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Kultur Nathan und der Antisemitismus
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11:35 17.06.2018
Streitbar: Regisseur Oliver Frljić im Fundus des Ballhofs.
Streitbar: Regisseur Oliver Frljić im Fundus des Ballhofs. Quelle: Frank Wilde
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Die Inszenierung hat schon begonnen: Mit einem Foto aus Auschwitz wirbt der kroatische Regisseur Oliver Frljić (42) um Schuhspenden für seinen „Nathan“ nach Gotthold Ephraim Lessing für das Junge Schauspiel. Im Interview erklärt er, warum.

Was hat es mit diesen Schuhen auf sich?

Wir sammeln diese Schuhe nicht nur, um sie für das Bühnenbild zu verwenden. Ich entschied mich auch, mit der Performance früher zu beginnen. Mit dem Plakat wollen wir ein Bewusstsein dafür schaffen, wie mit der Erinnerung an den Holocaust umgegangen wird. Gerade jetzt, da von bestimmten Leuten und Gruppierungen versucht wird, die Erinnerung daran auszuradieren. Indem die Menschen Schuhe spenden, werden sie Teil der Inszenierung.

Wie erfolgreich sind Sie?

Ich weiß nicht genau, wie viel wir bislang eingesammelt haben. Es spielt aber auch keine so große Rolle. Egal, was herauskommt: Es ist ein Zeichen.

Es ist ein gelungenes Bildmotiv für eine „Nathan“-Inszenierung; beim Spendensammeln wirkt es aber abschreckend.

Darum geht es: Wir wollen hinterfragen, wie dieses Stück nach dem Holocaust gelesen werden muss. Den Holocaust zu vergessen, heißt ihn ungeschehen machen zu wollen. Während einer Probe haben wir zum Beispiel über das Berliner Holocaust-Denkmal gesprochen: Ist das wirklich ein angemessener Umgang mit dem Holocaust?

Und was meinen Sie?

Ich habe meine Probleme damit. Ich habe den Eindruck, dieses Denkmal, das sehr abstrakt ist, transportiert: „Jetzt sind wir fertig mit der Erinnerung.“ Viele Menschen, besonders aus dem Ausland, haben keine Ahnung, wofür das Denkmal steht. Sie besuchen es wie eine Sehenswürdigkeit. Andererseits weiß ich nicht, ob eine naturalistischere Darstellung die Lösung wäre. Ich glaube allerdings auch, dass man immer weiter an der Erinnerung arbeiten sollte – und habe den Eindruck, dass das immer weniger passiert.

Wie lesen Sie denn den „Nathan“? In Deutschland gilt er zumeist als Paradebeispiel im toleranten Umgang mit den Religionen.

Das halte ich für eine sehr oberflächliche Interpretation. Der „Nathan“ repräsentiert einen eurozentrischen Blick auf eine andere Kultur in einer anderen Zeit. Ich möchte mich auf die Dinge konzentrieren, die daran problematisch sind. Ich sehe da durchaus antisemitische Tendenzen, und die sind der Schlüssel zu meiner Interpretation. Das Stück ist für uns auch nur der Ausgangspunkt. Ich möchte zum Beispiel auch über den Kinderkreuzzug sprechen, was der nächste Kreuzzug nach dem im Stück gezeigten ist. Und es geht mir eben auch um den Holocaust und die Situation im heutige Nahen Osten. Mir schwebt eine Reise von Nathans Zeit bis heute.

Welche antisemitischen Tendenzen meinen Sie?

Das beginnt schon mit der Darstellung Nathans: Das einzige, was ihn in dieser Gesellschaft schützt, ist sein Reichtum. Das ist ein problematischer jüdischer Stereotyp.

Dabei reduziert man den „Nathan“ doch meist auf seine Ringparabel ...

Unsere Lesart von „Nathan“ beginnt damit, wie hier bestimmte Identitäten erst konstruiert, dann angeeignet und schließlich instrumentalisiert werden. Wir sind natürlich vor allem interessiert an dem Status, den dieses Stück in der deutschen Kultur spielt: Wofür steht es? Was sind die offiziellen Interpretationen, und was verbergen diese Interpretationen?

Was bleibt denn dann von Lessings „Nathan“?

Was nötig ist. Aber unsere Absicht war es nie, bloß den Text auf die Bühne zu übersetzen. Ich möchte weg von diesem Logozentrismus des deutschen Theaters. Wer Theater auf die Wiedergabe von Text reduziert, beschränkt sich in seinen Möglichkeiten. Wir wollen auch nicht linear oder chronologisch erzählen. Wie Heiner Müller immer sagte: Theater ist nicht dazu da, Geschichten zu erzählen. Das kann Literatur viel besser. Theater kann einzigartige Erlebnisse kreieren.

Was sollen denn die Zuschauer von diesem Erlebnis mitnehmen? In Tschechien gab es unlängst heftige rechte Protestes gegen eine ihrer Inszenierungen, „Eure Gewalt, unsere Gewalt“, inklusive Erstürmen der Bühne.

Ich sage ja immer: Meinetwegen wissen die Nazis jetzt wenigstens, wo das Theater ist. Natürlich sind solche Proteste Teile der erweiterten Inszenierung; das realisieren diese Menschen natürlich nicht. Was wir mit unserer Performance außerhalb des Theaters erreichen, ist genauso wichtig wie das, was auf der Bühne entsteht. Ich glaube, dass gute Dramaturgie lange, bevor man das Theater betritt, beginnt und noch lange nachhallt.

Hoffen Sie auf, rechnen Sie mit Protesten gegen den „Nathan“?

Ach, wissen Sie, gegen meine „Klatwa“-Inszenierung in Warschau haben bis zu 3000 Leute protestiert. Aber ich erwarte hier nichts dergleichen. Ich erwarte Zuschauer, vor allem junge Zuschauer, die kommen und sehen und sich selbst ein Urteil bilden.

„Nathan“ feiert am 2. September im Ballhof Premiere.

Von Stefan Gohlisch

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