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Kultur Mittelalter 2.0: Die "Wanderhure" ist zurück
Nachrichten Kultur Mittelalter 2.0: Die "Wanderhure" ist zurück
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12:40 26.02.2012
DIE FRAU; DIE DAS SCHWERT HAT: Marie (Alexandra Neldel) will im zweiten "Wanderhuren"-Film ihren Liebsten zurück.
DIE FRAU; DIE DAS SCHWERT HAT: Marie (Alexandra Neldel) will im zweiten "Wanderhuren"-Film ihren Liebsten zurück.
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Hannover

VON GARMIN WENDT

Fast zehn Millionen schalteten ein, als im Oktober die „Wanderhure“ gezeigt wurde – ein Marktanteil von 32 Prozent. Nie zuvor hatte ein deutscher Fernsehfilm eine solche Quote erreicht. Dass es eine Fortsetzung geben muss, war wohl schnell ausgemachte Sache, am Dienstag läuft „Die Rache der Wanderhure“ auf Sat.1.

Aber auch die mittlerweile sechs „Wanderhuren“-Romane von Iny Lorentz, die in Wirklichkeit ein Autorenehepaar ist, waren allesamt Bestseller. Die Reihe – der Verlag Droemer Knaur spricht von einer Saga – verkaufte sich bis dato über vier Millionen Mal.

Was fasziniert die Menschen am düsteren Zeitalter, aus dem es vergleichsweise wenig historische Fakten gibt? Für Jörg Kastner, freier Schriftsteller aus Hannover, ist es gerade diese Ungenauigkeit, die die Epoche für Geschichten so interessant macht. Das gebe viel Raum für die Fantasie: „Vieles ist unklar, so gehen die Geschichten oft ins märchenhaft Romantische.“ Ritter, Prinzessinnen, Abenteuer – auch die alten Märchen finden schließlich in mittelalterlichen Welten statt. Die historische Genauigkeit wird dabei oft zur Nebensache: „Viele Autoren sind erfolgreich, obwohl sie nicht historisch korrekt schreiben“, sagt Kastner, der selbst historische Romane schreibt, „das ist keine Vorbedingung für den Erfolg eines Buches.“

Wichtigste Zutaten für einen erfolgreichen Mittelalter- Roman sind Liebe und Leidenschaft, weiß Kastner. Und: „Viele Belletristik-Verlage wollen Frauen in der Hauptrolle.“ Die Frau sei dabei meistens so emanzipiert wie die Frauen heute – damals eigentlich ungewöhnlich. Aber für die moderne Frau gebe es so einen hohen Identifikationsfaktor: „Man kann sich hineinträumen in diese Selbstbehauptungsgeschichten mit dem märchenhaften Umfeld.“ Ein Happy End gebe es natürlich auch fast immer, interessanterweise finde das häufig in den starken Armen eines Mannes statt: „Dabei wird der Emanzipationsgedanke ja eigentlich wieder umgekehrt.“

Kein Wunder also, dass die „Wanderhure“ so erfolgreich ist. Der jungen Marie wird übel mitgespielt, aber sie erkämpft sich ihren Platz in der Gesellschaft und findet zurück zu ihrer Liebe Michel. „Die Iny-Lorentz-Autoren haben das Genre mitbegründet, sie wa-ren Vorreiter“, sagt Jörg Kastner – und gönnt ihnen den Erfolg: „Die stecken schon sehr viel Arbeit in ihre Romane.“

„Die Rache der Wanderhure“: Teil 2 mit Stars und viel Action

Nun also „Die Rache der Wanderhure“. Glückliches Familienleben auf Burg Hohenstein anno 1427, bis der Mann der Titelheldin Marie (Alexandra Neldel) in den Krieg zieht, das Gedächtnis verliert und zurückzuholen ist. Das ist eine Aufgabe für gestandene Wanderhuren, denn dazu muss viel gewandert werden. Und wer sich Marie dabei in den Weg stellt oder gar herumhuren möchte, der wird mit der großen Klinge rasiert. Ein übler Großinquisitor ist der Kämpin auf den Fersen, der kriegt vorm Happy End (nur für die Guten erhältlich) auch sein finales Fett. Starpower: Götz Otto, Esther Schweins ...
Der Film ist aufwendig, sieht gut aus, ist aber Historie light. Dem Regisseur Hansjörg Thurn gehts um Action und „kreativ künstlerische Echtheit“. So sprechen Ritter, Tod und Wanderhure sehr heutig, und verhalten wird sich zuweilen auch modern. Die unzeitgemäß selbstbewusste Frau des Kastellans etwa fordert Bildung für ihre Tochter, sie soll keine dumme Frau für dumme Männer werden. Beim Ehezwist geht sie freilich mittelalterlichst mit dem Schwert auf Männe los. Fehlt noch eine Beatkapelle, die im Hintergrund „Ja  so warn’s, die oid’n Rittersleut!“ singt.
Der Film basiert auf dem Buch „Die Kastellanin“ von Iny Lorentz, die Geschichte nahm im Drehbuch aber eine andere Wendung, woraus jetzt wiederum ein neuer Roman wurde, der „Die Rache der Wanderhure“ heißt. Schon jetzt ist  „Die Rache der Wanderhure“, Di., 28. 2, 20.15 Uhr, Sat.1 (ab 29. 2. auf DVD).

Bewertung: 3/5

Interview

Stefan Krankenhagen ist Professor für Populäre Kultur an der Uni Hildesheim.
Was fasziniert die Menschen am Mittelalter?

Es gibt eine allgemeine Faszination für Geschichte. Das Mittelalter ist dabei ein deutsches Phänomen. Es wird als
heile Welt wahrgenommen, obwohl das natürlich so nicht stimmt. Die Gesellschaft ist geordnet in einem festen Ständesystem – Arme, Adel, Klerus, Bürgertum –, das ist überschaubar und nicht so ausdifferenziert wie heute.

Sehnen sich die Menschen nach einfachen Strukturen?

Ja. Heute ist man konstant damit überfordert, ein zusammenhängendes Weltbild zu formulieren. Jeder scheitert daran. Die Welt weiß  einfach zu viel über sich.

Die Darstellung ist aber doch nicht realistisch?

Es geht eher um die Inszenierung einer Vorstellung des Mittelalters, die genügend Raum lässt zum Unterhalten. gw