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Kultur Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“
Nachrichten Kultur Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“
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20:07 09.02.2010
Von Martina Sulner
Autor mit Seeblick: Martin Walser. Quelle: dpa
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Auch so kann man mit dem Altern umgehen: Augustus Finli hat einfach aufgehört zu zählen. „Ich bin dreiundsechzig. Seit Längerem ... Ich glaube nicht an Zahlen.“

Der Icherzähler in Martin Walser Novelle „Mein Jenseits“, die heute erscheint, leitet eine psychiatrische Landesklinik in der Nähe des Bodensees. Mit Absonderlichkeiten und Verrücktheiten kennt er sich also aus. Und er weiß auch, dass man ihn selber für verschroben hält. „Der alte Knabe“ nennt ihn der Ärztliche Direktor der Klinik, der sein Konkurrent ist: Dieser Dr. Bruderhofer ist scharf auf den Chefposten – und ist, was schwerer wiegt, mit Finlis großer Liebe Eva Maria verheiratet.

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Dennoch schickt Eva Maria dem alten Direktor regelmäßig Postkarten. Noch immer liebe sie nur ihn, schreibt sie. Kann man das glauben? Augustus Finli macht es, denn er ist der festen Überzeugung: Wenn man etwas glaubt, dann ist es auch tatsächlich wahr.

Erschienen ist Walsers Novelle nicht im Rowohlt Verlag, wo er seit seinem Weggang von Suhrkamp veröffentlicht und wo im März ein neuer Band mit Tagebuchaufzeichnungen herauskommt, sondern bei der kleinen Berlin University Press. Das ist der Verlag, den Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, quasi nebenberuflich leitet.

83 Jahre wird Walser im März. „Mein Jenseits“ kreist so klar um die Themen Glaube, Liebe, Tod wie keiner seiner zahlreichen Texte zuvor. Rund 50 Bücher – Romane, Aufsätze, Erzählungen und Stücke – hat der berühmte Autor vom Bodensee seit Anfang der fünfziger Jahre geschrieben. Er hat gesellschaftliche Stimmungen der jeweiligen Zeit ebenso gekonnt gespiegelt wie mit umstrittenen Romanen, etwa „Tod eines Kritikers“, Feuilletondebatten angestoßen. Und hat manche Leser in den vergangenen Jahren mit Romanen ermüdet, in denen alte Herren etwas mit deutlich jüngeren Frauen hatten.

Jetzt also die Frage nach dem Jenseits. Augustus Finli ist ein einsamer, nicht gerade sympathischer Mann, tagsüber ist er mit seiner Klinik beschäftigt, abends packt ihn das Gefühl der Einsamkeit, eine „Leere mit Goldrand“. Immer stärker wird Finli zu einem Glaubenden – aus Verzweiflung: „Egal, ob es Gott gibt oder nicht, ich brauche ihn.“

Was für eine Gottesvorstellung der Mann hat, teilt er dem Leser nicht mit, wohl aber seine persönliche Methode, zu beweisen, dass Glaube Wahrheit schafft. Aus der Kirche klaut der Mann eine Reliquie: ein Kreuz, in dem sich einige Blutstropfen Jesus Christi befinden sollen. Finli, wiewohl eher Träumer als Rationalist, ist nicht davon überzeugt, dass das Blut echt ist. Aber wenn man es wider besseren Wissens doch glaube, mache gerade das die Reliquie zu einem unvergänglichen Schatz. Behauptet er.

Ob der Klinikdirektor mehr als nur wunderlich – nämlich: gestört – ist, bleibt unklar. Auf jeden Fall gibt sich der passionierte Reliquienforscher mitteilsam, was sein Hobby angeht – die länglichen Erläuterungen über Heiligengebeine und Christi Blutstropfen lesen sich ziemlich anstrengend. Allerdings: Vorbehaltlos sollte man diesem Icherzähler nicht trauen. Was er etwas wirr und in manchmal schiefen Metaphern, aber stets heiter und ohne eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem nahenden Tod berichtet, könnte schlicht seiner Phantasie entspringen.

Doch was ist schon Wahrheit, was schert den Icherzähler gar die Lehre der katholischen Kirche? Finli hat sich irgendwann entschieden zu glauben. Denn: „Glauben heißt, die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist.“ Er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Und das Altern dadurch erträglicher. 







Martin Walser:
 „Mein Jenseits“.
 Berlin University Press.
 119 Seiten,
 19,90 Euro.