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Kultur Rea Garvey mit Dutt im „Neon“-Licht
Nachrichten Kultur Rea Garvey mit Dutt im „Neon“-Licht
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00:19 29.03.2018
In Aktion: Rea Garvey 2016 beim Plaza-Festival in Hannover.
In Aktion: Rea Garvey 2016 beim Plaza-Festival in Hannover. Quelle: Christian Behrens
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Berlin

Treffen mit Rea Garvey in Berlin. Im familieneigenen Management-Büro hängen goldene Schallplatten, die Regale zieren viele Preise und Auszeichnungen. Aber ein bisschen Platz wäre da noch. Drei Jahre sind seit seiner letzten Platte vergangen; nun meldet sich der 44-Jährige mit seinem vierten Solo-Werk „Neon“ zurück. Ein Interview.

Mr. Garvey, einen hübschen Männerdutt tragen Sie da!

Danke. Meine Mutter lacht auch immer über mich.

Sind Sie eitel?

Ich würde lügen, wenn ich nicht eingestehen würde, dass ich ein bisschen eitel bin. Ich bin aufgewachsen in einem Haus mit sieben Schwestern. Der Spiegel war so groß wie die Wand. Damals sah ich noch eher unscheinbar aus. Aber dann stehst du plötzlich im Fernsehen vor Millionen Menschen. Da will man dann schon was hermachen. Aber es geht mir nicht darum, schön zu sein. Ich finde Männer, die sich selbst schön finden, nämlich total komisch.

Jedenfalls ist Ihre Silhouette auf dem Albumcover gut in Szene gesetzt.

Danke! Ein Freund von mir aus Stuttgart hat das Artwork gezeichnet. Es war erst nur ein Vorschlag. Aber die Idee vom Gesicht im Gesicht gefiel mir super. Ich fand, es traf genau die Aussage der Platte: verschiedene Perspektiven zu schaffen.

„Machen, was ich selbst liebe“

Was ist die Grundidee für „Neon“?

Auf dem letzten Album war ich sehr kritisch. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit „Prisma“ auch ganz schön polarisiert habe. Mit dieser Platte will ich weniger kritisch sein, sondern Menschen inspirieren. Ich habe mich von der Musik führen lassen und 60 oder 70 Lieder geschrieben. Irgendwann war mir klar, dass ich weniger das machen will, was andere von mir erwarten, und mehr das, was ich selbst liebe.

War das in der Vergangenheit nicht immer der Fall?

Es ist manchmal nicht ganz einfach. Als Musiker sollte man sich frei fühlen, aber oft tappt man in die Falle, den Erfolg zu bedienen oder sein eigenes Leben. Doch wenn man so weitermacht, erkennt man sich irgendwann selbst nicht mehr. Ich sehe das auch in meinem Freundeskreis: Viele leiden, weil sie sich selbst verbiegen, aber eigentlich doch mehr vom Leben wollen. Und das steht ihnen ja auch zu. Man muss sich wirklich immer wieder fragen: Wer bin ich? Und was macht mich glücklich?

Und momentan fühlt es sich gut an?

Momentan bin ich voller Selbstvertrauen. Ich bin entspannter denn je – sowohl menschlich als auch mit dem, was ich musikalisch mache. Und ich bin ein Riesenfan von all den Leuten, mit denen ich für die Platte zusammenarbeiten durfte.

„Zwischen Abaz und mir war Magie“

Produziert wurde das Album von dem 29-jährigen Hannoveraner Abaz, der bisher mit so harten Jungs wie Massiv, Haftbefehl und Kollegah zusammengearbeitet hat. Eine ungewöhnliche Wahl für einen irischen Songwriter.

Ich wusste natürlich, dass er viel mit Beats macht. Und dass er in dem Hip-Hop-Genre respektiert und quasi im Kommen ist. Er hat im letzten Jahr viel Erfolg gehabt. Ich bin ihm begegnet, als das gerade angefangen hat. Und ich glaube, es war genau der richtige Zeitpunkt, weil wir beide Bock auf die Idee einer Zusammenarbeit hatten. Abaz experimentiert auch gern. Das war vom Gefühl her so wie die Kollaboration von Nelly Furtado und Timberland. Keiner hätte die Zwei jemals zusammengepackt, aber da war Magie. Zwischen Abaz und mir war ebenfalls Magie. Es fühlte sich an wie die erste Probe mit einer neuen Band. Abaz und ich haben aber nicht nur unsere Musik, sondern auch Freundschaft gefunden.

Waren Sie versucht, selbst zu rappen oder rhythmischer zu singen?

Nein, aber ich glaube schon, dass Rap-Musik mich inspiriert hat, indem ich aus meiner Komfortzone rausgekommen bin. Ich komme zwar nicht aus der Bronx. Ich komme aus Irland und mache Rockmusik. Aber Rap ist für alle da! Es gibt immerhin einen Satz auf der Platte, von dem ich behaupten würde, er sei Rap. Weil ich an die Zeile glaube und sie eine bestimmte Attitüde hat. Sie fängt an mit „Life is too short for largest regrets ...“ Darum geht es auch im Refrain: Jeder Moment zählt. Genieß es. Trau dich Fehler zu machen. Und fuck Google. Ich will nicht, dass Technologie mein Leben bestimmt.

„Ich will andere Leute inspirieren“

Ihre Songs sollen also ermutigen?

Absolut! Das Schöne ist, dass die Musik und die Beats bei aller Melancholie auch euphorische und positive Momente haben – dass man trotzdem diese Energie des Wiederaufstehens bekommt. Das ist das, was ich meinte, wenn ich davon sprach, mit der Platte andere Leute inspirieren zu wollen. Sie sollen sagen: „Yes, it is a beautiful life.“

Der deutsche Rapper Kool Savas ist in der Single „Is It Love?“ zu hören. Kam der Kontakt durch Abaz zustande?

Es hat mehrere Begegnungen mit ihm gegeben. Aber klar, Savas ist ein sehr guter Freund von Abaz. Savas hatte das Lied gehört, und er sagte dann irgendwann: „Ey, ich mach jetzt einfach mit!“ Ich war natürlich begeistert und habe mich auch ein bisschen geehrt gefühlt, weil Savas echt der Papst der Rapper in Deutschland ist. Dass er mitmachen wollte, war für mich das größte Kompliment überhaupt. Und er hat eine Perspektive, die anders ist als meine. Savas ist viel urbaner. Das hat das Lied dann auch stärker gemacht.

Angeblich soll der Song inhaltlich die #metoo-Bewegung auffangen. Sind Sie Feminist?

Nein, gar nicht. Ich finde eher, dass wir das Geschlecht nicht nutzen sollten, um eine Argumentation zu führen. Wir müssen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht sehen. Ihre Kompetenzen sind viel wichtiger. Dafür bedarf es aber auch einer anderen Kultur. Wir sollten erst mal unsere Kinder dahingehend erziehen, dass Männer und Frauen absolut gleichwertig sind.

Wie war das bei Ihnen Zuhause?

Ich habe das bei meiner Schwester gesehen, die mich ja auch auf Tour begleitet. Wie viel sie machen muss, um weiter zu kommen, und wie respektlos sie manchmal behandelt wird, gab mir zu denken. Aber ganz ehrlich: Wenn jemand bereit ist, einem Mann mehr zu bezahlen, der weniger kompetent ist als eine Frau, ist der doch eigentlich ziemlich dumm.

„Es wird keine deutsche Platte von mir geben“

Sie sind seit 20 Jahren in Deutschland. Wäre es da nicht an der Zeit, auch mal auf Deutsch zu singen?

Es gibt das eine oder andere deutsche Lied, das ich schon gesungen habe und auch liebe. Ich habe auch nichts dagegen. Aber meine Einstellung ist, dass es so viele andere gibt, die es so viel besser machen können. Warum soll ich es dann machen? Aber warten wir mal ab, was die fünfte Staffel von „Sing meinen Song“ so bringt ...

Sie sind dort bald neben Mary Roos, Judith Holofernes, Johannes Strate, Leslie Clio und Marian Gold von Alphaville zu sehen.

Genau. Ich wehre mich nicht aus dem Grund gegen deutschsprachige Songs, dass ich denke, ich kann das nicht. Ich denke halt nur für mich beruflich – beruflich klingt immer so formal –, aber für mich als Musiker, ist die Frage, ob das Sinn macht. Deswegen sage ich hier und jetzt: Es wird keine deutsche Platte von mir geben in den nächsten zehn Jahren!

Wie sehen Sie Ihrer Teilnahme bei „Sing meinen Song“ entgegen?

Ich habe total Bock drauf. Ich werde das schon rocken. Und wenn es zu emotional wird, verstecke ich mich hinter der Couch. Ich mag an der Sendung, dass Musik im Mittelpunkt steht. Und diesmal stimmt das Timing, denn sie hatten mich davor schon einige Male gefragt, aber da passte es bei mir nicht.

„Meine Frau ist gnadenlos ehrlich“

Wie ist das, wenn man von seiner eigenen Frau gemanagt wird?

Super harmonisch, ehrlich gesagt. Es gibt immer mal Momente, wo ich ausraste. Aber wir sind gut darin, den jeweils anderen seine Arbeit machen zu lassen. Ich mache die Musik, sie das Geschäft. Ich finde meine Frau super kompetent. Sie ist eine toughe Managerin und seit 20 Jahren erfolgreich. Und ich bin seit 20 Jahren ihretwegen erfolgreich. Josephine kennt mich so gut, das erspart sehr viel Zeit. Und sie ist gnadenlos ehrlich.

Wie äußert sich das?

Wenn ich sie manchmal anrufe und frage: „Wie findest du die Musik, die ich dir geschickt habe?“ Und sie sagt, sie findet es nicht gut, dann muss ich erst mal auflegen. Denn ich finde immer alles super, was ich mache. Das ist so ein leichter Fehler in meiner Konstruktion. Es ist gut, dass jemand mich dann ausbremst. Und sie ist nicht nur meine Managerin, sie ist meine Freundin, mein Partner, meine Liebe. Ich bin froh, dass es sie gibt und superglücklich.

Müssen Sie sich oft kneifen vor Glück, dass die Erfolgskurve für Sie nach Reamonn nie aufgehört hat?

Schon, aber ich arbeite auch sehr hart dafür. Ich bin niemand, der etwas Unausgegorenes präsentiert. Wenn ich etwas erreichen will, muss ich den Hintern hochkriegen und abliefern. Ich habe zwei Jahre an diesem Album gearbeitet. Diese Herangehensweise macht mein Leben sehr viel leichter. Es ist besser, nicht immer die ganz großen Erwartungen zu haben, was alles mit einer Platte passieren muss.

„Ich habe den Rockstar-Traum genossen“

Seit acht Jahren sind Sie nun schon als Solo-Künstler unterwegs. Fühlt sich die Zeit mit Reamonn wie ein anderes Leben an?

Reamonn gehört schon noch zu mir. Ich bin so erfolgreich als Solo-Künstler, weil ich auch der Sänger von Reamonn war. Und es war auch eine sehr tolle Zeit, in der ich alles machen konnte, wovon ich geträumt habe. Ich habe den Traum, Rockstar zu sein, total gelebt und genossen. Reamonn waren lange eine tolle Band, die aus besten Freunden bestand. Es ist am Ende leider nicht gut ausgegangen, aber das akzeptiere ich.

Erst kürzlich haben Sie eine Umfrage auf Ihrer Facebook-Seite gemacht, welche Songs Sie bei einer Live-Session spielen sollten. „Supergirl“, der erste Reamonn-Hit, war auf dem ersten Platz. Haben Sie den Ehrgeiz, es irgendwann zu schaffen, den Uralt-Klassiker vom Thron zu stoßen?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin so stolz, dass wir eines dieser Lieder geschrieben haben, die 20 Jahre später immer noch so beliebt sind. Es wird schwer, ein Stück zu schreiben, das größer ist als „Supergirl“, denn das müsste erst mal 20 Jahre bestehen. Es ist doch der Wahnsinn, so etwas überhaupt ein Mal zu schaffen im Leben.

Rea Garvey live: am 19. September in der Swiss-Life-Hall. Karten (59,05 und 64,80 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.

Von Katja Schwemmers

28.03.2018
22.03.2018