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Kultur Mit Hannah Arendt und den Wölfen heulen
Nachrichten Kultur Mit Hannah Arendt und den Wölfen heulen
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16:06 28.10.2019
Mit den Wölfen heulen: Szene aus „Hannah Arendt auf der Bühne“. Quelle: Ines Heinen
Hannover

Es heulen die Wölfe, ein Plüschtier-Fuchs spricht, und eine Person gibt es gleich doppelt. All dies passiert im prämierten Theaterstück „Hannah Arendt auf der Bühne“ vom renommierten Agora-Theater aus Belgien.

Die einstündige Inszenierung von Ania Michaelis, die mit Felix Ensslin das Stück frei nach dem gleichnamigen Buch von Marion Muller Colard geschrieben hat, fand im Rahmen der 22. Hannah-Arendt-Tage der Landeshauptstadt Hannover im großen Saal der Theaterwerkstatt im Kulturzentrum Pavillon statt.

Die historische Katastrophe

Das Theaterstück richtet sich an Schüler und Schülerinnen der Klassen 6 bis 10 wie auch an Erwachsene. Es ist eine sensible Begegnung mit Arendt, bei der mittels eindrucksvollem Schauspiel ihr Lebensweg und ihr Denken nachgezeichnet wird – in Verbindung mit Wolfsmasken, Requisiten, Live-Musik und -Sounds und Bild-Einblendungen. Wobei auch die historische Katastrophe, die Arendt als Jüdin zwang, vor den Nationalsozialisten aus Deutschland in das Exil nach Paris und New York zu fliehen, feinfühlig in Szene gesetzt wird.

Ausgangspunkt ist der letzte Lebenstag von Arendt (gespielt von Karen Bentfeld), der 4. Dezember 1975. Sie sitzt arbeitend an ihrem Schreibtisch in New York, als plötzlich, wie durch Magie, ein kleines Mädchen (Galia De Backer) bei ihr auftaucht, dass sich ihr auch als „Hannah“ vorstellt.

Zögerlich lässt sich die ältere Hannah auf die junge Hannah ein, stellt ihrem Gast ihr Vorbild Aristoteles vor, spricht über die Bedeutung von Worten: „Sie sind das Mittel, um zu urteilen, um immer wieder neu anzufangen, um eine Welt zu schaffen, in der es sich zu leben lohnt – auch und erst recht angesichts finsterer Zeiten.“

Der Wolf auf der Agora

Dann geht sie mit dem Mädchen ins Theater und durch weitere Stationen ihres Lebens. Zeigt ihr die Agora (den Marktplatz der freien Meinungsäußerung), „das lebendige Herz der Demokratie“, im Zentrum des Stadtstaats der alten Griechen. Dann taucht der Wolf (Roland Schumacher) auf, der die Freiheit bedroht, die Macht und das Unrecht verkörpert.

Und besorgt erfahren beide Hannahs die unpolitische Haltung des Fuchses, der sich am liebsten in seinen Bau zurückzieht – was ihn letztlich aber auch nicht vor dem Kontakt mit dem Wolf schützt. Später wird der Fuchs (bewegt und gesprochen von Galia De Backer) sagen, er konnte ja nichts machen ... Dem Wolf stellen sich die beiden Hannahs entgegen: „Wir sind praktische Denkerinnen und keine, die sich in ihrem Bau verkriechen.“

Haltung ist möglich – „immer!“

Die Inszenierung bricht immer wieder, überschaubar, die Erzähl-Ebenen auf; die SchauspielerInnen schlüpfen in weitere Rollen: Biographisches wird vorgetragen, Bilder werden eingeblendet, und Abbas „Money, Money, Money“-Hit wird gesungen. Der Wolf taucht immer wieder auf, hat Gefolgsleute – fünf Menschen mit Wolfsmasken, die direkt ins Publikum schauen – sie sind jene, die sich mit dem Unterdrückungssystem arrangieren. Und dann geht es um Haltung – und dass es, trotz Übermacht und Gefahr, doch die Möglichkeit gibt, zu handeln – „immer!“

Spannungsvolles, fesselndes Theater. Nach einer Stunde mehrere Minuten langer, kräftiger Applaus.

Mehr über das Theater-Programm des Pavillonlesen Sie hier.

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