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Kultur Phil Collins: Standhaft und quicklebendig in Hannover
Nachrichten Kultur Phil Collins: Standhaft und quicklebendig in Hannover
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22:33 15.06.2019
Phil Collins in der HDI-Arena. Quelle: Samantha Franson
Hannover

Phil Collins sitzt. Er ist mühsam, mit einem Gehstock, auf die Bühne in der HDI-Arena gekommen und hat auf einem Hybrid aus Barhocker und Bürostuhl Platz genommen. „The Foot is fucked“, sagt er – freundlich übersetzt: der Fuß ist lädiert, seit einer Rückenoperation nämlich. Stehen ist nicht mehr; Tanzen war eh nie sein Ding. Also das Ganze offensiv angehen – und als erstes „Against all Odds“ singen.

Gegen jede Chance, das passt. Der heute 68-Jährige wurde in den 80ern zum Popstar, also jenem durch Videoclips rein auf Äußerlichkeiten gedrillten Jahrzehnt, und sah (wie auch die Bandkollegen von Genesis) dabei aus wie ein Erdkundelehrer. Seine Lieder wurden über jede Gebühr im Formatradio weggenudelt und werden immer noch geliebt; das zeigt das diverse Publikum in Hannover. Und jetzt sitzt er in einem nahezu ausverkauften Stadion und reißt die Leute von den Sitzen.

Er ist noch lange nicht tot

Er hat sich dabei seinen galligen Humor bewahrt: „Not dead yet“ – noch nicht tot – heißt seine 2016 veröffentlichte Autobiografie, „Still not dead yet“ (immer noch nicht tot) die aktuelle Tour. Es ist eine Erinnerung in Liedern; da lässt man schonmal die letzten Jahre weg, die sichtlich nicht gut zu ihm waren. Doch seine Stimme hält nicht nur, sie ist groß, bewegt mehr als jedes Aufgebot von Tänzern.

Ein Star, der schon alles erreicht hat, will sich noch einmal feiern lassen: Die Setlist ist eine einzige Ansammlung seines großen Jahrzehnts: Balladen wie „Separate Lives“ wechseln sich mit Tanzschulstoff für die Ewigkeit von „Don’t Lose my Number“ bis zu „Easy Lover“. Die Bühne ist unspektakulär, aber wirksam: ein paar wohlgesetzte Lichter, eine halbrunde Projektionsfläche hinter der Band, vervielfacht auf drei weiteren Leinwänden. Darauf laufen Bilder von damals, als Collins die Frisursünden der vergangenen 50 Jahre auftrug. Wobei: Mit Rauschebart und Basecap sah er in den 70ern fast so aus wie ein Linden-Mitte-Hipster heute.

Sheryl Crow als Support in der HDI-Arena

Schon Sheryl Crow („All I Wanna Do“) im Vorprogramm hatte zur Reise in die Vergangenheit geladen. Collins setzt noch einen drauf – im Rückblick nur Gutes. „Wenn meine Sachen totgespielt werden, ist das einerseits nicht mein Fehler“, hat Collins vor vier Jahren dem „Spiegel“ gesagt: „Andererseits kann ich gut verstehen, dass Leute von mir angekotzt sind. Und ich möchte mich dafür wirklich entschuldigen. Es war nicht böse gemeint.“ Und es wird ihm nicht krumm genommen: Die 40 000 im Stadion lassen sich gerne mitnehmen in das Jahrzehnt von Moonwashed-Jeans, Colour-Blocking und Schulterpolstern; ist ja auch alles wieder in.

Der Brite Phil Collins eröffnet die Stadion-Saison in Hannover. Sheryl Crow hat den Auftakt gemacht.

Jeden Witz, den man über ihn reißen könnte, hat er schon selbst gemacht. Dass er mal „vor vielen hundert Jahren“ in einer Band namens Genesis gespielt habe, sagt er in einer seiner Ansagen in feinstem Britisch und kündigt dann deren „Throwing it all away“ an: „Das ist nicht der Song, den ihr euch gewünscht habt, aber so ist das Leben.“ Später spielt er noch „Follow you, follow me“.

Für den größten Hit steht Collins – und das Publikum

Mittendrin der Königssong: „In the Air Tonight“, mit diesem grandiosen Drumfill mittendrin, für das Luftschlagzeugspielen erfunden wurde. Man hatte es ja zwischendurch vergessen: Das war mal – im Soundtrack der Serie „Miami Vice“ – der coolste Song der Welt. Das erste Mal Hören dieser Lied gewordenen Überwältigungsstrategie kann einem niemand mehr wiedergeben. Aber die Version an diesem Abend ist ganz nah dran. Und macht Lahmende wieder stehen: Collins erhebt sich.

Die 14-köpfige Band – insbesondere der starke Bläsersatz – hat einen großen Anteil daran. Funky bläst es durch die HDI-Arena. Den Platz am Schlagzeug von Collins hat dessen 18-jähriger Sohn Nicholas übernommen, und er tut das mit einer präzisen Kraft wie sein Vater vor so vielen Jahren. Einmal treffen sich Vater und Sohn und Percussionist zum Trommel-Trio an Cajóns. Riesenjubel. Natürlich.

„Another Day in Paradise“ zum Beispiel: eine simple Ballade. Und dann wird das E-Piano so sanft angeschlagen, als sei es ein Cembalo, erklingt eine Flamenco-Gitarre, setzt der Gospel-Gesang im Background ein, und alles ordnet sich dem wunderbarsten Effekt unter: ein Popsong, den jeder von der Generation Babyboomer aufwärts mitsingen kann.

Ovationen für kluge Songs

Collins-Lieder waren schon immer schlauer, als sie klangen, verbargen unter ihren wuchtigen 80er-Arrangements stets Einflüsse von Jazzrock über Motown bis R’n’B – die Band legt sie an diesem Abend frei, noch lange bevor es bei dem legendären Supremes-Cover „You can’t Hurry Love“ auch der Letzte im Stadion merkt. Spätestens da lässt Collins keinen sitzen. Ovationen – im Stehen. Was sonst?

Von Stefan Gohlisch

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