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Kultur Pianist Joja Wendt über „Die Kunst des Unmöglichen“
Nachrichten Kultur Pianist Joja Wendt über „Die Kunst des Unmöglichen“
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13:38 31.10.2017
Gut drauf: Joja Wendt bei seinem NP-Redaktionsbesuch.
Gut drauf: Joja Wendt bei seinem NP-Redaktionsbesuch. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Klassik mit Popmusik vermischen und das auf hohem musilaischen Niveau – das ist doch unmöglich! Ist es doch, findet Joja Wendt (53). Aktuell ist der Pianist mit seinem Programm „Die Kunst des Unmöglichen“ unterwegs. Ein Interview.

Sie haben vor kurzem in der Elbphilharmonie gespielt. Wie war’s?

Atemberaubend. Die Akustik ist toll, in beide Richtungen. Erst einmal ist sie inspirierend für den, der spielt, aber sie kommt auch zurück, zum Beispiel wenn applaudiert wird. Da denkt man: „Wow, was ist hier los!“

Man hört aber auch jeden Verspieler.

Natürlich. Ich habe mich sehr gut vorbereitet. Es kann trotzdem immer etwas passieren, aber daraus entwickeln sich oft neue lustige Ideen. Nein, wir Hamburger sind froh, dass wir die Elbphilharmonie haben; wir haben sie ja auch bezahlt (lacht). Sie hat eine Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen, in die ganze Welt hinaus.

Sind die Leute Ihretwegen gekommen, oder waren sie froh, überhaupt eine Karte bekommen zu haben?

Der Intendant hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Ich könnte hier auch die Putzfrau auf dem Kamm blasen lassen, und das Ding wäre voll.“ Bei mir waren innerhalb von fünf Minuten alle Tickets weg, nur haben die Leute bei mir das Glück, dass sie einen unterhaltsamen Abend kriegen.

Macht es Ihnen Spaß, auch mal vor Leuten zu spielen, die Sie vielleicht noch überzeugen müssen?

Davon waren bestimmt ein paar in der Elbphilharmonie, und das ist schön. Das ist ein Klavierkonzert, bei dem es die ganze Bandbreite gibt. Die klassische Musik ist ein Fundus aus vielen Jahrhunderten, in denen die Komponisten letztlich die Popmusik ihrer Zeit geschrieben haben. Dann der Jazz und der moderne Pop – die Geschichte ist voll toller Musik, und ich bediene mich aus allen Genres. Der große Bogen ist meine Liebe zum Klavier.

Wie sieht Ihr aktuelles Programm aus?

Ich fange klassisch und ruhig an, mit der Morgenstimmung von Edvard Grieg, es geht weiter mit Chopins Revolutionsetüde, die natürlich wild ist und die ich dreigeteilt spiele: Erst variiere ich das Thema und reharmonisiere. Dann spiele ich das Original und schließlich eine Rockversion, womit es wirklich losgeht. Damit die Leute gleich wissen: Es geht quer durch alle Genres.

Das Programm heißt „Die Kunst des Unmöglichen“ – weil das, was Sie spielen unmöglich ist oder weil die Klassikfraktion sagt: Das ist ja unmöglich!“?

Das spielt sicher auch mit rein (lacht). Es ist ein Running Gag, von ganz früher, wo ich öfter mal sagte: „Das nächste Stück ist schwierig“, und die Leute beim nächsten Konzert sagten: „Jaja, das nächste Stück ist bestimmt wieder ganz schwierig.“ Und jetzt wollte ich diesen Running Gag einmal zum Programm erheben – bis hin zu einer Heavy-Metal-Nummer, die ich auf dem Wacken-Open-Air spielen sollte. Da hatte ich vorher auch gedacht, es sei unmöglich: vor 80 000 Heavy-Metal-Fans nur Klavier zu spielen.

Sie spielen Klavier, seit Sie vier Jahre alt sind. Gab es je die Sehnsucht danach auszubrechen?

Es gab natürlich den Moment, als ich meiner Mutter gesagt habe, ich interessiere mich gerade für andere Dinge; da waren Mofas und Mädchen spannender. Zum Glück – es gibt ja auch Klavier-Nerds, die das übersprungen haben. Da fehlt etwas im Leben. Nichtsdestotrotz war das Klavier ein roter Faden in meinem Leben: weil ich es wollte.

Keine Abgrenzungsversuche gegenüber den Eltern?

Doch. Allein weil meine Mutter klassische Pianistin war, habe ich den Jazz für mich entdeckt.

Damit dürften Sie bei Ihren Altersgenossen aber auch ein Exot gewesen sein, oder?

Ja, irgendwie schon. Das war mir egal, weil ich vom Machen her kam, und einen Boogie-Woogie zu spielen, macht einfach Spaß, auch wenn die Anderen es uncool finden. Das ist wie Tischtennis-Spielen: Zuzugucken ist grauenhaft; es selber zu spielen, ist super.

Was schätzen Sie am Klavier?

Zuerst ist es das beste Instrument, mit dem man anfangen kann: Alle Töne liegen vor einem. Man muss nur herunterdrücken: Drückt man doller, wird es lauter – besser könnte man eine App nicht programmieren. Bei Trompete oder Geige zum Beispiel muss man sich ewig mit der Tonerzeugung beschäftigen. Hier nicht. Ich mag die Rhythmik, die mit diesem Instrument möglich ist, die immer wichtiger wird in der Musik. Da macht es Spaß, einen Mash-up zu machen aus Hip-Hop und dem Hummelflug. Wenn man die Dinge ineinander fließen lässt, wird es spannend, rhythmisch, aber eben auch melodiös, schwebend. Neurologen haben festgestellt, dass Menschen, die sich nur 20 Minuten mit dem Klavier beschäftigen, ruhiger und glücklicher werden, länger leben, attraktiver wirken.

Deswegen sind Sie immer gut drauf?

Das ist sicherlich auch mein Naturell, aber es hilft.

Hilft es auch gegen schlechte Laune?

Ja, es war immer ein Ventil.

In jeder Musikrichtung?

Ein Freund von mir ist Arrangeur, also von Beruf aus dazu zu verpflichtet, sich mit jeder Musik zu beschäftigen. Er sagt: „Das sind alles meine Babies.“ Das ist bei mir anders; ich treffe eine klare geschmackliche Vorauswahl.

Und ein Hummelflug-Hip-Hop ist eine doppelte Liebeserklärung oder der Versuch, sich mit Dingen, die Ihnen nicht so nah sind, zu arrangieren?

Beim Hummelflug steht natürlich auch die Virtuosität im Vordergrund. Daraus dann aber etwas ganz Anderes zu machen und so vielleicht noch junge Leute abzuholen: Das ist spannend.

Was ist beglückender: das Klavierspiel zuhause oder das vor Publikum?

Zuhause probiere ich viel aus. Die Dinge, die man vor Publikum spielt, muss man gut vorbereiten. Man kann da nicht alles dem Zufall überlassen. Es genügt heute nicht, dass man gut Klavier spielt. Man muss sich Gedanken über das Repertoire machen, über die Konzeption, die Dramaturgie des Abends, die Werbung. Es ist eine Ochsentour. Darum habe ich auch so eine große Hochachtung vor Künstlern mit einer langen Karriere. Die Entscheidung, Musiker zu werden, ist eine Entscheidung für ein schwieriges Leben.

Wie wichtig ist Ihnen der Ausgleich? Ihre Frau ist Steuerberaterin ...

Das Zuhause ist ein ganz wichtiges Regulativ. Mir ist eine gesunde Draufsicht auf die Dinge von außen sehr wichtig. Auch die Kinder sind ein Regulativ; die erziehen einen zurück. Einmal – da war meine Tochter so 17 – habe ich in der Barclay-Card-Arena gespielt und sie und ein paar Freunde mitgenommen. Der eine sagte: „Ist das nicht genial? Der spielt hier vor 12 000 Leuten.“ Und sie sagte: „Wieso? Das ist mein Papi!“

Haben Ihre Kinder Ambitionen in die Richtung?

Nein. Wenn sie es wollten, würden wir das auch unterstützen. Aber am wichtigsten ist doch, dass sie etwas finden, wofür sie brennen.

Joja Wendt live: am 21. November im Theater am Aegi. Karten (40,60 Euro bis 57,85 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.

Von Stefan Gohlisch