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Kultur Peter Gabriel veröffentlicht sein Coveralbum "Scratch my Back"
Nachrichten Kultur Peter Gabriel veröffentlicht sein Coveralbum "Scratch my Back"
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22:12 11.02.2010
Von Uwe Janssen
Artrockpionier, Weltmusikförderer, Netzwerker: Peter Gabriel wird morgen 60 Jahre alt. Quelle: ap
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Es sind elf zu viel. Drei Studioalben lang hatte es Peter Gabriel geschafft, mit zwei Buchstaben pro Titel auszukommen. Wobei einer der beiden Buchstaben auch noch im jeweils nächsten Namen enthalten sein sollte. „So“, „Us“ und „Up“ – und die Fangemeinde rätselte, was als Nächstes kommen könnte. „Po“ oder „Pi“? Abkürzungen wie „LP“ oder „PS“? Nichts dergleichen. „Scratch my Back“ heißt das Album, das am Freitag, einen Tag vor Gabriels 60. Geburtstag, erscheint. Der Künstler tanzt aus der Zweierreihe. Das passt, denn sein Album tut es auch.

Allerdings nicht auf den ersten Blick. Der Brite hat eine Platte mit Coverversionen aufgenommen, was für einen musikalischen Avantgardisten und einen der größten Innovatoren und Visionäre des Popgeschäfts nach acht Jahren Pause nicht gerade eine kreative Glanzleistung ist. Nun rechnet aber auch niemand ernsthaft damit, dass der frühere Artrockpionier einfach Lieder nachsingt. Es ist sogar eher das Gegenteil. Gabriel hat es sich noch nie leicht gemacht. In diesem Fall hat er erst mal alles verändert. Rockinstrumentarium und Synthesizer raus. Orchester rein. „Wenn du Musikern alles erlaubst“, sagt er, „kastrierst du sie.“ Erst wenn man ihnen Grenzen setze, befeuere man ihre Phantasie. Also: kein Schlagzeug, keine Gitarren. Und das teilweise bei Songs, die so bekannt sind, dass es in den Köpfen der Pophörer eine richtige, eine gültige Fassung gibt, vor der jede Interpretation zunächst eine unsachgemäße Veränderung, eine Verfälschung und im Grunde auch eine Anmaßung darstellt.

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David Bowies „Heroes“ beispielsweise, mit dem das Album eröffnet. Gabriel hat dem Song das Treibende ausgetrieben, das Kleid geraubt, es ausgezogen – und die nackte Wahrheit ans Licht gefördert. Er zwingt die Hörer in den Text und nimmt ihn schließlich mit in einen Heldenhimmel voller Geigen. Das Orchesterarrangement hat wie alle anderen der neuseeländische Komponist und Violinist John Metcalfe geschrieben. Metcalfe ist mit Kraftwerk aufgewachsen, hat später für Morrissey und die Simple Minds Arrangements geschrieben, liebt Komponisten wie Strawinski und Arvo Pärt – und deckt damit auch Gabriels musikalisches Spektrum ziemlich exakt ab.

Gemeinsam haben die beiden Songs ausgesucht, und die Methode erklärt den Albumtitel. „Scratch my Back“ (Kratz meinen Rücken) ist die erste Hälfte der englischen Version von „Eine Hand wäscht die andere“. Der zweite Teil des Projekts soll noch in diesem Jahr erscheinen: Auf der Retourkutsche „And I’ll scratch yours“ sollen die nun interpretierten Künstler ihrerseits Songs von Gabriel singen.

Der hat sich alte Kempen wie die Talking Heads („Listening Wind“), Lou Reed („The Power of the Heart“) Randy Newman („I think it’s going to rain today“) oder Neil Young („Philadelphia“) vorgenommen – und auch ein paar junge Bands, die ihm seine Tochter Melanie empfohlen hat: Elbow („Mirrorball“), Arcade Fire oder Regina Spektor („Après moi“).

An Paul Simons „Boy in the Bubble“ lässt sich vielleicht am besten erkennen, wie Gabriel einen fremden Song zu einem eigenen macht. Er bremst die ursprünglich fröhlich und üppig instrumentierte Musik weit herunter, verändert die Harmonien, nicht aber die Gesangslinie. Spärliche Pianotöne führen Gabriels hohe, angeraute Stimme durch die Strophen, wenige (Unter-)Streicher betonen wie Textmarker die wichtigen Stellen. So erzählt Gabriel Simons Geschichte vom amerikanischen Jungen, der wegen einer Immunschwächekrankheit in einer Plastikblase leben muss, noch einmal in einer traurig-dramatischen Version.

So geht das häufig auf „Scratch my Back“. Schmissige Popsongs wie „Sledgehammer“ oder „Solsbury Hill“ sind weit und breit nicht zu entdecken. Wer sich aber bei dem alten „Here comes the Flood“ immer noch von einer Gänsehaut den Rücken kratzen lässt, wird auch hier viele wohlige Momente erleben. Vielleicht nicht beim ersten Hören. Aber wenn es sich schon der Künstler nicht leicht macht, warum sollte es dem Hörer besser gehen? So viel Querkopf ist er geblieben – trotz aller Altersmilde, trotz allen Familienglücks, über das der Vater von mittlerweile vier Kindern in jüngster Zeit so ausgiebig parliert. Er wolle, sagt er, so viel wie möglich zu Hause sein momentan. Für zwei Konzerte am 24. und 25. März in Berlin will er sich dann aber doch losreißen.