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Kultur Rebekka Bakken über Dinge, die bleiben
Nachrichten Kultur Rebekka Bakken über Dinge, die bleiben
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14:12 25.03.2019
Charismatisch: Rebekka Bakken. Quelle: ©Andreas H. Bitesnich
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Hannover

Ein zauberisches Wesen mit umwerfend dunkler Stimme und Songs zwischen Jazz, Folk und Pop: Die Norwegerin Rebekka Bakken (48) ist mit ihrem aktuellen Album „Things you leave behind“ auf Deutschlandtour und spielt auch in Hannover. Ein Interview.

Ihr Album geht um Dinge, die bleiben, und Dinge, die vergehen. Sie haben zuletzt einiges hinter sich gelassen. Unter anderem leben Sie nach Jahren in New York und Wien wieder in Ihrer Heimat ...

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Das stimmt. Ich habe mich verliebt.

In Norwegen?

Nein, in einen Mann. Vor sechs Jahren. Ich hatte nie gedacht, dass ich nach Norwegen zurückkehren würde, höchstens im Alter.

Was haben Sie im Ausland gesucht?

Ich lebe, wo ich leben möchte. Es war großartig in New York und Wien zu leben; das sind zwei wunderschöne Städte. New York war sehr wichtig für mich, um herauszufinden, wer ich bin, wenn ich nicht in meiner gewohnten Umgebung bin.

Aber ist das riesige New York nicht auch ein Ort, in dem man sich verlieren kann?

Nein, die Erfahrung habe ich nicht gemacht. In dem Alter, in dem ich damals war, half mir die Stadt. Heute würde ich wohl eher in eine abgelegene Berghütte gehen, um mich zu finden.

Tun Sie das?

Nicht auf einen Berg. Aber ich habe ein zweites Haus in der Natur, wo ich Ruhe finde. In New York gibt es so viele Minderheiten und so wenig Regeln; das war hilfreich.

Jeder ist fremd und darum ist es niemand?

Exakt. Nach dem Motto: „Du bist so seltsam – willkommen im Club!“

Wird es im Alter einfacher, Dinge hinter sich zu lassen?

Das kommt darauf an. Man kann es lernen. Aber wenn man jünger ist, ist man auch furchtloser und offener für das Neue. Dafür fällt es da schwerer, mit den Konsequenzen zu leben, weil man noch nicht wirklich weiß, wer man ist.

Ihr neues Album klingt sehr dicht. Wie einfach ist es, das live umzusetzen?

Es ist tatsächlich einfach, weil wir dieses Album quasi live, aus dem Moment heraus aufgenommen haben. In der Hinsicht ist es sehr Oldschool.

Eine Coverversion ist darauf, „Time after Time“ von Cindy Lauper. Warum ausgerechnet dieses Stück?

Weil ich es liebe. Es ist ein großartiger Song, und es gehört Mut dazu, ihn neu aufzunehmen, weil er schon von so tollen Künstlern interpretiert wurde. Ich bin sicher, dass die Welt keine neue Version davon braucht, aber das ist mir egal. Mit der Band, die ich gerade habe, glaube ich, ich kann alles machen. Es war jetzt der perfekte Zeitpunkt.

Ein ungewöhnlicher Song ist „Hotel St. Pauli“. Haben Sie schlechte Erinnerungen an Hamburg?

Nein, der basiert auf einem sehr verstörenden norwegischen Film. Ich bedaure es sehr, ihn gesehen zu haben, weil mich diese Bilder immer verfolgen werden. Und wenn einen verfolgt, dann muss man irgendwann daran anknöpfen.

Um auch das hinter sich zu lassen?

Genau, das kann ich jetzt tun.

Hat es Ihre Art, Musik zu machen, geändert, dass Sie einen Lebensmittelpunkt, ein Kind, eine Familie haben?

Ich glaube nicht. Es war ein nahtloser Übergang. Ich habe mich von einigen Dingen verabschiedet, und das ist okay. Und wenn es nicht okay ist, gebe ich einen Scheiß drauf. Damit ist eine große Freiheit verbunden, die einem erlaubt, tiefer zu graben. Was das angeht, habe ich einen neuen Level erreicht, und das hat etwas mit dem Alter zu tun.

Haben Sie sich auch von Musik verabschiedet?

Als ich die Tour vorbereitete, stand fest, dass ich auch einige ältere Songs spielen wollte. Es ist zum Teil so seltsam, diese Songs zu hören, denn meine Veränderungen gingen so behutsam vor sich, dass ich sie kaum bemerkt habe.

Fühlt es sich an, als kämen die Lieder von einer anderen Person?

Das weniger. Aber ich bemerke einfach, dass ich an einem ganz anderen Punkt meines Lebens angelangt bin. Ich kann mich erinnern, wie ich mich damals gefühlt habe, aber es hat nicht mit meiner Gegenwart zu tun. Wenn ich diese Songs heute spiele, fühlen sie sich an wie neu.

Von Stefan Gohlisch