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Kultur Müssen Stones-Tickets Hunderte Euro kosten, Keith Richards?
Nachrichten Kultur Müssen Stones-Tickets Hunderte Euro kosten, Keith Richards?
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22:00 29.03.2019
Lebende Rockgeschichte und bald wieder auf Tour: Keith Richards. Quelle: Victoria Will/Invision/AP

Mr. Richards, Ihr erstes Soloalbum „Talk Is Cheap“ überrascht beim Wiederhören anlässlich des 30-jährigen Jubiläums. Das remasterte Album klingt frisch und zeitlos. Wie war es für Sie, der Musik wiederzubegegnen?

Stimmt, das Album hat den Test der Zeit wirklich gut überstanden. Genauso wie ich (lacht). Es war schon eine erstaunliche Erfahrung, diese Platte quasi zum zweiten Mal herauszubringen. Es war jetzt nicht so, dass ich sie die ganze Zeit ohne Unterlass gehört hätte. Aber „Talk Is Cheap“ brachte mir die Erinnerungen an diese Zeit zurück. Und ich begriff jetzt erst so richtig, was ich da noch für eine zweite, großartige Band am Laufen hatte.

„Talk Is Cheap“ erschien 26 Jahre nach der Gründung der Rolling Stones. Ihr erstes Soloprojekt. Warum so spät? Haben Sie Soloaktivitäten zuvor als Verrat an den Stones gesehen?

Im Grunde wurde ich regelrecht hineingezwungen. Die Stones arbeiteten 1988 schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Eines Tages bekam ich ein Angebot von Aretha Franklin, den Titelsong zum Film „Jumping Jack Flash“ mit Whoopi Goldberg einzuspielen. Aretha! Dort traf ich den Schlagzeuger Steve Jordan, den mir Rolling-Stones-Drummer Charlie Watts schon mal ans Herz gelegt hatte. Wir arbeiteten dann auch noch bei dem Chuck-Berry-Film „Hail! Hail! Rock ’n’ Roll“ zusammen. Danach sagte er: „Wir sollten was Richtiges zusammen machen“. Und ich sagte: „Yeah!“ (lacht). Und dann suchten wir die X-Pensive Winos zusammen – meinen guten Freund, den Gitarristen Waddy Wachtel, den Keyboarder Ivan Neville, Charley Drayton am Bass. Das waren die „Cats“, mit denen ich plötzlich spielte. Und wie zwanglos das geschah, das erinnerte mich an die frühen Tage der Stones. Ein tolles Bandgefühl mit einem großartigen Haufen von Musikern.

Was war bei den X-Pensive Winos anders als bei den Stones?

Wenn ich mit den Stones unterwegs bin, dann steht Mick vorn an der Bühne, und ich kann bequem in die Songs ein- und ausscheren, wann immer ich will. Das ist mein Gitarristenluxus. Jetzt erkannte ich die besondere Aufgabe des Frontmanns: Du musst immer auf Sendung sein. Ich lernte viel über die Arbeit in einer Band vom anderen, vorderen Ende her, und dadurch bekam ich neuen Respekt vor Micks Job (lacht).

Sie hatten damals zwei kleine Töchter. Gab es für Sie damals auch die Option, sich für ein paar Jahre zurückzuziehen und Ihr Familienleben zu genießen, wie es John Lennon getan hatte?

Die gab es. Aber ich glaube, dass es für mich einfach unmöglich ist, nichts zu tun. Ich muss mit jemanden zusammenspielen, irgendein Projekt haben. Und es hat mich auch eigentlich nicht von den Mädchen und der Familie weggeholt. Denn die habe ich einfach mitgenommen.

Vor Steve Jordan hatten Sie nur gemeinsam mit Mick Jagger Songs geschrieben. War das jetzt ungewohnt?

Das war sehr ähnlich. Ich kam mit einem Riff an – wie bei den Stones. Da spiele ich immer mit einer Auswahl von Ideen. Und wenn Charlie dann zu seinen Stöcken greift und hinter mir zu spielen beginnt und Mick fragt: „Wie soll ich dies und jenes machen?“, dann weiß ich, dass ich etwas gefunden habe, das die Weiterbeschäftigung lohnt. Genauso haben Steve und ich das gemacht. Ein guter Schlagzeuger weiß sofort, ob in einer Idee ein Song steckt. Und Steve ist ein hervorragender Schlagzeuger, fast so gut wie Charlie. Wir wurden sehr schnell sehr gut darin, uns gegenseitig zu befeuern.

Wo kommen Ihnen Songideen?

Songs zu schreiben ist tatsächlich der verrückteste Job der Welt. Du kannst in einem Auto sitzen und plötzlich ist da eine Idee und du schreibst einen Song. Das nächste Mal sitzt du auf dem Klo. Die Inspiration trifft dich an den irrsten Orten. Was aber auch der Spaß daran ist.

Cover des Boxsets von „Talk is Cheap“. Quelle: BMG

Gab es einen Zeitpunkt, an dem Sie dachten, der Aufbruch der Winos sei das Ende der Rolling Stones?

Mit den Stones ist das so eine verrückte Sache: Sie können fünf Jahre weg sein und dann sind sie wieder zurück auf der Bildfläche, als wäre nichts passiert. Aber du weißt auch nie, was passiert, wenn die Leute ihre Flügel ausbreiten. Vielleicht hatte Mick damals ja wirklich ein Filmstar werden wollen. Die Möglichkeit, dass es mit den Stones vorbei war, bestand durchaus. Gleichzeitig hatte ich so ein inneres Gefühl, dass wir wieder zusammenkommen würden, dass alle nur noch auf den richtigen Moment warteten.

Der kam dann ja schnell. Alle dachten, die X-Pensive Winos kämen nach den US-Konzerten auch in Europa auf Tour. Stattdessen wurden im Januar 1989 die Stones wieder lebendig. Würden Sie sagen, dass das Wiedererwachen der Rolling Stones damals die Karriere der Winos unterbrochen hat?

Definitiv. Ich denke, man kann die zwei besten Rock-’n’-Roll-Bands der Welt nicht zur selben Zeit betreiben. Die Musiker bei den Winos wussten das und waren vor ein paar Jahren trotzdem wieder dabei, um mit mir das Album „Crosseyed Heart“ einzuspielen. Sie sind gute Freunde geworden. Wenn sie hören, dass ich was mache, spüren sie mich auf.

Wenn man die Titel der elf Songs auf dem Cover von „Talk Is Cheap“ liest: von „Big Enough“ über „Make No Mistake“ bis „It means a lot“ erscheinen sie wie Botschaften an Mick Jagger.

Ich weiß. Als die Platte draußen war, fragten die Leute: „War das Mick, über den du da geschrieben hast?“. Und ich sagte ihnen: „Als ich die Lieder schrieb – nein! Aber jetzt, wo ich sie mir anhöre – vielleicht“ (lacht).

Hat der Erfolg Ihres Soloalbums etwas an Ihrer Stellung bei den Stones verändert?

Bei den Stones muss ich Songs schreiben, die Mick singen will. Es macht keinen Sinn, einem Sänger ein Lied unterzujubeln, mit dem er nicht zurechtkommt oder das er nicht mag. Aber ich habe das auch nie als ein Kräftemessen begriffen. Ich habe es immer als meine Aufgabe gesehen, die Balance herzustellen zwischen dem, was ich denke, das die Stones tun sollten, und dem, wozu sie fähig sind, was wir tatsächlich erreichen können.

In Ihrer Autobiografie „Life“ haben Sie Mick vor acht Jahren einen „Bruder“ genannt, er sei aber „kein Freund“. Was meinen Sie damit, und hat sich das inzwischen geändert?

In den meisten Zeiten ist er mein Freund. Und meistens bin ich auch seiner. Nur manchmal sind wir über Dinge geradezu gewaltsam anderer Meinung. Das sind dann die Momente, von denen die Leute hören. Und sie vergessen dabei, dass 99 Prozent der Zeit zwischen uns alles perfekt und reibungslos läuft. Ist egal – für Mick und mich ist es nicht schlimm, uns gelegentlich wegen irgendwas in die Wolle zu kriegen.

22 Jahre lang hörte man gar nichts mehr von den X-Pensive Winos, dann erschien 2015 überraschend das Album „Crosseyed Heart“.

Es war wieder so eine Zeit, in der die Stones nicht gearbeitet haben, damals, in den frühen Zeiten dieses Jahrhunderts. Diesmal kam Steve Jordan auf mich zu. Ich hatte ein paar Songs, er zog mich ins Studio. Ich war gerade durch mit dem Biografieschreiben. Und das war ziemlich erschöpfend gewesen – es ist doch ganz schön ruppig, sein Leben zweimal zu durchleben. So klopften wir bei den Studios an, und langsam entstand „Crosseyed Heart“.

Von den Stones gab es zuletzt auch nur noch ein Album pro Jahrzehnt. Das ist ziemlich wenig für die größte Rock-’n’-Roll-Band der Welt.

Ich glaube, das ist hauptsächlich, weil wir auch die älteste Rock’n’Roll-Band der Welt sind (lacht). Deswegen brauchen wir viel Zeit.

Keith Richards, Ronnie Wood und im Hintergrund Mick Jagger: Die Stones im Jahr 2018 bei einem Konzert im Olympiastadion in Berlin. Quelle: Hayoung Jeon/EPA/Shutterstock

Das Bluesalbum „Blue & Lonesome“ von 2016 nahm doch nur drei Studiotage in Anspruch und war fantastisch. Man könnte doch alle ein, zwei Jahre drei Tage für weitere Stones-Platten mit Bluesklassikern opfern.

Das ist wahr. Wir waren sehr glücklich mit dem Bluesalbum. Wir haben auch schon die Idee einer „Volume 2“ bei uns herumgeschubst. Und ich würde auch nicht sagen, dass es nie ein zweites Bluesalbum geben wird, denn der Blues ist unsere zweite Natur. Aber wir sind immer noch die Stones und wollen nächstes Mal auch neues, eigenes Zeug veröffentlichen. Mick und ich arbeiten viel an neuen Songs, wenn wir „on the road“ sind. Was demnächst wieder der Fall sein wird. Ich hoffe, dass es Ende des Jahres ein neues Album von uns geben wird.

Warum beschränken sich die Stones bei einem solchen Berg von Songs live eigentlich immer auf dieselben Klassiker? Warum müssen so viele starke Songs von „Child of the Moon“ bis „Jump on Top of Me“ möglicherweise für immer ungespielt bleiben?

Frag Mick (lacht). Wir haben zuletzt „She’s a Rainbow“ reingenommen. Und haben uns an „2000 Lightyears From Home“ versucht. Ich habe es bei der letzten Tour fast geschafft, Mick zu „Cry to Me“ zu überreden, den alten Solomon-Burke-Song. Daran arbeite ich noch, er hat das gut hingekriegt. Wir sind offen für Empfehlungen.

Müssen Stones-Konzerttickets eigentlich Hunderte Euro kosten? Für Geringverdiener ist es kaum möglich, mit der Familie zum Konzert zu gehen.

Ich habe mit diesem Geschäftsbereich des Tourens wenig zu tun. Aber wenn ich so was höre, dann versuche ich, etwas dagegen zu unternehmen. Das ist schon lächerlich. Wenn ich Fragen wie Ihre höre, werde ich selbst auch einige Fragen stellen.

Was ist das für Sie – eine Band? Ist eine Band wie ein Kind?

Eine Band ist ein Zuhause. Die Band ist im Wesentlichen mein Leben. Und ich bin immer noch fasziniert, wenn Musiker zusammenspielen. Und ich hatte da extremes Glück mit Charlie, Ronnie und Mick, nicht zu vergessen Bill Wyman, der ein hervorragender Bassist ist, und mit Ian Stewart, unserem verstorbenen Pianisten.

Rock ’n’ Roll war eine weltvereinende Kraft. Heutzutage betreiben politische Populisten wieder Spaltung und Nationalismus, und sie spielen auf ihren Wahlveranstaltungen dazu Stones-Songs.

Das sehe ich mit gemischten Gefühlen. Wir haben Donald Trump unser Missvergnügen zum Ausdruck gebracht, dass er „You Can’t Always Get What You Want“ benutzt hat. Aber Tatsache ist: Sobald ein Song zur Welt gekommen und getauft ist, ist er jedermanns Baby. Manches davon ist enttäuschend. Aber das macht ein Songwriter eben. Er bringt Songs raus – auf Gedeih und Verderb.

Stellen Sie sich manchmal vor, was mit der Rockmusik passiert wäre, wenn Sie und Mick sich nicht getroffen hätten, damals im Oktober 1961?

Das wäre wohl ein Albtraum geworden (lacht).

Glauben Sie, dass da eine höhere Macht ihre Hand im Spiel hatte?

Es gibt schon Zeiten, da denke ich darüber nach, woher ich gekommen bin, und was alles passiert ist. Und da sage ich mir: Ich bin eindeutig „berührt“ worden – nur ob von Gott oder vom Teufel, das weiß ich nicht so genau.

Francis Rossi von Status Quo sagte vor zwei Jahren, er wolle nur noch Akustikgitarren spielen, weil ihm die elek­trischen Rückenschmerzen bereiteten. Er ist fünfeinhalb Jahre jünger als Sie. Schmerzt Ihr Rücken auch?

Noch nicht (lacht).

Vor Kurzem sprach auf einer hannoverschen Bühne der deutsche Sänger Heinz Rudolf Kunze über unvorstellbare Zukunftsdinge – unter anderem war ihm eine Zukunft ohne Rolling Stones unvorstellbar.

Da stimme ich vollkommen mit ihm überein. Sagen Sie ihm Grüße – ich preise ihn für diese Empfindung.

Es gibt einen Popmythos, der besagt, dass, wenn die Stones ihre Gitarren niederlegen, die Musik stirbt und die Welt endet. So müssen Sie weiterspielen, Mr. Richards, für immer und ewig.

Ich weiß das. Ich bin förmlich dazu gezwungen (lacht).

Zur Person: Keith Richards

Keith Richards (75) ist lebende Rockgeschichte. Am 17. Oktober 1961 traf der damals 16-jährige Kunstschüler und Bluesfan am Bahnhof von Dartford einen ehemaligen Nachbarsjungen wieder – Michael Jagger, der Platten von Chuck Berry und Muddy Waters dabei hatte. Über den Blues begann eine tiefe, zuweilen schwierige Freundschaft. Im Jahr darauf wurden die Rolling Stones gegründet. Wo andere Bands sich irgendwann trennten oder in Bedeutungslosigkeit versanken, blieben die Stones zusammen und erfolgreich.

Richards, Vater von vier Kindern, ist seit 1983 mit dem Fotomodel Patti Hansen (63) verheiratet, mit der er zwei Töchter, Theodora (34) und Alexandra (32) hat. Der Gitarrist lebt vorwiegend auf seinem Anwesen im US-Bundesstaat Connecticut. Mit den Rolling Stones startet Richards am 24. April zu einer 15-Städte-Tour durch die USA. Von seinem ersten Solowerk „Talk Is Cheap“ mit den X-Pensive Winos liegen seit Freitag Jubiläumseditionen in diversen Formaten vor. Juwel ist das Super-Deluxe-Boxset mit CD, Vinyl mit sechs Bonustracks, Singles und einem 80-seitigen Buch zur Entstehungsgeschichte des Albums.

Von Matthias Halbig

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