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Kultur "Man schunkelt in den Tod"
Nachrichten Kultur "Man schunkelt in den Tod"
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18:45 28.10.2009
Von Stefan Arndt
Künden fröhlich vom Ende: Komponist Harald Weiss (links) und Knabenchorleiter Jörg Breiding.
Künden fröhlich vom Ende: Komponist Harald Weiss (links) und Knabenchorleiter Jörg Breiding. Quelle: Kleinschmidt
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Er hat extra seinen langen schwarzen Mantel mitgebracht und den dunklen Schal. Fürs Foto. Schließlich hat Harald Weiss sein neues Stück „Requiem“ genannt wie die liturgische Totenmesse, da passt etwas Düsteres ja nicht schlecht. Allerdings sieht es eher so aus, als habe sich das vorsichtige Lächeln, das er im Gespräch so gerne zeigt, bereits dauerhaft im Gesicht des 60-jährigen Komponisten eingerichtet. Dazu die jungenhaft verstrubbelten Haare, die sonnengebräunte Haut, die leuchtenden Augen: Der ganze Mann strahlt eine sommerliche Frische aus, die in einem seltsamen Kontrast zu seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema Tod steht.

Oder kommt das eine gerade vom anderen? „Ich hätte so ein Stück nicht als Student komponieren können“, sagt er, „da muss sich schon einiges an Lebenserfahrung angesammelt haben.“ Der Tod, da ist sich Weiss inzwischen sicher, ist nichts Schreckliches. Darum sei auch nichts dabei, wenn der Knabenchor, der mit Unterstützung der Stiftung Niedersachsen ein Werk bei dem Komponisten bestellt hat, ausgerechnet ein Requiem bekomme. Im Gegenteil: Der schwerelos leicht, vibratoarme Klang eines Knabenchors passe gut zur Stimmung der Musik. „Am Schluss wechselt das Stück in einen Dreiertakt. Man wird förmlich weggetragen: Man schunkelt in den Tod. Es ist sehr schön.“

Bei allen positiven Erfahrungen wirkt Weiss jedoch fern von jeder Todessehnsucht. Gleich „meterweise“ habe er Bücher über Nahtoderfahrungen gelesen, über den Tunnel und das weiße Licht, über das Gefühl des Friedens. „Der Tod interessiert mich vor allem als Mysterium: Was kommt danach?“, sagt er. Die Suche hat den vielseitigen Künstler, der seine Musik sonst oft theatralisch inszeniert (wie in seinen auch in Hannover gespielten Opern „Amandas Traum“ und „Das Gespenst“) oder sogar ganz von Theater oder Film überlagern lässt (wie in seinem Expo-Projekt „Reise in die Nacht“), auf den reinen Klang zurückgeworfen: „Ich glaube, die Musik hat als einziges Medium die Kraft zum Ausdruck zu bringen, was danach kommt“, sagt Weiss. Es klingt wie eine Offenbarung.

Ob ihm das mit seinem eigenen Werk gelungen ist, weiß er allerdings nicht. Auf das „Requiem“, das eine Überarbeitung und Erweiterung des im Frühjahr uraufgeführten „Bremer Requiems“ ist, setzt er aber einige Hoffnung: „Vorhin bei einer Probe mit den Knaben habe ich es einmal gespürt: Dass die Musik einen packt und anrührt. Wenn das Stück tatsächlich ein oder zwei solcher Momente hat, dann bin ich glücklich.“

Ob es gelingt, die Zuhörer bei der Uraufführung am Sonnabend zu rühren, liegt auch in der Hand von Jörg Breiding. Der Leiter des Knabenchors ist zuversichtlich, dass das Stück ein Erfolg wird. „Wir sind punktgenau vorbereitet, und es gehört zu den Besonderheiten dieses Chores, dass er bei einer Aufführung noch einmal besser singt als in den Proben“, sagt er. Trotzdem ist er sich seiner Verantwortung bewusst: „Das Stück ist so wahnsinnig still – es ist schon sehr anspruchsvoll.“

Tatsächlich hat sich Weiss von den oft bombastischen Requiem-Kompositionen der Vergangenheit denkbar weit entfernt: Wie Johannes Brahms hat er sich die Freiheit genommen, den Text der katholischen Liturgie durch andere Texte zu erweitern (Weiss hat auch Eichendorff, Hesse, Rilke und Tagore vertont), mit der Klangfülle des „Deutschen Requiems“ aber hat sein Stück nichts zu tun. Die Orchestrierung ist zurückhaltender, manchmal besteht die Partitur nur aus zwei einzelnen Stimmen. „Die Kunst besteht ja nicht darin, ein Stück aufzuschreiben. Sie liegt in der Beantwortung der Frage, was davon man alles weglassen kann“, sagt Weiss.

Die musikalischen Reduktion des „Requiems“ deckt sich mit dem großen Thema des Stückes, das für den Komponisten das „Loslassen“ ist – „von materiellen wie von immateriellen Dingen“. Gerne verzichtet er dabei auf das Klischee, dass viele Komponisten die Komposition einer Totenmesse selbst nicht lange überleben. „Ich hatte schon die Befürchtung, dass mir der Sargdeckel auf den Kopf fällt“, sagt er und lacht noch einmal. Jetzt ist es überstanden. Und für das Foto am Ende bleibt der schwarze Mantel dann doch am Haken.

Die Uraufführung des „Requiems“ mit dem Knabenchor Hannover, der NDR Radiophilharmonie und den Solisten Dorothee Mields und Anderas Karasiak unter der Leitung von Jörg Breiding ist am 31. Oktober um 19 Uhr im Sendesaal des NDR, eine zweite Aufführung gibt es am 1. November um 17 Uhr in der Braunschweiger St.-Katharinen-Kirche.

28.10.2009
Johanna Di Blasi 28.10.2009