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Kultur Richard David Precht im NP-Interview über "Die Kunst, kein Egoist zu sein"
Nachrichten Kultur Richard David Precht im NP-Interview über "Die Kunst, kein Egoist zu sein"
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19:49 22.10.2010
Quelle: Jens Komossa
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VON EVELYN BEYER

Sind Sie – und wir alle – von Natur aus ein Egoist, Herr Precht? Muss
man das Nicht-Egoist-Sein erst als Kunst erlernen?

Nein, man ist nicht von Natur aus ein Egoist, sondern wir leben in
einer Gesellschaft., in der der Egoismus aus einer ganzen Reihe von
Gründen, auch nachvollziehbaren Gründen, sehr stark gezüchtet wird.
Wir brauchen ja in der Wirtschaft Konsumenten, die egoistisch-
materiell ihre Bedürfnisse befriedigen wollen.

Also ist der Egoismus antrainiert?

Von Natur aus ist der Mensch weder gut noch böse, aber er hat
zumindest ein Bedürfnis danach, sich selbst gut zu fühlen, ein netter
Mensch zu sein. Das ist ja relativ stark in den meisten Menschen
verwurzelt und das ist eine gute Voraussetzung.

Materielle Belohnungen verderben den Charakter, schreiben Sie.

Ja, das ist keine Erfindung von mir, sondern das wissen wir durch

Erfahrungen, die wir mit kleinen Kindern machen. Es gibt da eine berühmte Versuchreihe von Felix Warneken und Michael Tomasello vom Max-Planck-Istitut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Die Quintessenz ist: Wenn man kleine Kinder für ihre freiwillige Hilfsbereitschaft belohnt, werden sie irgendwann nur noch dann hilfsbereit sein, wenn sie eine Belohnung bekommen.

Sollen wir also nicht mehr belohnen?

In der Kindererziehung ist es tatsächlich wichtig, nicht materiell zu
belohnen.

Und bei Erwachsenen? "Leistung soll sich wieder lohnen" ist also falsch?

Leistung finde ich auch, soll sich lohnen, in Form von sozialer
Anerkennung und nicht unbedingt immer nur in Form von Geld. Da sind
wir auf dem Holzweg.

Was wäre der richtige Weg?

Wir sollten dazu beitragen, die sozialen Milieus, von denen der
soziale Frieden in diesem Land abhängt, dass die stärker gefördert
werden und dass diese ausschließliche Konzentration auf materielle
Glücks- und Heilsversprechen in den Hintergrund tritt - so wie das
zum Beispiel in den 70er Jahren auch war. Der Materialismus, dem wir
heute frönen, der ist in dieser hart egoistischen Form ja eine
relativ neue Geschichte.

Und wie können wir in der Hinsicht das Rad zurückdrehen?

Ich denke, das geschieht schon deshalb, weil unser Wirtschaftssystem nicht auf die gleiche Art und Weise weiter funktionieren wird wie bisher. Wir werden langfristig vermutlich kein großes
Wirtschaftswachstum mehr haben. Da ist die Gesellschaft gezwungen,
sich neu zu organisieren.

Auch wirtschaftlich?

Ja, zum Beispiel kritisiere ich, dass wir den Fortschritt in diesem
Land an dem Anwachsen des Bruttoinlandsprodukts bemessen. Das BIP
sagt über das Glück und die Zufriedenheit der Menschen fast überhaupt nichts aus. Nur wenn
Sie sehr arm sind, werden Sie durch mehr Geld glücklicher. Wenn Sie
ausreichend Geld haben, wird der Zuwachs von Geld langfristig ihr
Glück nicht deutlich erhöhen. Deswegen ist es viel wichtiger, dass
wir die Zufriedenheit der Menschen fördern als das wirtschaftliche
Wachstum.

Wie können wir die fördern?

Ich denke, dadurch, dass wir schon in der Erziehung anfangen, diese
Konditionierung auf das Materielle geringer zu halten. Dann, dass wir
den Menschen mehr Möglichkeit geben, selber über bestimmte
Lebensbereiche zu bestimmen. Ich plädiere ja für deutlich mehr
direkte Demokratie, weil die Menschen sich eigentlich nur für das
wirklich verantwortlich fühlen, wo sie auch ernsthaft mitzubestimmen
haben. Deswegen müssen wir mehr Basisdemokratie in Deutschland haben.

Da argumentiert die Politik mit Stuttgart 21, es würde sich der
Gruppenegoismus durchsetzen.

Das ist ein Missverständnis. Bei Stuttgart 21 geht es inzwischen nicht nur um die Tieferlegung des Bahnhofs, sondern darum, ob unsere derzeitige Legitimation durch Verfahren der repräsentative
Demokratie ausreicht, den Willen des Volkes abzubilden. Insofern ist
Stuttgart Avantgarde, hat eine Vorreiterrolle für die ganze
Gesellschaft. Mit kehren vor der eigenen Haustür hat das schon lange
nichts mehr zu tun.

Sie plädieren für den Volksentscheid, aber auch für die Abschaffung
der Bundesländer - was soll das bewirken?

Wir haben das große Problem, dass die Kommunen in den meisten
Regionen in Deutschland verarmt sind und immer weiter verarmen, weil
die Sozialetats immer weiter steigen und die Gewerbesteuern immer
geringer werden. Auch das Zinszahlen wird ein immer größerer Teil des
Haushalts. Und wenn diese Entwicklung noch einige Jahre so weiter
geht, sind viele Kommunen pleite. Wenn man sieht, was die Länder
kosten, allein an Selbstverwaltung, dann würde ich mir wünschen, dass
dieses Geld statt an die Länder direkt an die Kommunen geht und dass
die Kompetenzen der Länder verteilt werden an Bund und Kommunen.

Führt diese Übertragung von Kompetenzen an den Bund nicht zu noch
mehr Politikferne vom Bürger?

Ich denke, die Macht der Kommunen wird sehr wesentlich dadurch
gestärkt. Die Bildungspolitik würde ich zum Beispiel zwar einerseits
dem Bund geben, andererseits die Autonomie der einzelnen Kommunen
darin deutlich stärken. Dies ist ein Weg zu deutlich mehr
Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement. Außerdem wünsche ich mir die
Abschaffung des Bundesrates, der heute in erster Linie als
Blockadeinstrument dient. Den würde ich ersetzen durch eine
Versammlung der Bürgermeister und Landräte, damit die große Politik
alle ihre Entscheidungen direkt mit den Kommunen abstimmen muss.

Ist es nicht gefährlich, sich als Philosoph in so konkretes
politisches Fahrwasser zu begeben?

Die eigentliche Aufgabe eines Philosophen ist Politik. Das ist im
alten Griechenland so gewesen, die Philosophie von Platon und
Aristoteles rankt sich um die Frage, wie kann man die athenische
Gesellschaft besser machen. Und wenn Sie sich die Aufklärungszeit
angucken, jene Zeit, in der unsere Vorstellungen von Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit von Philosophen entwickelt wurden, dann waren
diese Philosophen ja eminent politisch und wollten direkt auf die
Veränderung der Gesellschaft einwirken. Das ist die Kernaufgabe der
Philosophie.

Haben wir heute zu wenig Philosophen unter den Politikern?

Als Staatsmann haben Sie heute gar keine Chance, philosophisch
ernsthaft nachzudenken. Ein Politiker verbringt fünf Prozent seiner
Zeit mit Entscheidungsfindung und 95 Prozent mit Entscheidungsvermarktung. Als Spitzenpolitiker haben sie keine Zeit, ein gutes philosophisches Buch zu lesen. Wenn sie dann Ex-Kanzler
sind oder Alt-Präsident, dann haben sie die Chance dazu und wie man
sieht, sowie sie die Vorsilben Ex- oder Alt- vor ihrem Namen haben,
entdecken sie plötzlich die Moral.

Wie kommen Sie auf die Zahlen?

Geschätzt. Damit wir uns richtig verstehen. Ich halte unsere Politiker nicht alle für dumm und eitel. Das Problem ist, dass unsere Vorstellung von Demokratie 1949 festgeschrieben wurde in einer Zeit, in der es noch gar kein Fernsehen gab. Da hatten wir überhaupt noch keine Vorstellung davon, was der Medienjournalismus bedeuten würde für das politische Amt. Jeder kleine Satz in irgendeinem Interview wird groß aufgeblasen und erregt die Debatten, und das Kabinett ist ständig damit beschäftigt, darüber
zu diskutieren. Von all diesen Dingen war ja in der Adenauerzeit
nicht entfernt die Rede. Auch das ist einer der Gründe, warum wir
sehr gründlich darüber nachdenken müssen, ob unser gegenwärtiges
politisches System, so wie es jetzt ist, zukunftsfähig ist.

Scheitert die stärkere Bürgerbeteiligung nicht an der
Politikmüdigkeit der Bürger?

Nein, eine Politikmüdigkeit gibt es gar nicht, wir haben ein
Politikbewusstsein, ein politisches Interesse, das unglaublich hoch
ist. Das sieht man in Stuttgart sehr deutlich. Wir haben lediglich eine
Parteienmüdigkeit, das ist nicht dasselbe. Nicht Politik- sondern
Parteienverdrossenheit also. Wir trauen unseren Politikern nichts mehr zu,
weil wir sehen, dass unsere Politiker keine Haltung mehr haben,
sondern lange Zeit einfach der Demoskopie hinterhergelaufen sind –
und in der Gegenwart sogar der Demagogie. Kaum hat ein Thilo Sarrazin
ein solches Buch geschrieben, schon meint jede Partei, diese Klientel
wieder einbinden zu müssen. Wenn morgen ein anderes Buch mit einer
anderen These kommt, wird man wieder darauf reagieren. Es gibt eine
enorme Haltlosigkeit in der Politik, und das verzeihen die Bürger nicht.

Gilt also wieder der alte Slogan: Mehr Demokratie wagen?

Ich denke, dass Demokratien immer wieder renoviert werden müssen.
Wenn die Wirtschaft sich globalisiert, wenn durch das Internet neue
Formen der Öffentlichkeit entstehen, muss sich die Demokratie
anpassen. Es gibt kein Patentrezept, das für immer gilt. Wir haben
Ende der 60er Jahre mit Willy Brandt versucht, mit "mehr Demokratie zu wagen", es gab die Studentenunruhen und eine Moderniserung unserer Gesellschaft. Diese hat uns trotz einiger negativer Auswirkungen alles in allem sehr zum Vorteil gereicht – denken wir nur an die Veränderung der Rolle der Frauen. Denken wir an religiöse Toleranz, an sexuelle Toleranz. Wir
sind heute wieder in einer Phase, wo eine neue Modernisierungswelle
durch dieses Land geht, und diese Demokratie wird sich verändern.

Gilt das auch wirtschaftlich? Es gibt ja derzeit wieder eine Debatte
um Hartz IV, Ideen eines allgemeinen Grundeinkommens?

Über das bedingungslose Grundeinkommen denke ich auch lange nach und
ich habe mir da noch keine klare Meinung gebildet. Sicher ist, dass
wir langfristig unsere sozialen Sicherungssysteme vom Faktor Arbeit
entkoppeln müssen, weil wir sie sonst nicht weiter finanzieren
können. Aber welche der Vorschläge, die bisher gemacht worden sind,
überzeugend sind und welche nicht, ist noch schwer zu sagen. Ich
denke, man müsste das im Modell erproben, um Folgeabschätzungen zu
betreiben.

Oder müssen wir alle das Wohlfühlspray Oxytocin schnupfen, dass Sie
im Buch erwähnen, damit wir besser werden – vor allem Politiker und
Banker?

Na ja, die Wirkung dieses Hormonsprays hält nicht besonders lange an.
Von daher glaube ich, muss einem Oxytocin eher Sorgen machen - ich
könnte mir eher vorstellen, dass die Banken ein Raumspray entwickeln
und die Kunden mit Oxytocin einlullen. Also wie jede
wissenschaftliche Erkenntnis ist auch diese nicht ganz ungefährlich.
Durch das Sprayen von Oxytocin werden Sie die Welt nicht besser
machen. Vermutlich macht es sogar abhängig.

Sie erwähnen in Ihrem Buch auch Hannover und die Lese-Intitiative von
Otto Stender. Haben Sie ihn kennengelernt?

Ich habe Herrn Stender einmal kennengelernt und ich finde seine Idee
sehr gut, weil ich meine, dass gerade die Pensionäre, die goldene
Generation in der Bundesrepublik, der es so gut gegangen ist wie nie
einer Generation zuvor in diesem Land, und zwar nicht nur durch die
eigene Leistung, sondern auch begünstigt durch eine
gesamtwirtschaftliche Entwicklung, dass die eine Bringschuld hat. Sie
sollte den eigenen Wohlstand wieder in Allgemeinwohlstand überführen.
Das ist der vernünftige Beitrag zur Sarrazin-Debatte: hinzugehen in
die Schulen und den Kindern, mit oder ohne Migrationshintergrund, die
eigentlich keine Chance in dieser Gesellschaft haben, eine zu geben.
Das fängt damit an, dass man ihnen Lesen beibringt, dass man ihnen
Verstehen beibringt, Sinnzusammenhänge und damit indirekt auch Werte
beibringt. Ich halte diese Initiative für wunderbar und ich mache
sehr viel Werbung dafür. Und ich hoffe, es gelingt mir irgendwann,
Thilo Sarrazin, der ja jetzt Pensionär ist und viel Zeit hat, davon
zu überzeugen, auch in eine Schule zu gehen und sich vielleicht um
einen türkischen Jungen zu kümmern. Das ist sehr viel sinnvoller als
alles andere, was er macht.

Machen Sie selbst auch so etwas?

Ich habe vier Kinder, die ich noch durch die Schule bringen muss.
Damit bin ich mit Nachhilfe mehr als reichlich eingedeckt. Aber Sie
dürfen mich das gerne noch einmal fragen, wenn die Kinder aus dem
Haus sind.

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Dienstag liest der Autor im Cinemaxx

Wie im Bestseller „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ streift Richard David Precht wieder durch die Philosophiegeschichte, von Platon bis Sloterdijk, zieht die Verhaltensforschung hinzu, analysiert das „soziale Schach“ und den „moralischen Tunnelblick“. Gutsein oder Nicht-Gutsein, das wird auch durch die Strukturen bestimmt, in denen wir leben, so sein Fazit. Wer mehr Bürgersinn will, muss dem Bürger mehr Entscheidungskompetenz geben. Wenige können so unterhaltsam philosophisch-politisch argumentieren wie Precht.

lyn/ 4 von 5 Sternen

Richard D. Precht: „Die Kunst, kein Egoist zu sein“. Goldmann, 544 Seiten, 19,99 Euro.
Lesung Dienstag, 26. Oktober, 19.30 Uhr, Cinemaxx Nikolaistraße, Eintritt 14, ermäßigt zehn Euro.