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Kultur Mit Sweety Glitter zurück in Glamrock-Zeiten
Nachrichten Kultur Mit Sweety Glitter zurück in Glamrock-Zeiten
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15:11 10.02.2019
Bestes Entertainment: Sweety Glitter and the Sweethearts im Capitol. Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

Die Lüge hat einen schlechten Ruf. Aber seien wir mal ehrlich: Was wären wir ohne sie, ohne all die kleinen Lügen des Alltags, die das Leben so viel erträglicher machen? Das gilt umso mehr für die Unterhaltungsindustrie, die uns doch bitteschön gelegentlich von den vielen schrecklichen Wahrheiten unserer Zeit ablenken soll. Insofern ist es amüsant, wenn gerade Volker Petersen. Sänger von Sweety Glitter & The Sweethearts, über das eigene Schaffen sagt: „Rock’n Roll bedeutet, andere und sich selbst nicht zu belügen“.

Gleichzeitig zwängen sich Petersen, so etwas wie der Kopf der Braunschweiger Party-Institution Sweety Glitter, und seine Bandkollegen seit 30 Jahren in Fantasiekostüme und bunte Perücken und spielen dem Publikum im doppelten Sinne etwas vor. Und das ist gut so.

Denn schließlich will man gar nicht unbedingt wissen, welche alltäglichen Sorgen die fünf Herren auf der Bühne umtreiben mögen. Sondern: das Gefühl einer vergangenen Jugend noch einmal aufleben lassen, den eigenen Alltag für kurze Zeit vergessen, eine Party feiern. Und das gelingt mit Sweety Glitter bestens, die Hit auf Hit folgen lassen, „Don’t bring me down“ von ELO, „Blockbuster“, „Ballroom Blitz“ oder „Love is like Oxygen“ von The Sweet, „Black Betty“, „A Glass of Champagne“, „My Sharona“... die Liste ist lang.

„I do the rock“ singt Petersen den gleichnamigen Hit von Tim Curry wie ein Glaubensbekenntnis und demonstriert anschaulich, was das für ihn im Wesentlichen bedeutet: fortwährendes Kreisen des Beckenbereichs. Für die höheren Töne, zum Beispiel bei Slades „Cum on feel the Noize“, übernimmt Keyboarder Stephan Kabisch das Mikro.

Das Publikum im ordentlich gefüllten Capitol singt die meiste Zeit nach Kräften mit, fast zweieinhalb Stunden lang. Es ist bisweilen erstaunlich, wie geschickt die Musiker viele Stücke in ihr glamrockiges Soundgewand überführen und dabei das Gefühl vermitteln, die Songs haben schon immer so geklungen. Lediglich Stevie Wonders „Superstition“ und „Play that funky music white boy“ wirken irgendwie leicht fehl am Platz.

Ansonsten ist die Show absolut stimmig, von den strassbewehrten Klamotten bis zum absurd langen Schlagzeugsolo, wie ein Musical über die 70er, bei dem man dankenswerterweise die überflüssige Handlung gleich ganz weggekürzt hat.

Die eingestreuten eigenen Songs mögen das Gema-Konto erfreuen, zum Abend tragen sie weniger bei, weisen die Musiker eher als Handwerker denn als Künstler aus. Allerdings ist es vielleicht auch kein Wunder, dass neben den größten Hits einer Dekade jede Neukomposition wie eine B-Seite klingt.

Und solides Handwerk kann ausgezeichnetes Entertainment sein, wie Sweety Glitter an diesem Abend bewiesen haben. Ungelogen.

Von Matthias Wieland

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