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Kultur Punk-Ikone Iggy Pop macht auf Chansons
Nachrichten Kultur Punk-Ikone Iggy Pop macht auf Chansons
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13:16 19.05.2009
Kult-Punker Iggy Pop schlägt jetzt sanfte Töne an.
Kult-Punker Iggy Pop schlägt jetzt sanfte Töne an. Quelle: ddp
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Dort vertiefte sich der 62-jährige Musiker in den Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq und legte so die Wurzeln für sein jüngstes Album „Preliminaires“ (EMI/Virgin), das am Freitag (22. Mai) in den Handel kommt. Dabei überrascht der „Godfather of Punk“ als gediegener Chansonier mit eher ruhigen Klängen und einer innigen Zuneigung zum gepflegten Jazz.

„Ich hatte schon vor einigen Jahren Gedichte von Houellebecq gelesen. Sie gefielen mir gut, auch wenn sie mich traurig stimmten“, erläutert Pop, der mit bürgerlichem Namen James N. Osterberg heißt. In dem französischen Autor, der sich öffentlich gerne als griesgrämiger Kettenraucher zeigt, scheint Pop einen Bruder im Geiste gefunden zu haben. Denn als er um zwei Lieder für einen Houellebecq-Dokumentarfilm gebeten wurde, ließ er sich nicht lange bitten. Dann gewann das Projekt rasch an Eigendynamik.

Dass ihn „Die Möglichkeit einer Insel“ tief beeindruckt habe, räumt der Musiker gerne ein. Das Buch handele von „Tod, Sex, dem Ende der Menschheit und einigem anderen lustigen Zeug“. Er habe es mit großem Vergnügen gelesen. Wie der Protagonist des Romans sei er seiner Karriere als Entertainer überdrüssig gewesen und sehnte sich nach einem neuen Leben, beteuert Iggy Pop. In einer abgelegen Hütte, alleine mit einer alten Holzgitarre, seien schrittweise die Stücke des Albums entstanden, „komplett außerhalb der gegenwärtigen Musikindustrie“.

Die Klammer von „Preliminaires“ bilden zwei Versionen des Klassikers „Les Feuilles Mortes“, der unter anderem schon von Yves Montand und Edith Piaf interpretiert wurde. Iggy Pop singt das Stück auf Französisch mit einem rauen amerikanischen Akzent. Untermalt mit der klassischen Hammondorgel und einem fragilen Saxophon wandelt er auf den Spuren der klassischen französischen Chansoniers.

Mit „How Insensitive“ ist ein weiterer Jazz- und Bossa-Nova- Standard vertreten, was beim Wegbereiter des Punk nicht unbedingt zu erwarten war. Ungewohnt auch „King of the dogs“, wo sich Pop mit Begeisterung mit einer betont schmutzig aufspielenden Jazz Combo misst und der besungene Hund am Ende munter kläfft.

Am nahesten kommt Pop Houellebecq aber im Stück „A Machine For Loving“, wo er nahezu wörtlich die Passage aus „Die Möglichkeit einer Insel“ rezitiert, in der der Protagonist das Sterben seines geklonten Hundes beschreibt. Unterlegt wird das alles mit einem verstörenden Gitarrensolo.

Hingegen blitzt beim „Nice to be dead“ noch einmal die alte Punker-Seligkeit auf. Trotz des depressiven Textes schrammen die Gitarren munter und durchaus hit-tauglich. Und wenn Pops Stimme am Ende demonstrativ in den Keller geht, wird lustvoll mit dem eigenen Image gespielt.

„Preliminaires“ ist ein ungewöhnliches, aber sehr ausgereiftes und überzeugendes Album geworden, mit sich Iggy Pop nach rund 47 Jahren im Musikgeschäft ein Stück weit neu erfunden hat. Dass die Fans aus Punkrock-Tagen von dem Werk verwirrt sein könnten, nimmt der langjährige Weggefährte von David Bowie bewusst in Kauf: „Ich hatte es satt, irgendwelchen Idioten dabei zuzuhören, wie sie auf ihre Gitarren eindreschen.“ ddp