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Kultur Neues Album: Die Rückkehr der Pet Shop Boys
Nachrichten Kultur Neues Album: Die Rückkehr der Pet Shop Boys
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00:16 07.07.2013
Von Matthias Halbig
BEING OHRBOHRING: Neil Tennant (links) und Chris Lowe bitten zum Quelle: John Wright
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Da gabs dunkelgraue Zeilen wie „Unsere Liebe ist tot, aber die Toten gehen nicht weg“. Da floss ruhiger, kühler Science-Fiction-Pop für letzte Sternenreisen alter, einsamer Astronauten. Kein Diskoschmiss mehr, dafür hatte die sonst unterschwellige Pet-Shop-Melancholie Oberwasser. Keyboarder Chris Lowe war damals 52 (heute 53), Sänger Neil Tennant 58 (ist er immer noch). Und die West End Girls waren auch schon alle Omas, ihre einst stolzen Klubs längst zu Ruinen zerfallen.

„Elysium“ war das Abschiedswerk für Parlophone, das Label ihrer großen Erfolge. Kein Jahr später veröffentlichen die Londoner Pet Shop Boys nun erstmals ein Album unterm eigenen Logo x2 Recordings, und mit „Electric“wird die Synthpop-Party auch sofort neu angeblasen, fordern die Boys in „Thursday“ das „babe“ auf, das Wochenende mit ihnen zu verbringen. Swutsch und weg!

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Starke Stücke: Der Siebenminüter „Love Is a Bourgeois Contract“, in dem die Existenz der Liebe von einem enttäuschten Liebenden in Abrede gestellt wird, erinnert an die Pet-Shop-Hymnen der 80er und 90er. Viel Hochkultur schimmert durch dieses grandiose Stück Glitzerpop: Das erbauliche Motiv stammt von Michael Nymans neobarocker Filmmusik zu Peter Greenaways Film „Der Kontrakt des Zeichners“, die wiederum von einer Komposition von Henry Purcell aus dem Jahr 1691 inspiriert wurde. Der Text basiert auf einer Passage aus David Lodges Roman „Saubere Arbeit“, in der die Protagonistin ihrem Anbeter versichert, Liebe sei „nur ein Konstrukt viktorianischer Dichtung“. Uff! Zu kopfig. Sofort wieder vergessen! Und tanzen!

Unter Regie von Produzent Stuart Price (Take That, Kylie Mi-nogue) wird ein Elektro-Fest gefeiert, das dem 1981 gegründeten Duo nach eigenem Bekunden Riesenspaß gemacht hat. So zitiert man eifrig Kollegen der Maschinenmusik: „Axis“ hat Giorgio Moroder im Soundpool, der House-Track „Fluorescent“ neben Kraftwerk noch Visage (deren Steve Strange macht übigens auch wieder Musik!). Es gibt richtige Clubnummern wie „Shouting in the Evening“ - so technoid wie hier klangen die Jungs vom Zoogeschäft selten! Balladen? Nope. Keine Balladen.

Schon immer aber hatten Tennant und Lowe ein Händchen für Cover-Versionen. Erinnert sei anElvis Presleys „Always on my Mind“ (1987), U2s „Where the Streets Have no Name“ (1991) und Village Peoples „Go West!“ (1993). Diesmal machen sie Bruce Springsteens Antikriegssong „The Last to Die“ von 2007 reif für den Tanzboden und für einen Platz an der Charts-Spitze - eine Geschichte von politischen Fehlern/Dummheiten/Ehrgeiz und den Menschen, die dafür bezahlen müssen. Nicht wie beim Boss „for a mistake“, sondern „for OUR mistake“. Unsere Schuld! Ein Lied, geschrieben für George Bush Juniors Soldaten im Irak, aber auch ein Lied für Edward Snowden, der in der scheinbar aufgeklärten Welt weithin leider nicht als das begriffen wird, was er ist: ein Demokrat, Freiheitskämpfer, Bürgerrechtler. Zuletzt ist „The Last ...“ vor allem eins - „der“ Ohrwurm der Platte!

„Alles, was ich zu sagen habe, wird laut gesungen werden“, singt Tennant im letzten Song „Vocal“. Und stolz: „Das ist meine Musik. Sie spielen sie die ganze Nacht.“ Das könnte mit „Electric“ passieren. Und Parlophone wirds ärgern, dass ihre früheren Vorzeigejungs zu Gunsten besserer Verkäuflichkeit von Trübsal und Alterswerk Abschied genommen haben. Der Diskoball lässt wieder die Funken fliegen.

Und Tennant und Lowe sind für immer Boys!

Bewertung: 4/5

„Electric“, ab 12. Juli erhältlich.