sonnige Welt, durch (unsere?) kummernasse(n) Augen betrachtet, erscheint geradezu als Nonstop-Zaunpfahlwinken. Sonst ist Redfords Geschichtsstunde – wiewohl etwas behäbig – eindrucksvoll geraten. Zwei Stunden behutsames Erzählen mit viel Gerichtssaal, viel (exquisitem) Schauspiel, viel Dialog.

Also Ohr-Kino? Zwar gibts keine Action hier, die sparsam gesetzten Außenaufnahmen aber zeigen eine interessante Stadt, ein Washington im Werden. Es gibt Trottoirs am Rand der Lehmstraßen, Gaslicht-Laternen, Steinhäuser, Tapeten darin und feines Mobiliar, das Washington Monument ist, man siehts in einer kurzen Einstellung, nach 17 Jahren Bauzeit gerade mal zur Hälfte fertig. Die Menschen des Ostens sind kultiviert, Schüsse im Theater gehören nicht zu ihrem Alltag. Weiter im Landesinneren herrscht dagegen noch das Paralleluniversum „wilder Westen“ mit Revolverhelden und Indianerkriegen. Tote Präsidenten spielen dort überhaupt keine Rolle.

Bewertung: 4/5

„Die Lincoln-Verschwörung“, USA 2011, 122 Min. Regie: Robert Redford.

Ein stilles Plädoyer für Demokratie.

Mary Surratt (Robin Wright) soll sterben, Frederick Aiken (James McAvoy) suchts zu verhindern.