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Kultur Museen setzen immer mehr auf digitale Besucher
Nachrichten Kultur Museen setzen immer mehr auf digitale Besucher
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19:59 14.12.2010
Zwei Avatare, also digitale Stellvertreter echter Personen, beim 3-D-Spaziergang durch die Dresdener Gemäldegalerie. Quelle: HAZ
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Heutzutage ist die Schwelle, über die das Publikum ins Museum kommt, nicht mehr unbedingt aus Stein oder Beton. Wer einen Ausstellungsbesuch plant, blickt nämlich häufig als Erstes ins Internet. Eine übersichtliche Website mit klarer Besucherführung zu Öffnungszeiten oder Preisen ist eine Selbstverständlichkeit. Doch ehrgeizige Ausstellungshäuser begnügen sich nicht damit. Sie bauen ihre Internetauftritte zu regelrechten Onlinefilialen mit virtuellen Museumsrundgängen aus – und bemessen die Effizienz der Museumsarbeit nicht mehr allein an der Zahl der physischen, sondern auch der immateriellen Besucher.

Hannovers Ausstellungshäuser sind noch etwas tastend, was die Ausschöpfung des digital Möglichen anlangt. Wer aber ein jüngeres Publikum gewinnen möchte, wird daran nicht vorbeikommen. Eine vom „Spiegel“ in Auftrag gegebene Studie zu Denk- und Lebensweisen junger Erwachsener und ihrem Mediengebrauch hat ergeben, dass inzwischen mehr als die Hälfte in sozialen Netzwerken („Web 2.0“) wie Facebook, StudiVZ und ähnlichem aktiv sind.

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Im Museum August Kestner wird gerade ein Auftritt in digitalen Social Networks erwogen. Im Sprengel Museum macht sich die junge Kuratorin Isabelle Schwarz um die virtuelle Öffnung verdient. Sie hat in diesem Jahr zu Beginn ihrer Ausstellung „Liebesgeschichten“ einen Twitter-Account eingerichtet. Das Museum sandte Botschaften wie „Führungen für Singles“ oder „Der Katalog ,Liebesgeschichten’ kann bestellt werden“ auf Handys und Computer seiner „Follower“. Kunstverein und Kestnergesellschaft twittern ebenfalls. Die Kestnergesellschaft lud während der vergangenen Fußballweltmeisterschaft via Twitter ein zu „Fußball, Kunst & Barbecue“. Auf Facebook verzeichnete der Kunstverein Hannover bereits mehr als 1000 „Fans“; viele schreiben hier merkwürdigerweise auf Englisch. Neben Fotos stellen Kunstverein und Kestnergesellschaft auch Videos ins Internet, zum Beispiel Interviews mit Künstlern.

Unlängst tauschten sich deutsche Museumsleute in Nürnberg über neue Entwicklungen in der digitalen Museumsarbeit aus. Überschrieben war die Tagung mit „museums and the internet“. Dabei wurde deutlich, dass in vielen Museen und Kunsthallen noch gehörige Skepsis gegenüber virtuellen Kommunikationsweisen herrscht. Gegenüber dem Web 2.0 gibt es bei Museumsleuten zum Teil sogar regelrechte Berührungsängste.

Das gilt bestimmt nicht für das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). In dessen Online-Filiale kann man sich nicht nur bequem durch die Ausstellungsexponate klicken, sondern sich auch in Videos von Kuratoren und Künstlern aktuelle Ausstellungen erklären lassen, mit einem grünen Männchen zum alternativen Museumsrundgang düsen oder eben in diversen Accounts seine Meinung ausbreiten – oder Eigenwerbung betreiben: „Hi, ich bin ein abstrakter Maler aus Buenos Aires. Du kannst meine Bilder auf meiner Facebook-Seite sehen.“

Welcher Ernst hinter den Angeboten steht, geht aus der Feststellung von MoMA-Direktor Glenn D. Lowry hervor, inzwischen stünden einem Drittel tatsächlicher MoMA-Besucher bereits zwei Drittel virtuelle Museumsgäste gegenüber. In Deutschland eifert das Frankfurter Museumsimperium von Max Hollein dem Beispiel nach. Hollein, der im realen Ausstellungsraum auf die „Aura des Originals“ setzt und vor einigen Jahren eine „Polemik gegen die Virtualisierung und Technisierung der Museen“ veröffentlichte, richtete für seine Häuser Accounts bei YouTube, Flickr, Twitter, Facebook, Friendfeed und Lifestream ein.

Ein paar Tausend Facebook-„Fans“ hat die Schirn Kunsthalle inzwischen, Tausende twittern mit Schirn und Städel. Ein selbst produziertes Botticelli-Video auf der Städel-Website wurde 78 000 Mal angesehen. Bei der großen Botticelli-Schau 2009/10 standen 367 000 physische 490 000 virtuellen Besuchern gegenüber. Bei einem in Kooperation mit dem Städel entstandenen Botticelli-Special auf der Website des „Hessischen Rundfunks“ gab es sogar eine Million Zugriffe.

Die Frankfurter Schirn Kunsthalle schaufelt in aufwendiger Arbeit laufend Bilder, Videos und Text in kollaborative digitale Netzwerke. Besonders erfolgreich war sie mit einem Angebot an die Social Web Community, einen virtuellen Filmstreifen kollektiv zu gestalten. Die Reaktion eines digitalen Hobbybastlers klang, als habe man ihm ein Glückshormon injiziert: „hahahaaaaaaaaa das is super hab grad voll viel gemacht.“

Die museale Öffnung für das Web 2.0. ist eine der spannendsten Entwicklungen, seit Kunstwerke in Museen gehängt werden. Institutionen treffen hier zum ersten Mal auf das unbekannte Wesen des Users, erfahren, was dieses denkt, wie es spricht, wie es tickt, welche Vorlieben es besitzt und welche Vorkenntnisse man voraussetzen darf – oder eben nicht.

Zu den digitalen Vorreitern in Deutschland gehört auch die Dresdener Gemäldegalerie. Sie hat schon 2007, als erstes Museum überhaupt, einen virtuellen Museumsspaziergang in der 3-D-Welt Second Life eingerichtet. Allerdings zeigt gerade dieses Beispiel, wie kurzatmig es in der digitalen Galaxie zugeht. Second Life ist längst schon wieder aus der Mode.

Die HAZ hat im Herbst ein digitales Netzwerk für heimische Kulturschaffende eingerichtet. Unter der Internetadresse http://kuenstler.haz.de finden sich neben rund 200 bildenden Künstlern mit ihren Biografien, Adressen und Werkbeispielen auch Musiker, Schauspieler, Kleinkünstler und Vertreter anderer Kultursparten aus Hannover, dem näheren und weiteren Umland. Neuzugänge sind willkommen und können sich direkt über kuenstler.haz.de ins Netzwerk einflechten.

Johanna di Blasi