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Kultur Rivalen und Rebellen: Frei.Wild in der Tui-Arena
Nachrichten Kultur Rivalen und Rebellen: Frei.Wild in der Tui-Arena
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22:55 26.04.2018
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Hannover

Um die Expo-Plaza gibt es fast nur schwarze Kleidung zu sehen, lauter „Rivalen und Rebellen“ stromern zur Halle. 5000 Fans freuen sich auf die Südtiroler Rocker Frei.Wild in der Tui-Arena.

21 Uhr ist es, das Quartett beginnt mit Nebelfontänen, das Schlagzeug rockt, die Gitarre drückt: „Eine Band, gehasst und doch geliebt, die mit euch durch das Leben zieht und sich eben nicht verbiegt“, schreit Sänger Philipp Burger mit geschwollener Halsschlagader den Tausenden entgegen.

Die Fans singen lautstark im Chor und erweisen sich als textsicher. Die muskulöse und tätowierte Band steht breitbeinig auf der Bühne, spuckt Gift und Galle. Für Sänger Philipp Burger und seine Freunde ist das ihre bislang aufwendigste Produktion, die Band will „international konkurrenzfähig“ werden, um vielleicht auch die Grenzen des deutschsprachigen Marktes zu sprengen.

Und die vier Italiener müssen sich zurechtfinden auf ihrer großen, zweistöckigen Bühne. Es wird im Kreis gelaufen, kabellos geht es von der rechten zur linken Seite. Eine Rampe führt ins Publikum, Burger nutzt sie immer wieder, um mit den Treuesten der Treuen auf Tuchfühlung zu gehen. Ein Podest hebt ihn in die Höhe, die üppige Licht-Show greift und blendet, sie spielt mit schwarz-weißen Kontrasten und roten Farben.

Die Band hat ihre Anhänger im Griff, die Ansagen von Burger sind routiniert, die Fan-Gesänge unermüdlich. Frei.Wild repräsentieren Eigenschaften wie Heimat, Familie und Kameradschaft. Denn ihr „Vaterland“ ist Südtirol, weit weg für einen Norddeutschen.

Fotos: Schaarschmidt

Die vierköpfige Band, 2001 gegründet, stammt aus Brixen. Ihre Texte und die Vergangenheit von Sänger Burger in einer rechten Skinhead-Band haben Frei.Wild das Image einer Rechtsrockband verpasst. Allerdings wehrt sich die Band immer wieder dagegen und weist rechtes Gedankengut von sich.

Hart und maskulin geben sie sich – „Wir gegen den Rest der Welt“, vor allem, wenn mit Unverständnis auf ihre Visionen und Gedanken reagiert wird. „Fick dich und verpiss dich“ ist dann auch ein besonders gefeierter Frei.Wild-Song, damit bringen sie die Tui-Arena zum Kochen. Die Stimmung bei den überwiegend männlichen Besuchern ist jedoch friedlich, sie feiern eine große Rock-Party.

Ob es wirklich „eine mitreißende, positive Band in der Mitte der Gesellschaft“ ist, wie Burger behauptet, ist angesichts ihrer Metaphern dann doch eher zweifelhaft. Und wer die Band genau feiert, scheint ihnen egal zu sein.

Frei.Wild, mit dem Geweih im Logo, ist im Mainstream angekommen. Bei „Leckt uns am Arsch Rock ’n Opposition“ wird der Mittelfinger ausgepackt. Kuschelrock dann bei „Herz schlägt Herz“, die Piano-Balladen „Verbotene Liebe, verbotener Kuss“ und „Wenn mein Licht erlischt“ sind ungewohnt sanft. Konfettiregen beim „Land der Vollidioten“ und eine Botschaft an Kritiker: „Die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat. Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten. Wir sind einfach gleich wie ihr – von hier.“

Frei.Wild eröffnen bisweilen die Flanke nach rechts: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk”, dichteten sie in „Wahre Werte“.

Schlagermelodien und Heimattümelei, in „Südtirol“ wird Widerspruch unterbunden: „Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist.“ Musiker und Fans ruhen in der Opferrolle, missverstanden in ihrer Weltanschauung.

Das schweißt zusammen. Und so endet der zweistündige Auftritt mit einender Stimmung, simplen Melodien, traditionsgebundenen Texten und  greifbarem Zusammenhalt.

Kai Schiering