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Kultur Mina Salehpour inszeniert Fitzgeralds „Benjamin Button“
Nachrichten Kultur Mina Salehpour inszeniert Fitzgeralds „Benjamin Button“
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18:19 04.01.2019
Poetin im Regiestuhl: Mina Salehpour inszeniert Fitzgerald. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Ein Mann wird als Greis geboren und stirbt als Säugling – diese Geschichte erzählt F. Scott Fitzgerald in seiner Geschichte „Der seltsame Fall des Benjamin Button“. Mina Salehpour (33) inszeniert den Stoff, der 2008 sehr frei von David Fincher verfilmt wurde, im Ballhof Eins. Ein Interview.

Welcher „Benjamin Button“ erwartet einen bei Ihnen? Fincher, Fitzgerald, Salehpour?

Auf keinen Fall Fincher. Das denken alle und fragen sich: Wie machen die das? Mit Masken und so? Nein, wir sehen Fitzgeralds „Benjamin Button“, mit anderen Texten von Fitzgerald.

Es gibt also nicht die eine große dramatische Liebesgeschichte darin wie im Film?

Wir haben mehrere dramatische Liebesgeschichten, aber eben aus anderen Fitzgerald-Texten.

Und wir werden auch keinen Brad Pitt als Benjamin Button sehen?

Es gibt eine große Überraschung, und zwar wird Brad Pitt bei der Premiere... nicht anwesend sein.

Was hat Sie an der Geschichte interessiert?

Bei „Extrem laut ...“ sagt die eine Figur, Mister Black, dass er so extrem alt ist, dass er die Schwester von „Scotty“ Fitzgerald gedatet hat. Und da dachte ich: Meint er den Autor? Und habe ein bisschen geguckt und gedacht, das ist ja ein interessanter Typ. Und ich mag die Kurzgeschichte so sehr und die Idee, dass einer rückwärts altert. Benjamin Button ist einfach eine sehr theatrale Figur.

Inwiefern?

Er ist eine sehr andere Figur, der die Szenerie betritt, und alle anderen spiegeln sich in ihm.

Sie erzählen die Geschichte chronologisch?

Ja, wir sehen ihn von der Geburt bis zum Tod.

Und Sie wechseln die Darsteller?

Ja, Thomas Neumann beginnt und Lisa Arnold hört auf. Allein diesen Satz zu sagen, ist doch toll. Johanna Bantzer und Daniel Nerlich spielen ihn auch und ganz viele andere Figuren, auch dazuerfundene.

Was mögen Sie an der Fincher-Version nicht?

Ich mag den Fincher. Er hat ja auch viel mehr aus dieser kurzen Geschichte gemacht, als sie ist. Ich habe den Film sehr gerne gesehen. Aber es ist einfach kein Theater. Fincher erzählt mit filmischen Mitteln eine filmische Geschichte. Mich interessiert etwas Anderes. „Der seltsame Fall“ – im Original heißt es „curious“, neugierig machend. Und genau das zu untersuchen, interessiert mich: Was macht mich an dieser Geschichte neugierig? Um dann am Ende festzustellen: Eigentlich hat er gelebt wie jeder andere.

Wer sehr alt wird, wird am Ende sowieso hilflos wie ein kleines Kind.

Das ist auch Thema – nicht bei Fitzgerald, aber bei uns. Dann muss man halt wieder getragen werden, vom eigenen Sohn.

Da sind wir ja fast bei „Honig im Kopf“ ...

Nein. Natürlich hat dieser Film auch seine Berechtigung. Aber wie immer weigere ich mich, die Realität auf der Bühne zu zeigen. Ich gehe nicht in Konkurrenz, sondern wähle eine Parabel. Wie werden wir, wenn wir die Eltern unserer Eltern werden? Ich finde, das ist auch ein gutes Thema für unsere Abschiedsarbeit hier in Hannover. Wenn wir das letzte Black machen, war’s das. Zehn Jahre ... Das wird auch hart.

Da Sie von einer Parabel sprachen – wofür steht die hier?

Es geht um: das Leben. Und natürlich um Begegnungen. Um den Anfang und das Ende. Es gibt einen Satz darin: „Denn wenn mein Leben rückwärts läuft, dann kann ich jederzeit von vorne beginnen.“ Ein Logiker würde sagen: „Was für ein Schwachsinn! Das ergibt gar keinen Sinn.“ Und ein Poet würde sagen: „Herrlich!“

Und im Theater ergibt es Sinn?

Ja, das hat auch etwas mit uns zu tun. Denn wenn das hier endet, kann ich jederzeit von Neuem beginnen. Jedes Mal, wenn der Vorhang fällt. Eigentlich ist es auch eine kleine kitschige Hommage ans Theater.

Was haben Sie gemocht am Theater hier?

Ich finde, dass das Schauspielhaus Hannover eines der spielerisch stärksten und inspirierendsten Ensembles hat, die ich kenne. Es herrscht zwar aber sehr familiäre Atmosphäre, dennoch ist das hier kein Ponyhof – wenn man sich hier zum Arbeiten trifft, dann wird auch gearbeitet. Der Meinung sind auch viele meiner Kollegen und Kolleginnen, die hier arbeiten. Ich finde die Entscheidungen der Leitung, wie sich dieses Haus aufstellt, was hier gespielt wird, wer hier arbeitet, grandios. Ich finde die Arbeit aller Abteilungen bemerkenswert gut. Und man muss auch sagen, dass das Publikum in diesen zehn Jahren viel mitgegangen ist.

Viele Zuschauer mussten es aber auch erst lernen.

Ja, aber sie haben es sich selber beigebracht. Das mussten wir nicht tun. Und das ist eine Leistung der Zuschauer.

Für Sie schließt sich auch ein Kapitel. Ihre Karriere ist stark mit Hannover verbunden. Rückkehr ausgeschlossen?

Erstmal ja. Ich muss erst einmal gehen. Ich kann nicht hierherkommen, andere Leute inszenieren und so tun, als wär’ nichts. Es ist völlig in Ordnung, dass es so ist, wie es ist. Wenn die neue Intendantin ankommt, wird sie ihre eigenen Leute mitbringen und ihre eigene Handschrift. Das ist absolut richtig so. Für mich geht meine künstlerische Heimat hier vorbei. das gibt einem aber auch die Chance zu suchen. Und meine Arbeit in Dresden ist sowieso kontinuierlich.

Was war Ihre liebste eigene Inszenierung hier? Oder ist das, als würde ich nach dem Lieblingskind fragen?

Nein, das ist es nicht. Am besten gefallen hat mir „Alles ist erleuchtet“. Das ist, glaube ich, die beste Arbeit, die ich je gemacht habe. Es ist aber auch eine krasse Vorlage. Aber: Ich mache demnächst meine 40. Regiearbeit, und die Inszenierungen in Hannover sind in meinem persönlichen Ranking ganz weit oben, selbst Sachen wie „Fatima“ oder „Monster“, „Peter Pan“ die schon lange zurückliegen.

War es Ihr Bedürfnis, jetzt mit dem „Benjamin Button“ wieder eine kleine Bühne mit kleinem Besteck zu bespielen?

Nein, man hat mir nur die kleine angeboten. Warum auch immer! Ich war auch beleidigt!!! (lacht herzlich) Nein, es ist eine schöne Bühne, dort war ich noch nicht, und das Bühnenbild ist fantastisch. Es ist funktioniert so gut, ist ganz einfach, aber herrlich. Und die kleine Besetzung ist der kleinen Geschichte geschuldet. Und weil ich es mag, Mehrfachbesetzungen zu haben.

Da es am Jungen Schauspiel läuft: Was für Schülern empfehlen Sie die Inszenierung?

Es ist nichts für Schüler. Es ist etwas für Menschen. DEN Schüler gibt es auch nicht. Manche gehen oft ins Theater, andere interessieren sich eher für „Mario Kart“ – da wäre ich übrigens auch dabei. Manche mögen beides. Es ist kein Jugendstück, sondern ein Menschenstück. Es erzählt keine Coming-of-Age-Story. Wobei: Es erzählt sogar die Coming-of-Age-Story. Ich glaube, dass man als Mensch, der ein höheres Alter auf dem Papier stehen hat, genauso etwas haben kann wie ein 14-Jähriger. Ist doch Theater. Da muss man nur hingucken. Dann sieht man schon etwas.

Mehr über die Inszenierung finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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